Fußball

Lehren aus der Nations League Das Vertrauen in Löw schwindet rapide

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Erreicht er noch seine Mannschaft und hat er noch frische Spielideen? Joachim Löw steht in der Kritik.

(Foto: imago images/Pressefoto Baumann)

Ach, Nationalmannschaft. Keiner will dich mehr - aber das auch völlig zu Recht. Bundestrainer Löw lässt unattraktiv und erfolglos spielen und stellt nicht nach dem Leistungsprinzip auf. Fans sind übersättigt, haben Oliver Bierhoffs Marken-Eventisierung satt und suchen vergebens nach Identifikationsfiguren.

Desinteresse steigt

53.000 Zuschauer strömten in die Veltins-Arena in Gelsenkirchen. 20.45 Uhr, beste Anstoßzeit. Trotz des Mittwochs-Termins war die Vorfreude auf das Spiel überall zu spüren. Und die Nationalmannschaft enttäuschte ihre Fans nicht, überzeugte mit einem 3:0 bereits zur Halbzeit, wobei Miro Klose gleich zweimal einnetzte. Dieses Fußballfest fand 2006 statt, einen Monat nach der WM im eigenen Land. Und es war ein Freundschaftsspiel gegen Schweden, das die Massen in ihren Bann zog. Von diesem Jahr an - über die EM 2008 mit einem starken "Capitano" Michael Ballack und die WM 2010, bei der der Stern Mesut Özils aufging bis hin zum Rio-Finale 2014 mit einem beherzt kämpfenden Bastian Schweinsteiger - begeisterte die DFB-Elf ihre Zuschauer in vielen ihrer Spiele. Stand heute sind DFB-Fußballfeste absolute Mangelware.

Seit der EM 2016 interessieren sich immer weniger Fans für die Nationalmannschaft, Sitzplätze bleiben leer, Stimmung auf den Rängen war auch vor Corona nur selten zu finden, am TV-Gerät gucken längst nicht mehr die Massen von 2006 zu (lediglich 5,82 Millionen Menschen schalteten beim Spiel gegen die Türkei ein - Negativrekord in der besten Sendezeit, seit Joachim Löw Bundestrainer ist).

Löw: Erfolglos und unerwünscht

Die Misere hat fünf Gründe. Der erste Punkt ist der Bundestrainer selbst. Joachim Löw ist nicht mehr der Richtige - so sehen das zumindest die Fans der Nationalmannschaft. Bei einer repräsentativen Umfrage der App FanQ im Auftrag des Sport-Informationsdienstes zwischen dem 11. und 13. Oktober antworteten 76,5 Prozent der Befragten mit "Nein" auf die Frage, ob Löw noch ihr Vertrauen als Bundestrainer hätte. Nur 4,5 Prozent wollen ihn behalten. Das miserable Ergebnis für den Coach rührt wohl auch daher, dass seine Mannschaft seit fünf Spielen nicht mehr ohne Gegentor geblieben ist und zuletzt sieben Treffer in drei Spielen kassiert hat. Löw wurde immer wieder angekreidet, mit einer Dreierkette zu spielen, denn seit des frühen Ausscheidens bei der WM in Russland gab das DFB-Team so schon sieben Führungen aus der Hand. Aber dass es mit Viererkette genauso wacklig zugeht, bewies das Team zuletzt gegen die Schweiz beim wilden 3:3.

Zu einfache, teils eklatante Ballverluste und Abspielfehler in der Defensive, gepaart mit trägem Ballgeschiebe und zu langsamem Spielaufbau: Die Spielidee Löws, schnell und präzise nach vorne zu spielen, ist nur sehr selten und höchsten vereinzelt erkennbar. Über eine komplette Partie gar nicht mehr. Die Offensive lahmt: Oft sind es vorne Einzelaktionen von Werner, Gnabry oder Sané, die für die Tore sorgen. Spielgestalterische Elemente, wie sie etwa Mesut Özil zu seinen guten Zeiten aufs Feld brachte, fehlen. Und dadurch logischerweise auch die Erfolge. Erst ein einziges Spiel konnte Löw in der Nations League gewinnen.

Dass der DFB mit dem Bundestrainer und seinem Team - allen scheinen hier die frischen Ideen zu fehlen - schon vor dem WM 2018 bis 2022 verlängerte, entpuppt sich als immer größerer Fehler. Ob Löw mit seiner ihm eigenen Art, die nicht gerade die emotionale Klopp'sche ist, die junge Generation noch erreicht, darf bezweifelt werden. Ehemalige Nationalspieler wie Bastian Schweinsteiger oder Olaf Thon hacken ordentlich auf Löw ein.

Auch im Netz entlädt sich die Wut, bei Twitter unterstellen ihm mehr und mehr User Ahnungslosigkeit und fordern seinen Rücktritt. "Muss eigentlich erst noch ein Turnier in den Sand gesetzt werden, bevor Löw gefeuert wird?", fragt einer und Dirk Adam von "Focus Online" schreibt: "Seit Hansi Flick 2014 weg von Löw ist, geht's mit der Nationalmannschaft ständig bergab." Gianni Costa, Chefreporter Sport bei der "Rheinischen Post", analysiert: "Wenn man ehrlich ist, Löw hatte so viel mehr letzte Chancen als die allermeisten Trainer jemals bekommen. Man hat einfach verpasst, einen Schnitt zu machen beim DFB. Es bleibt nur ein Gewurstel und niemals ein Neuanfang, weil man sich einfach aneinander satt gesehen hat."

Übersättigung

Zweitens ist der Fußballfan gesättigt und genervt: EM-Qualifikation, Nations League (die niemand wirklich versteht oder liebt), immer weiter auseinandergezerrte Bundesliga- und Champions-League-Spieltage, viel zu viel Entertainment-Drumherum (Mercedes-Benz-Kampagnen, DFB-Fanklub "powered by Coca-Cola" und Hashtag-Wirrwarr seitens Oliver Bierhoff, der "Die Mannschaft" zu einer Marke umbauen will). Jeden Tag läuft irgendwo ein Spiel (auf einem der vielen verschiedenen Sender/Online-Portale), das von irgendwem als "absolut wichtig" eingestuft wird. "#BestNeverRest" halt. Wer soll da noch mitkommen und wer soll da noch jedes Mal aufs Neue begeistert werden? Knapp die Hälfte der Befragten bei der FanQ-Sid-Umfrage empfinden das Image der Nationalmannschaft als "schlecht" oder "sehr schlecht". Selbst die Nationalmannschaftskicker sind bei den unzähligen Partien und Marketing-Terminen nicht mehr jedes Mal motiviert, wenn sie auf dem Feld stehen - was man ihnen kaum verübeln kann.

Zu wenige Identifikationsfiguren

Drittens: Die DFB-Elf fasziniert einfach nicht mehr. Das gilt für ihr Spiel wie für ihre Akteure. Früher watschte noch ein Lukas Podolski einen Ballack im Training ab, Bastian Schweinsteiger kämpfte sein Team mit blutigem Auge zum Titel oder Thomas Müller und Miro Klose schossen WM-Tor um WM-Tor. Heute stehen immer wieder Neuzugänge und geänderte Formationen auf dem Platz (41 Spieler setzte Löw seit dem Debakel in Russland 2018 ein) und die Fans finden keine Identifikationsfiguren mehr in der Mannschaft. Zuletzt kritisierte Schweinsteiger genau das. Wer reißt einen wirklich mit bis auf Halb-Aggressivleader Joshua Kimmich und vielleicht mal Leroy Sané oder Serge Gnabry mit einem Power-Dribbling? So etwas wie eine Stammelf, mit der sich Fans identifizieren können, oder Spieler mit Charisma gibt es fast gar nicht mehr. Auch bei dem ganzen Drumherum-Debakel des DFB - Razzia wegen Steuerhinterziehung, Sommermärchen-Affäre, verhaltenes Handeln bei Rassismus-Eklats - können Fans nur noch mit dem Kopf schütteln.

Schlichtweg zu unattraktiv

Das Wechselspiel innerhalb der Mannschaft hat auch den nächstens Punkt zur Folge: Die Nationalmannschaft kickt einfach seit 2017 so unterirdisch, dass es schlichtweg keinen Spaß macht, diese Spiele anzuschauen. Löw schaffte es nicht, seinen Spielstil zu erneuern und erweitern und so blieben auch die Erfolge aus. Im Spiel gegen Spanien, eine der besseren Partien in letzter Zeit, wechselte der Bundestrainer kurz vor Schluss die Offensivkräfte Sané und Werner gegen zwei Verteidiger aus und versuchte das 1:0 mit einer Mauertaktik über die Zeit zu bringen. Fast schon als logische Konsequenz fiel das späte 1:1. Zu den Großen Europas gehört dieses Team momentan definitiv nicht. Das war auch vor der WM 2006 lange so, als die DFB-Elf regelmäßig gegen "kleinere" Quali-Gegner zu Unentschieden oder knappen Siegen rumpelte. Die acht Jahre von der Heim-WM bis zum Finale in Rio waren vielleicht so besonders, wie manch einer damals kaum gedacht hätte.

Kein Leistungsprinzip

Dass es keinen Spaß macht, die Länderspiele anzuschauen, liegt auch daran, dass Löw längst nicht mehr nach dem Leistungsprinzip aufstellt. Thomas Müller sonderte er nach der WM in Russland zu schnell aus und sprang nicht über seinen Schatten, den Münchner in dessen erneuter Weltklasseform in der vergangenen Saison zu reaktivieren. Immer wieder griff der Bundestrainer außerdem auf den bei PSG wenig spielenden Julian Draxler zurück, der in seinen nun bereits 56 Länderspielen so gut wie nie überzeugte und nur sieben Tore schoss. Gegen die Ukraine bereitete der Pariser nur drei Torschüsse vor und vergab (wieder einmal) eine Hundertprozentige. Auch Antonio Rüdiger, bei Chelsea aussortiert, wird beispielsweise dem aussortierten Jérôme Boateng vorgezogen, der mit seiner Stabilität einen großen Anteil an Bayerns Triple hatte.

Zwar will Löw eine junge Mannschaft für die Zukunft aufbauen, aber erfahrene Stützen in Topform könnten die neue Generation auf dem Schritt nach vorne unterstützen. Toni Kroos spielt mit seinen 30 Jahren ja auch noch und ist nur gute drei Monate jünger als Müller. Marco Reus, dauerverletzt und ein paar Monate älter als Müller, wurde auch wieder nominiert. Die Fans stoßen sich an dem Auswahlprinzip des Bundestrainers und wenden sich deshalb ab.

Quelle: ntv.de