Fußball

Knopek: "Blatter nicht mehr tragbar" Fifa will den Boss wiederwählen

Mit Mini-Protesten und viel Harmonie geht der skandalumwitterte Fifa-Kongress in Zürich weiter. FDP-Politiker Lutz Knopek verlangt dennoch die Ablösung von Fifa-Chef Joseph Blatter. Dessen Wiederwahl scheint aber besiegelt, da Englands Antrag auf Wahlverschiebung scheitert. Dafür soll das Fifa-Exekutivkomitee künftig entmachtet werden.

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Angeschlagen, aber nicht ausgeknockt: Die Wiederwahl von Fifa-Präsident Joseph Blatter ist gesichert.

(Foto: AP)

Vor der Präsidentenwahl auf dem Fifa-Kongress in Zürich hat etwa ein Dutzend Menschen gegen den skandalumwitterten Fußball-Weltverband und Amtsinhaber Joseph Blatter demonstriert. Die kleine Gruppe hielt vor dem Hallenstadion von Zürich im strömenden Regen Plakate in die Höhe mit der Aufschrift "Play fair FIFA" oder "Rote Karte für die Fifa". Auf einem kleinen Plakat stand: "Sepp verpiss dich, keiner vermisst dich."

Der FDP-Politiker Lutz Knopek forderte die Ablösung von Blatter als Fifa-Chef. "Blatter ist nicht mehr tragbar", sagte der Obmann der FDP im Sportausschuss des Bundestags n-tv.de. "Es wäre ein großer Fehler jetzt zu sagen: Augen zu und durch. Es braucht einen glaubwürdigen Neuanfang, auch personell." Knopek forderte die Fifa auf, die Korruptionsvorwürfe zügig zu klären. Der Verband nehme "massiven Schaden" durch solche Affären.

Exekutivkomitee wird entmachtet

Die Fifa steckt wegen Korruptionsvorwürfen gegen Spitzenfunktionäre in der schwersten Krise seiner 107-jährigen Geschichte, auch wenn Blatter das verneint. Die Äußerung des 75-Jährigen Schweizers, die Fifa habe nur Schwierigkeiten und werde diese lösen, nannte die Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk im Gespräch mit n-tv.de "einen Witz". Die 58-Jährige ist bei Transparency International Deutschland für das Thema Sport zuständig und skeptisch, dass Blatter der Fifa wieder neue Glaubwürdigkeit verschaffen kann.

Ungeachtet aller Kritik will sich Blatter von den 208 Mitgliedsverbänden für eine vierte Amtszeit wählen lassen. Der Antrag des englischen Verbandes auf eine Verschiebung der Wahl scheiterte kläglich, er wurde mit 172:17 Stimmen abgeschmettert. Zur Verschiebung der Wahl wäre eine Dreiviertel-Mehrheit notwendig gewesen. Blatters Wiederwahl steht jetzt nichts mehr im Weg.

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DFB-Boss Theo Zwanziger weiß, wie viel Kritik er DFB-Ehrenmitglied Joseph Blatter zumuten darf.

(Foto: REUTERS)

Bei so viel Unterstützung der Delegierten fiel es Blatter auch leicht, einen neuen Vergabe-Modus für Weltmeisterschaften vorzuschlagen. Der 75-Jährige Schweizer will in Zukunft die 208 Delegierten der Mitgliedsverbände über den WM-Austragungsort entscheiden lassen. Das Fifa-Exekutivkomitee soll nur noch eine Vorauswahl treffen dürfen und wird damit entmachtet. "Es geht jetzt darum, radikale Schritte zu unternehmen und nicht nur kleine kosmetische Verbesserungen", sagte Blatter.

Zwanziger übt Mini-Kritik

Angesichts der massiven Korruptionsvorwürfe, vor allem rund um die WM-Vergabe an Katar, hatte sich zuvor auch DFB-Präsident Theo Zwanziger leicht kritische Worte Richtung Fifa erlaubt, in deren Exekutivkomitee er ab sofort sitzt. "Ich muss nach dem, was ich höre und lese, davon ausgehen, dass es einen beachtlichen Grad an Verdächtigungen gibt, den man nicht einfach wegschieben kann", sagte Zwanziger wenige Stunden vor der Wahl des Fifa-Präsidenten dem ZDF.

"Ich muss davon ausgehen, dass man unter diesem Gesichtspunkt die Vergabe der WM noch einmal überprüfen muss. Wie das zu geschehen hat, dazu will ich mich erst äußern, wenn ich mehr über den Sachverhalt weiß. Ich komme von außerhalb und war nicht Mitglied der Exekutive", sagte Zwanziger.

Mehrere Mitglieder der Fifa-Exekutive, die über die Vergabe der WM-Endrunde an Katar entschieden haben, stehen unter Korruptionsverdacht, auch Fifa-Boss Blatter. Er soll nach Angaben der Schweizer "Handelszeitung" juristisch die Veröffentlichung eines Dokuments verhindert haben, das seine Tolerierung von Schmiergeldzahlungen an Fifa-Funktionäre belegt.

Dennoch hegt Zwanziger keinerlei Bedenken gegenüber Blatter: "Ich kann doch nicht aufgrund von Verdachtsmomenten, die bisher in gar keinem Fall über die Person Blatter sich haben bewahrheiten lassen, sagen, nun ist er nicht mehr wählbar."

"Deutschland hätte es in der Hand"

Der frühere Fifa-Mitarbeiter Guido Tognoni sieht Zwanziger und Deutschland hingegen in der Verantwortung, eine Neuordnung des Fußball-Weltverbandes voranzubringen. "Deutschland hätte es in der Hand. (...) Deutschland sollte die Lokomotive sein für eine Reform der Fifa und sollte sich nicht einfach hinten anstellen und alles applaudieren", sagte der einstige Manager und Pressesprecher der Fifa am Mittwoch im Deutschlandfunk.

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Guido Tognoni kennt das System Fifa aus der Innenperspektive - und fordert den DFB zum Handeln auf.

(Foto: REUTERS)

"Deutschland vergisst die internationale Verantwortung, die ein Verband wie Deutschland eben hat." Als Grund vermute er persönliche Bindungen: "Deutschland ist traditionell ein guter Partner der Fifa." Auch Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, forderte den DFB im ARD-Inforadio auf, sein Gewicht für eine Reform des Systems Blatter zu nutzen. Sylvia Schenk nahm auch Politik und Sponsoren in die Pflicht: "Die Politik sollte dem Blatter nicht mehr hinterherlaufen. Nur der Druck von außen kann in der Fifa etwas ändern."

FDP-Politiker Knopek glaubt allerdings nicht, dass dies so bald der Fall sein wird. Mit Blick auf Auswirkungen auf die Frauen-Fußball-WM in Deutschland erwartet er keine Reaktionen, wie etwa öffentliche Kritik an Blatter. Das gebiete der Respekt vor dem internationalen Fußball, sagte Knopek n-tv.de. Zudem findet er: "Das haben die Frauen nicht verdient."

England scheitert kläglich

Während der DFB den Steigbügelhalter für Blatter gibt, versuchte sich nur der englische Verband FA an einer Revolte. "Einige wollten mich überreden, hier zu schweigen. Aber wir werden universell kritisiert, von Regierungen, Sponsoren, Medien und der breiten Öffentlichkeit. Die Wahl ist ein Rennen mit einem Pferd. Ich fordere aber eine offene und faire Wahl mit einem Konkurrenten. Denn dann wird der gewählte Präsident auch die notwendige Glaubwürdigkeit haben, um die Probleme zu lösen", sagte Bernstein. Er war der einzige Redner, der sich gegen Blatter auflehnte.

Quelle: ntv.de, tis/cwo/dpa/sid

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