Fußball

Finanzieller Schaden durch Blatter? Fifa hält Dokument zurück

Kurz vor seiner mutmaßlichen Wiederwahl hat Fifa-Präsident Joseph Blatter die Veröffentlichung eines ihn belastenden Gerichtspapiers stoppen lassen, wenn auch nur auf Zeit. Derweil beginnt in Zürich der skandalumwitterte 61. Kongress des Fußball-Weltverbandes - mit Solidaritätsbekundungen für den angeschlagenen Fifa-Boss und einer überraschenden Volte.

2011-05-31T162939Z_01_RSP07_RTRMDNP_3_SOCCER-FIFA.JPG6265948465005989874.jpg

Immer neue Skandale um ihn und den Fußball-Weltverband werfen seit Wochen unangenehme Schlaglichter auf Fifa-Präsident Joseph Blatter.

(Foto: REUTERS)

Die Fifa um ihren Präsidenten Joseph Blatter hat mit juristischen Mitteln verhindert, dass ein belastendes Dokument über tolerierte Schmiergeldzahlungen an Funktionäre des Fußball-Weltverbandes vor der Präsidentenwahl publik geworden ist. Der Schweizer "Handelszeitung" zufolge enthält das Papier strafrechtliche Vorwürfe gegen ihn und die Fifa und nennt mindestens zwei Empfänger von Schmiergeldern innerhalb des Fußball-Weltverbandes. Zudem beschreibt es die Rolle der Fifa-Spitze um Präsident Blatter. Diese habe von den Zahlungen gewusst, aber nichts unternommen.

Bei dem Papier handelt es sich um die Einstellungsverfügung, mit der die Staatsanwaltschaft im schweizerischen Zug ein Verfahren gegen die Fifa und zwei ihrer Funktionäre abgeschlossen hat. Sie datiert vom 11. Mai 2010 und kam zustande, nachdem die angeklagten Parteien 5,5 Millionen Schweizer Franken bezahlt hatten, um die Strafuntersuchung abzuwenden.

Die Staatsanwaltschaft hat für die Veröffentlichung des Dokuments schon zweimal grünes Licht gegeben. Die Fifa erhob jeweils Einspruch - zuletzt am 24. Mai 2011 beim Obergericht des Kantons Zug, also nur acht Tage vor der Wahl. Zum fraglichen Zeitpunkt hatte Blatter mit Mohamed Bin Hammam noch einen Herausforderer um das Präsidentenamt. Inzwischen ist er der einzige Kandidat und fest gewillt, sich am Mittwoch in seine vierte Amtszeit wählen zu lassen.

"Blatter hat die Fifa finanziell geschädigt"

Ob das brisante Papier noch veröffentlicht wird, dürfte sich laut "Handelszeitung" in den nächsten sechs Monaten entscheiden. Jean François Tanda, der für die Zeitung seit Jahren zum Thema Fifa recherchiert, ging im Gespräch mit n-tv.de von einem positiven Entscheid aus: "Ich bin überzeugt, dass es veröffentlicht werden wird. Es gibt einen Präzedenzfall in der Schweiz, der vom Bundesgericht zugunsten der Veröffentlichung entschieden wurde. Deshalb gehe ich davon aus, dass das auch hier der Fall sein wird."

Für Blatter hätte das unangenehme Folgen. "Das Dokument wird aufzeigen, wie die Fifa-Spitze, also Herr Blatter, zugeschaut hat, wie Kollegen Gelder in Empfang genommen haben, die eigentlich der Fifa gehörten", sagt Tanda: "Damit hat Blatter natürlich die Fifa finanziell geschädigt und es wäre schon interessant zu hören, was die Landesverbände dazu sagen."

Begründet habe die Fifa ihre Einsprüche im Wesentlichen damit, dass es sich um einen alten Hut handele und die Veröffentlichung deshalb nicht mehr von aktuellem Interesse sei. Zudem argumentiert der Fußball-Weltverband mit der Wiedergutmachungszahlung von 5,5 Millionen Schweizer Franken. Mit dieser sei auch die Einigung auf Geheimhaltung des Dokuments verbunden gewesen, als Absicherung.

141 Millionen Schmiergeld

Die Zahlungen des Sportvermarktes ISL an mindestens zwei Fifa-Funktionäre waren im Rahmen eines Teilverfahrens zur juristischen Aufarbeitung des ISL-Konkurses im Jahr 2001 bekannt geworden. Dabei wurde ermittelt, dass der Konzern zwischen 1989 und 2001 mindestens 141 Millionen Schweizer Franken an hochrangige Sportfunktionäre gezahlt hat, auch an Fifa-Offizielle. Anders als der Fußball-Weltverband und die Staatsanwaltschaft bezeichnet das Kantonsgericht Zug die Zahlungen als Schmiergelder.

Die BBC hatte im November 2010, kurz vor den umstrittenen WM-Vergaben an Russland (2018) und Katar (2022), in der Sendung "Panorama" unter Verweis auf ISL-Zahlungslisten die noch immer amtierenden Fifa-Exekutivmitglieder Ricardo Teixeira (Brasilien), Nicolas Leoz (Paraguay) und Issa Hayatou (Kamerun) als Empfänger von Schmiergeldern genannt. Eine interne Untersuchung hatte Fifa-Präsident Blatter abgelehnt, er findet: "Die alten Kamellen von der ISL aufzuwärmen, das geht einfach nicht."

Tanda ist jedoch sicher, dass Blatter den Skandal nicht aussitzen kann. Zwar rechnet er nicht damit, dass es auf dem Fifa-Kongress die nötige Dreiviertel-Mehrheit geben wird, um Blatters Wiederwahl zu verschieben. "Aber Ruhe wird er nicht haben. Seine letzte Amtsperiode wird so sein wie die erste, nämlich überschattet von Korruptions- und Bestechungsgeschichten", sagt Tanda.

Fifa-Kongress eröffnet

2011-05-31T162603Z_01_s-RSP02_RTRMDNP_3_SOCCER-FIFA.JPG8757633515157770887.jpg

Mit großen Worten und großer Geste begrüßte Fifa-Präsident Joseph Blatter die Delegierten bei der Eröffnung des 61. Fifa-Kongresses.

(Foto: REUTERS)

Ungeachtet der bizarren Schlammschlacht der letzten Tage begann am Abend in Zürich der skandalumwitterte 61. Fifa-Kongress. In seiner Eröffnungsrede wandte sich Blatter fast resignierend an die Delegierten: "Wir leben in einer gestörten Welt. Es herrschen kein Respekt und kein Fair Play mehr. Die berühmte Fifa-Pyramide schwankt, sie  ist in ihren Grundfesten erschüttert." Beschwörend fügte er hinzu: "Es ist Gefahr im Verzug." Was er damit meinte, will Blatter erst am Mittwoch ausführen: "Ich werde morgen Gelegenheit haben, darüber zu sprechen. Heute wollen wir eine festliche Atmosphäre haben."

Doch obwohl im Laufe des Tages der englische und der schottische Verband eine Verlegung der Präsidentenwahl gefordert und vier Hauptsponsoren der Fifa den Druck auf den krisenerprobten Blatter erhöht hatten, scheint seiner Wiederwahl nichts mehr im Wege zu stehen. Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), machte Blatter und seinem krisengeschüttelten Verband Mut: "Ich will weder mit dem Finger auf die Fifa zeigen, noch eine  Lehrstunde erteilen. Auch wir hatten vor Salt Lake City mit diesen  Problemen zu kämpfen. Die Fifa wird sich Untersuchungen und  Widersprüchen stellen müssen. Ich bin mir aber sicher, dass die  Fifa dadurch stärker als je zuvor werden kann."

Kurz vor Kongressbeginn hatte im Fifa Home schon eine andere verrückte Nachricht die Runde gemacht. Jack Warner, der vorläufig suspendierte Fifa-Vizepräsident, soll die die stimmberechtigten Funktionäre der Karibischen Fußball-Union (CFU) in einem Schreiben aufgerufen haben, Blatter "wie vereinbart" zu unterstützen. Es ist die nächste Volte des bizarren Possenspiels. Am Wochenende hatte Warner nämlich noch einen "Fußball-Tsunami" angekündigt, gestern beschuldigte er Blatter dann offen der Bestechlichkeit und forderte, der Präsident müsse "gestoppt" werden.

Ein anderes Fifa-Exekutivmitglied weiß Blatter hingegen stets treu an seiner Seite, Deutschlands Fußball-Lichtgestalt Franz Beckenbauer. Der wiederholte in Zürich noch einmal, was die Welt nach der Fifa-Schlammschlacht nur noch schwer glauben will: "Blatter ist ein guter Präsident."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen