Sport

Washington feiert MLB-Triumph Sie haben fast ein Jahrhundert lang gewartet

Nach 95 Jahren hat Washington endlich wieder ein Meisterteam in der Major League Baseball. Die Nationals gewinnen eine äußerst ungewöhnliche Finalserie gegen die Houston Astros. Es ist ein historischer Triumph - nicht nur wegen der langen Wartezeit.

Theodore Lerner wirkte in dem Jubel um ihn herum ein wenig schüchtern. Vielleicht war alles dann doch ein wenig zu viel für den 94-Jährigen, den alle nur "Ted" nennen. Natürlich freute er sich. Sehr sogar. Aber in seinem Alter genießt man eben etwas konservativer. Als dieser Ted Lerner am Mittwoch nun so dastand, im Ball-Park in Houston, umgeben von freudigen Spielern und Trainern der Washington Nationals, da wollte ein Fernsehreporter vom Miteigentümer des Klubs wissen, wie das denn nun eigentlich für ihn so sei, da seine Nationals erstmals Meister der Major League Baseball geworden seien? "Der Traum ist wahr geworden", antwortete Lerner nach dem entscheidenden 6:2-Sieg gegen die Houston Astros mit leiser, aber stolzer Stimme.

*Datenschutz

Er war 1925 in der US-Hauptstadt zur Welt gekommen. Zwölf Monate zuvor hatten damals die Washington Senators die World Series der MLB in sieben Spielen gegen die New York Giants gewonnen. Lerner war oft bei Spielen der Senators gewesen, einen Meistertitel erlebte er jedoch nie. Im Gegenteil. Der Verein galt viele Jahre als Lachnummer, Fußabtreter und konnte sein Verlierer-Image nie loswerden. Zweimal zogen die Senators sogar um - 1960 nach Minnesota und 1971 nach Dallas.

Von Montreal nach Washington

Als sie nach Texas gingen, war Washington bis 2004 Baseball-Brachland. Dann entschied die Liga, die Montreal Expos umzusiedeln. Neue Heimat: Washington. Neuer Name: Nationals. 2006 erwarb Ted Lerner den Klub. Er hatte in Washington ein Immobilien-Imperium aufgebaut, es so zum Milliardär geschafft und sich für 450 Millionen Dollar die Nationals gegönnt. Und mit ihnen hat Washington nun nach 34.718 Tagen wieder einen MLB-Champion. 95 Jahre und 20 Tage sind seit dem 10. Oktober 1924 vergangen. Seit jenem 4:3-Sieg nach zwölf Innings gegen die New York Giants. Damals hieß der US-Präsident Calvin Coolidge, in Chamonix gab es die Premiere der Olympischen Winterspiele und die beiden Amerikaner Lowell H. Smith und Erik H. Nelson absolvierten den ersten Flug um die Erde.

In keiner anderen Stadt der USA haben sie so lange auf den Gewinn der World Series warten müssen wie in Washington. Deshalb wusste Ted Lerner, wem er diesen Erfolg vor allem gönnt. “Dieser Titel ist für unsere Fans in Washington. Und wir hoffen, dass wir auch künftig gewinnen werden.” Und während es das sagte, wurden sie um ihn herum schon wieder laut, die Spieler, Trainer und Offiziellen. Kein Wunder. Was war das für eine verrückte Saison gewesen? Am 23. Mai lautete die Bilanz noch 19 Siege und 31 Niederlagen. Von den 30 MLB-Teams war Washington das fünftschlechteste. “Aber unser Trainer hat trotzdem immer an uns geglaubt”, betonte Anthony Rendon.

*Datenschutz
Kritiker widerlegt

Der Third Baseman und sein Team haben in den vergangenen Wochen oft hören müssen, dass sie gar nicht in diese Playoffs und erst Recht nicht in die World Series gehören würden. Doch das, so Rendon, habe den Team-Zusammenhalt nur noch größer werden lassen. Und dieser Spirit zeigte sich in den ganz schwierigen Situationen. Davon gab es einige. Im Wild Card Game - einem Alles oder Nichts-Spiel zu Beginn der Playoffs - lag Washington gegen die Milwaukee Brewers im achten Inning 1:3 hinten, gewann aber noch 4:3 und überstand somit erstmals in der Vereinsgeschichte eine K.-o.-Runde.

Im Viertelfinale drohte gegen Vizemeister Los Angeles Dodgers erneut die vorzeitige Saisonpause. Abermals war Washington im achten Inning der entscheidenden Partie 1:3 hinten. Abermals drehten die Nationals das Match noch und kamen weiter. “Diese Energie, die Kameradschaft. Wir haben alle immer aneinander geglaubt”, sagte Pitcher Max Scherzer.

Finalserie mit sieben Auswärtssiegen

*Datenschutz

Als er am Mittwoch in Houston nach 103 Würfen und fünf Innings beim Stand von 0:2 ausgewechselt wurde, sprach vieles dafür, dass dieser Oktober für die Nationals zwar ein famoser, aber eben kein meisterlicher werden würde. Doch andererseits war diese World Series so ungewöhnlich und anders als alle 114 vorangegangenen gewesen. Denn nie zuvor hatten die Gäste alle sechs Spiele gewonnen. Warum also nicht auch noch ein siebtes Mal? Zumal diese Nationals “einfach eine Truppe von unverwüstlichen Kerlen” sei, wie Nationals-Trainer Dave Martinez immer wieder hervorgehoben hatte.

Und diese unverwüstlichen Kerle kämpften sich tatsächlich zurück. Genau so, wie sie es schon so oft vorher in den vergangenen 30 Tagen getan hatten. Siebtes Inning: Solo-Homerun Anthony Rendon, anschließend Two-Run-Homerun von Howard Kendrick - und plötzlich führte Washington 3:2. Houston war sichtlich geschockt. Auch die knapp 40.000 Fans auf den Rängen wurden immer leiser. Die Nationals hingegen bauten ihren Vorsprung im achten und neunten Inning auf 6:2 aus. Der Rest waren Jubel, Freuden-Tränen und ein Triumph, der als eine der größten Überraschungen der World Series gilt - und auf den sie in Washington 95 Jahre lang warten mussten.

Quelle: ntv.de