WM-Kader mit ÜberraschungenTuchels "brutale Auslese" schockt England

Wer denkt, Julian Nagelsmann habe mit seinem Kader und der Rückholaktion von Manuel Neuer eine Kontroverse ausgelöst, sollte nach England schauen. Dort rasiert Thomas Tuchel mehrere Stars und sendet vor der WM Schockwellen durchs Mutterland des Fußballs.
Mit den Superstars Harry Kane und Jude Bellingham, aber überraschend ohne Cole Palmer und Phil Foden strebt Thomas Tuchel mit England den ersten WM-Titel seit 60 Jahren an. Der deutsche Teammanager hat seinen 26-Mann-Kader für das XXL-Turnier in den USA, Mexiko und Kanada (11. Juni bis 19. Juli) nominiert und damit im Mutterland des Fußballs eine hitzige Debatte ausgelöst. Denn Tuchel hat einige umstrittene Entscheidungen getroffen. Die "Daily Mail" wertete Tuchels Vorgehen als "brutale Auslese", die "Sun" titelte "Final Tuch-Es" (final touches) und sah eine "Schock-Verkündung".
"Wer glaubt, dieser Kader könne die Weltmeisterschaft gewinnen", kommentierte das Boulevardblatt bissig, "sollte sich mal den Kopf untersuchen lassen". Es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder werde Tuchel nach dem Finale am 19. Juli "als Genie gefeiert", oder die WM ende in einer "Katastrophe".
So sind neben den beiden Offensivstars Palmer (FC Chelsea) und Foden (Manchester City) etwa auch Rechtsverteidiger Trent Alexander-Arnold (Real Madrid) und Abwehr-Routinier Harry Maguire (Manchester United) nicht dabei. Mit Morgan Gibbs-White von Nottingham Forest sowie Dominic Calvert-Lewin (Leeds United) bekamen auch die beiden derzeit besten englischen Torschützen der Premier League kein Ticket. Dafür aber sensationell Angreifer Ivan Toney vom saudischen Klub Al-Ahli.
Tuchel hat endlich "Klarheit"
Er habe in den letzten Tagen "viele schwierige Entscheidungen" treffen müssen, sagte Tuchel. Jetzt herrsche "Klarheit", er fühle sich "erleichtert" und ist "bereit loszulegen". In etwas mehr als einer Woche "sitzen wir im Flugzeug und ich kann es kaum erwarten". Die beißende Kritik an seinen Entscheidungen perlt zumindest äußerlich an Tuchel ab. "Es ist schwer, alle zufriedenzustellen, aber wir müssen einen Kader aufstellen, den wir lieben und von dem wir überzeugt sind", sagte er.
Als einer der Ausgebooteten hatte sich vor der Kader-Bekanntgabe schon Manchester Uniteds Maguire zu Wort gemeldet und seinem Unmut Luft verschafft. "Ich war überzeugt, dass ich diesen Sommer nach der Saison, die ich gespielt habe, eine wichtige Rolle für mein Land hätte spielen können", schrieb Maguire auf Instagram. "Ich bin schockiert und zutiefst enttäuscht." Noch im März hatte der 33-Jährige zwei Testspiele für England bestritten.
Auf dem Weg zum ersehnten Titel werden die Three Lions von Kapitän Kane (Bayern München) und dem ehemaligen Bundesliga-Star Bellingham (Real Madrid) angeführt, auch Mittelfeldantreiber Declan Rice vom neuen Meister FC Arsenal kommt eine Schlüsselrolle zu. Insgesamt sind wieder 14 Spieler dabei, die vor zwei Jahren in Deutschland Vize-Europameister geworden waren. Für elf Profis wird die WM das erste große Turnier ihrer Karriere sein.
England trifft bei der WM in Gruppe L auf Kroatien (17. Juni), Ghana (23. Juni) und Panama (27. Juni). Anfang Juni fliegen Tuchel und Co. zur finalen Vorbereitung in die USA, dort stehen zwei abschließende Testspiele auf dem Programm: gegen Neuseeland (6. Juni) und Costa Rica (10. Juni).