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BVB gegen Schalke - Das netteste Derby der Welt Das Duell im Pott lebt von der Folklore

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Verbrüderungsszenen auf den Tribünen zwischen Knappen und BVB-Fans sind keine Seltenheit - bei den klassischen Derbys aber fast undenkbar.

(Foto: picture alliance / dpa)

FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund, das größte deutsche Derby, geht in seine 143. Auflage. Dabei ist die Rivalität jung - und längst nicht so verbittert wie andernorts. Die Schalker stehen sogar im Goldenen Buch der Stadt Dortmund.

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Die Schalker bejubeln ihren Torwart Jens Lehmann - der später für die Borussia zwischen den Pfosten stand.

(Foto: imago sportfotodienst)

12. Dezember 1997, Dortmund, Westfalenstadion. Die letzte Minute ist angebrochen. Schalke liegt 1:2 zurück, bekommt noch einmal Eckball. Jens Lehmann rennt in den gegnerischen Strafraum. Halbhoch segelt die Ecke auf den Elfmeterpunkt. Direktabnahme in Richtung Lehmann, der köpft - ins Tor. Der Torhüter des FC Schalke 04 erzielt den Ausgleich zum 2:2 gegen Borussia Dortmund. Ein historischer Treffer. Als erster Torhüter der Bundesliga erzielte er aus dem Spiel heraus einen Treffer. Selbstverständlich hat sich die Bundesliga dieses Tor extra für das Revierderby aufgehoben.

Das Duell zwischen S04 und dem BVB ist kein Spiel wie jedes andere - aber auch nicht das, für was es sich ausgibt. Natürlich leben die Vereine ihre Rivalität aus, vor allem die Fans, mit der üblichen Folklore: Gelsenkirchen und Dortmund werden gegenseitig als verbotene Städte bezeichnet und durch die Synonyme Herne-West und Lüdenscheid-Nord ersetzt.

Aber die Rivalität zwischen "den Knappen" aus Gelsenkirchen und Borussia Dortmund ist im Vergleich zu anderen Derbys noch recht jung, und nicht wie bei anderen großen Rivalitäten im Fußball aufgrund religiöser, politischer- oder gesellschaftlicher Unterschiede entstanden. Einzig die sportliche Konkurrenz zwischen zwei benachbarten Städten spielte eine Rolle - und diese Konkurrenz existierte bis in die 1950er Jahre schlicht nicht. Vielmehr blickte der BVB in den ersten Jahrzehnten freundschaftlich zum FC Schalke auf, zum Abonnement-Meister der 1930er Jahre.

Königsblaue Dominanz

Schalke - Dortmund, 15.30 Uhr

Voraussichtliche Aufstellungen:

Schalke: Hildebrand - Uchida, Höwedes, Matip, Aogo - Neustädter, Jones - Boateng, Meyer, Draxler - Szalai
Dortmund: Weidenfeller - Großkreutz, Subotic, Hummels, Schmelzer - Bender, Sahin - Aubameyang, Mkhitaryan, Reus - Lewandowski
Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg)

Drei Jahrzehnte lang war das Revierderby eine eindeutige Angelegenheit. Für Borussia Dortmund gab es traditionell gegen Schalke nichts zu gewinnen. Als der "Schalker Kreisel" mit seinem kurzen Flachpassspiel brummte, ging Schwarz-Gelb regelmäßig unter. Besonders bitter am 20. Oktober 1940: Der FC Schalke 04 fertigte den BVB zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte des Revierderbys zweistellig ab. 10:0 hieß es am Ende, und der "Kicker" konstatierte: "Wenn Dortmund nach Schalke muss, dann sind sie im Lager der Dortmunder auf eine hohe Abfuhr gefasst."

Zwischen 1934 und 1942 gewann Königsblau sechs Meisterschaften. Die Bilanz der Spiele zwischen Dortmund und Schalke war für den BVB vernichtend: Bis 1943 gewann Dortmund keines der 17 Spiele. Es waren nicht Jahrzehnte der Rivalität, sondern der einseitigen Bewunderung. Nach dem Gewinn der vierten Meisterschaft durfte sich die Mannschaft von Schalke 04 sogar ins Goldene Buch der Stadt Dortmund eintragen.

Zwar landete der BVB im Oktober 1943 mit 1:0 einen Achtungserfolg über Schalke 04. Doch trotz des ersten Triumphs der Borussia gegen die "Knappen" lebten beide Vereine in einer friedlichen Koexistenz miteinander, statt in einer Rivalität zueinander. Sportlich trennten beide Vereine Welten.

Die "Wende im Westen"

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das sportliche Kräfteverhältnis im Westen der Republik. Der Schalker Kreisel hatte ausgebrummt, die königsblaue Dominanz war gebrochen. Nach und nach verschwanden die Spieler der erfolgreichsten Zeit in der Schalker Vereinsgeschichte aus der Mannschaft. Hermann Eppenhof beendete als letzter Spieler der alten Meistermannschaft im Dezember 1956 seine aktive Laufbahn.

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Santana wechselte vor der Saison vom BVB zu Schalke, ohne Getöse. Noch 23 andere Spieler wechselten seit Gründung der Bundesliga in die Farben der jeweils "verbotenen Stadt".

(Foto: imago sportfotodienst)

Zeitgleich begann der Aufstieg von Borussia Dortmund zu einer nationalen Marke. Am 18. Mai 1947 spielten Borussia Dortmund und der FC Schalke zum ersten Mal nach dem Krieg wieder gegeneinander. Mit 3:2 triumphierte der BVB über die "Knappen". Es war der zweite Sieg im 20. Spiel gegen "Königsblau", es war der zweite Sieg in Folge, und es war ein großer Sieg. Borussia Dortmund gewann an diesem Tag die Westfalenmeisterschaft gegen Schalke 04. Der Sieg ging als die "Wende im Westen" in die Geschichtsbücher des Fußballs ein. Plötzlich war Borussia Dortmund nicht mehr der kleine Nachbar im Revier, sondern der große Fußballrivale von Schalke 04 - und kein schlechter. Die 1950er Jahre gehörten sportlich klar dem BVB. Zwar konnten die "Knappen" 1958 noch eine Deutsche Meisterschaft feiern, doch die Borussia feierte sogar zwei (1956 und 1957).

Spätestens mit Gründung der Bundesliga war die Rivalität zwischen den beiden Vereinen manifestiert. Aber die Dominanz des FC Schalke 04 in den 1930er und 1940er Jahren im Revierfußball ist bis heute einmalig. Nie wieder beherrschte ein Klub aus dem Ruhrgebiet den deutschen Fußball und die lokale Konkurrenz wie in diesen zwei Jahrzehnten. Vielleicht sollte die Zählung des Revierderbys überdacht werden und im Jahre 1947 auf null gestellt werden. Denn mit der "Wende im Westen" startete das mittlerweile traditionsreiche Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 neu.

Kleines Licht in der großen Derby-Welt

Trotz der sportlichen Rivalität verbreitet das Revierderby in der großen Welt des Fußballs nicht das ganz große Derby-Feuer. Das Duell Borussia Dortmund gegen Schalke 04 hat nicht die Tradition und die Brisanz anderer Derbys. Die Mutter aller Derbys findet zwischen Celtic Glasgow und den Glasgow Rangers statt. Das sogenannte "Old Firm" ist eine Glaubensfrage: Celtic ist der katholische Klub irischer Einwanderer, und die Rangers der Verein der Protestanten. Seit über einem Jahrhundert wird dieser Konflikt auf dem Rasen ausgefochten. Dass Derbys nicht immer einen lokalen Hintergrund haben müssen, zeigt sich heute in Spanien. Im "El Clásico" geht es auch um Politik, wenn der Klub des zentralistischen Spaniens (Real Madrid) auf katalanische Regionalität (FC Barcelona) trifft.

Viele andere Derbys der Welt thematisieren soziale, politische oder religiöse Konflikte – das Revierderby nicht. Deshalb ist es im Vergleich zu anderen Derbys auch vergleichsweise friedlich - hoffentlich auch heute.

Quelle: n-tv.de

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