"Rufmord", "Schlachtbank"Pechsteins Lebensgefährte überzieht Sportler und Presse mit Vorwürfen

Während der Olympischen Winterspiele enthüllt eine Recherche vermeintlich krasse Missstände beim deutschen Eisschnelllaufverband DESG. Ein Athlet legt nach. Verbandspräsident Matthias Große, der Lebensgefährte von Ex-Athletin Claudia Pechstein, holt zum Rundumschlag aus.
Als DESG-Präsident Matthias Große zur großen Rechtfertigung ansetzte, standen die ARD-Journalisten auf einem Parkplatz vor den weitläufigen Absperrungen am Fuße des Berliner Müggelturms. Hausverbot, kritische Fragen nicht erwünscht: Bei der beispiellosen Pressekonferenz der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft ist es zum Eklat gekommen.
28 Minuten und 40 Sekunden dauerte das Eröffnungsstatement von Große, der im dunkelblauen Anzug mit Einstecktuch dozierte. Den beiden ARD-Reportern Hajo Seppelt und Jörg Mebus, die mit ihrer zu Beginn der Olympischen Winterspiele veröffentlichten Recherche über angebliche Missstände im Verband den DESG-Chef zu seinem Auftritt veranlasst hatten, unterstellte er dabei "Rufmord".
"Wir lassen uns nicht vorführen. Leute, die meinen Verband auf die Schlachtbank führen wollen, mit denen teile ich nur noch den Gerichtssaal", sagte Große, Lebensgefährte der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein, immer wieder mit lauter Stimme. Der Schaden, der für die DESG in den vergangenen 14 Tagen entstanden ist, sei siebenstellig - der Prozess werde "genauso lange dauern wie die Causa Pechstein. Und ich verspreche ihnen, der geht genauso aus wie die Causa Pechstein."
Vorwürfe: Sportler vernachlässigen und nicht bezahlen
Deutschlands Rekordolympionikin hatte im März 2025 an selber Stelle nach einem 16 Jahre langen Rechtsstreit mit dem Weltverband ISU wegen ihrer Dopingsperre aufgrund von auffälligen Blutwerten ihr Karriereende bekannt gegeben. Über die Details der Einigung wurde damals Stillschweigen vereinbart.
Am Donnerstagvormittag wies Große mit seinem Team mithilfe einer Power-Point-Präsentation nun sämtliche Vorwürfe, der Verband würde die Sportler vernachlässigen, Haushaltspläne zurückhalten und Prämien nicht oder nur stark verzögert auszahlen, kleinteilig zurück. Auch ein "Klima der Angst" gebe es nicht, Athleten selbst waren nicht vor Ort.
Fridjof Petzold hatte zuletzt als einer der wenigen Sportler seine Stimme erhoben. "Ich bin am ehesten gespannt, wie man sich da jetzt rausredet und wer der Sündenbock sein wird im Endeffekt", hatte Petzold, der für die Athletenkommission des Eislauf-Weltverbands ISU kandidiert, laut "FAZ" nach einem seiner Olympia-Rennen mit Blick auf die Veranstaltung gesagt.
Große: "Dann kommt jemand, der keine Leistung bringt"
Große reagierte verärgert. "Dann kommt jemand, der keine Leistung bringt, der sich nicht an die Regeln hält, stellt sich vor die Kamera und pestet." Petzold war 19. über 5000 Meter und 28. im Massenstart geworden. Das Präsidium habe einen "Entschluss gefasst", so Große, eine Disziplinarkommission werden nun über das weitere Vorgehen entscheiden.
Und die anderen Vorwürfe? Keinen einzigen Euro müssten die Athleten zahlen, Haushaltspläne seien auf Mitgliedsversammlungen mündlich vorgetragen worden, die finanzielle Entwicklung unter seiner Führung prächtig. "Wir werden hingestellt, wir plündern unsere Athleten aus. Was für ein Schmutz, toxisch", so Große.
Seppelt, der das Hausverbot per Anwaltsschreiben erst auf dem Parkplatz überreicht bekommen hatte, sprach von einem "beispiellosen Vorgang in der Geschichte deutscher Sportverbände. [...] Da werden sich im Nachgang noch einige Fragen über den Umgang von Herrn Große mit der Pressefreiheit stellen", sagte er. Der Verband Deutscher Sportjournalisten und auch ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky hatten im Vorfeld von einem "klaren Eingriff in die Pressefreiheit" gesprochen, die ARD-Verantwortlichen vor die Tür zu setzen.
Der DOSB berief sich auf die in den Statuten festgeschriebene Verbandsautonomie, sei aufgrund der ARD-Recherche nun jedoch "sensibilisiert." Auch das Bundeskanzleramt in Person von Sportstaatsministerin Christiane Schenderlein kündigte zuletzt eine Überprüfung an.