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Welthandballer Stephan spricht Klartext WM-Debakel kein Ausrutscher

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Daniel Stephan wurde 1998 zum Welthandballer gewählt. 2004 gewann er mit der deutschen Nationalmannschaft den Europameister-Titel. Eine WM-Teilnahme blieb dem Rückraumspieler wegen diverser Verletzungen verwehrt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das blamable Abschneiden der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Schweden wirft viele Fragen auf. Nie zuvor präsentierte sich ein DHB-Team derart chancenlos gegen eigentlich zweitklassige Gegner wie Norwegen. Der ehemalige Welthandballer Daniel Stephan sieht das WM-Debakel keinesfalls als Ausrutscher. Im Gespräch mit n-tv.de bemängelt er das Fehlen von Führungsspielern, spricht sich für eine Ausländerbeschränkung in der Bundesliga aus und bangt um den Ruf des Handballsports in Deutschland. Bundestrainer Heiner Brand hält er nach wie vor für den richtigen Mann.    

n-tv.de: Bundestrainer Heiner Brand hat sehr deutlich gesagt, dass von der deutschen Handball-Nationalmannschaft derzeit keine Weltklasse-Leistungen zu erwarten seien. Die WM 2011 war also definitiv mehr als nur ein Ausrutscher?

Daniel Stephan: Vor der Weltmeisterschaft habe ich gesagt, dass einiges zu erwarten ist, wenn alle Leistungsträger auf ihrem tatsächlichen Niveau spielen. Letztlich muss ich mich da ein wenig revidieren. Wenn man sich neben Rang elf bei der WM auch den zehnten Platz bei der Europameisterschaft 2010 in Österreich berücksichtigt, kann man nicht mehr nur von einem Ausrutscher sprechen. Ein Aussetzer bedeutet bei der Nationalmannschaft derzeit eher, dass sie ein gutes Spiel hinlegt. So wie bei der WM gegen die Isländer. Wir sind vielleicht besser als der elfte Platz. Unter die ersten fünf gehören wir im Moment aber nicht. Eines steht fest: Es muss sich etwas ändern. Wir müssen mit dem "hätte, wenn und aber" aufhören.

Dabei sind doch noch einige Weltmeister von 2007 mit dabei. Michael Kraus war vor vier Jahren sogar im All-Star-Team. Macht sich das Fehlen von alten Hasen wie Christian Schwarzer so deutlich bemerkbar?

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Michael Kraus sieht Stephan nicht als Führungsspieler.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ja. Mimi Kraus spielte sicher eine gute WM in Deutschland, aber er konnte sich immer an Markus Baur oder Blacky Schwarzer orientieren. Dieses Vakuum konnte man nicht füllen. Kraus ist einfach kein Führungsspieler. Er hat individuelle Stärken, eine gute Athletik, kann aber keine Mannschaft führen. Pascal Hens hat leider keine gute WM gespielt und konnte deswegen nicht so wirklich gut führen. Diese beiden dürfen aber keinesfalls zu Sündenböcken gemacht werden. Wir sind im Moment einfach in der Breite nicht gut genug aufgestellt, um an die Weltspitze zu kommen.

Sehen Sie irgendeinen Spieler, der in die Häuptlingsrolle hineinrutschen könnte?

Schwer zu sagen. Die Torhüter sind vom Charakter her wie geschaffen dafür. Nur können sie auf dem Platz nicht genug Einfluss nehmen. Gerade ein Rückraum-Spieler wäre gefragt. Wir müssen zunächst die Qualität in der Nationalmannschaft steigern, um Führungsspieler rekrutieren zu können.

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Heiner Brand ist für den ehemaligen Lemgoer auch für einen Neuaufbau der richtige Mann.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wäre im Trainerstab vielleicht frisches Blut nötig oder sehen die Heiner Brand nach wie vor als den Richtigen?

Ich würde mich freuen, wenn Heiner weitermacht. Er wird jetzt sicherlich ein paar Wochen überlegen. Ich habe ihn noch nie so enttäuscht gesehen wie nach den Spielen. Er hat aber jahrelang bewiesen, dass er der richtige Mann ist. Und für ihn wäre es sicher eine reizvolle Aufgabe, etwas zu ändern. Heiner Brand ist das Gesicht des deutschen Handballs und hat auch die Klasse, eine neue Mannschaft zu formen.

Horst Bredemeier, Vizepräsident des Deutschen Handball Bundes, sieht nun die Liga in der Pflicht. Er bemängelt, dass zu viele ausländische Spieler auf den Top-Positionen spielen. Sind die Vereine wirklich zu egoistisch?

Man muss das aus zwei Blickwinkeln betrachten. Einerseits brauchen wir die ausländischen Spieler, um weiter die stärkste Liga der Welt zu haben. Andererseits kommen unsere deutschen Spieler zu kurz. Der Bundestrainer oder auch Herr Bredemeier haben schon seit Jahren, selbst nachdem wir Weltmeister geworden waren, darauf hingewiesen, dass wir zu wenige deutsche Nationalspieler haben, die bei Spitzenvereinen Führungsqualitäten zeigen. Auch ich wünsche mir mehr deutsche Spieler an den Schalthebeln. Klar ist Hens in Hamburg ein Star, aber da gibt es eben auch noch einen Bertrand Gille und andere. Es kann auch nicht sein, dass -  wie im letzten Jahr geschehen - Lehrgänge für das Nationalteam abgesagt werden müssen, weil die Bundesliga spielt. Auch vor der WM hatte Heiner Brand nur zehn Tage Vorbereitungszeit.

In der spanischen Liga besteht eine Ausländerbeschränkung. Die Nationalmannschaft steht im WM-Halbfinale. Halten sie Quotenregelungen für sinnvoll?

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Gegen Spanien verloren die deutschen Handballer knapp.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das würde ich begrüßen. Aber eine Quote müsste schon tiefgreifend sein. Derzeit ist ja die Rede davon, dass ein Verein auf jeden Fall vier deutsche Spieler im Kader haben muss. Das nützt nichts. Schließlich stehen viel mehr Spieler im Kader. Und wenn sich eine Mannschaft mit zehn ausländischen Top-Spielern verstärkt und diese vier Spieler dann auf die Bank setzt, ist das auch kein Fortschritt. Ich glaube allerdings nicht, dass eine ernst gemeinte Quotenreglung zu realisieren ist. Erstens kann ich mir nicht vorstellen, dass die Vereine hier entgegenkommen, zweitens kann ja ein Spieler klagen. Nach heute geltendem Recht lässt sich eine solche Maßnahme wahrscheinlich kaum durchsetzen.

Gibt es eine Lösung fernab von der Quotenregelung?

Die Quotenregelung muss einfach diskutiert werden. Momentan wird zudem versucht, mit der Einführung der A-Jugend-Bundesliga gegenzusteuern. Sicherlich müssen die Vereine dann Mehrkosten tragen, aber die Qualität der Spiele nimmt so zu. Es macht ja keinen Sinn, wenn eine gute A-Jugend-Mannschaft wie bisher 80 Prozent ihrer Spiele mit 20 Toren Vorsprung gewinnt, weil sie nicht genügend gefordert wird. 

Der Jugendhandball hat in Deutschland zuletzt ja viele Erfolge gefeiert, 2009 unter anderem den Titel bei der Junioren-WM. Der Franzose Thierry Omeyer, Torhüter beim THW-Kiel, meint, seine Landsleute setzen im Jugendhandball auf die richtige Fitness statt auf Erfolge. Frankreich hat derzeit die beste Nationalmannschaft. Werden unsere Talente falsch ausgebildet?

Fakt ist, dass die Franzosen der deutschen Nationalmannschaft körperlich überlegen sind. Die Ergebnisse sind gut, aber trotzdem nur zweitrangig. Man muss die individuelle Klasse der Spieler fördern. Das machen die Franzosen. Klar ist es von Vorteil, wenn man auf hohem Niveau Wettkampfpraxis erfährt, lernt, mit Druck umzugehen. Man sollte jetzt sicher nicht das gesamte System der Jugendarbeit umkrempeln. Es ist allerdings auch eine Tatsache, dass gerade im Rückraum kein Juniorennationalspieler irgendwo in der Bundesliga Stammspieler ist.

Verliert der Handball vielleicht auch zu viele Talente an andere Sportarten?

Das glaube ich nicht. Klar überstrahlt der Fußball alles, aber ich denke, der Handball hat sich als Sportart Nummer zwei durchgesetzt. Das wird anhand der Einschaltquoten und der Öffentlichkeit deutlich. Ich war auch eine Woche vor Ort in Schweden. Die Anzahl der Journalisten war schon beeindruckend. Und wir haben eigentlich Spieler wie Hens und Bitter, die wirklich Typen sind. Ich habe allerdings Angst, dass die Nationalmannschaft den Ruf des Handballs verspielt. Wenn der Handball nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit steht, muss man aufpassen, dass der Trend nicht Richtung Basketball und noch mehr Richtung Fußball geht.

Mit Daniel Stephan sprach Michael Kreußlein

Quelle: n-tv.de

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