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"Wenn ich nicht trocken geworden wäre im Jahr 2000, wäre ich gestorben, so wie ich da vor mich hin gehaust habe."
"Wenn ich nicht trocken geworden wäre im Jahr 2000, wäre ich gestorben, so wie ich da vor mich hin gehaust habe."(Foto: Steven Haberland)
Dienstag, 09. Oktober 2012

Uli Borowka, Fußballprofi und Alkoholiker: "Ich dachte, ich bin der Schärfste"

Von Stefan Giannakoulis

Er ist der böse Junge der Bundesliga, ein gefürchteter Verteidiger. Und Ulrich Borowka ist Alkoholiker, 20 Jahre spielt er professionell Fußball und säuft. Ein Doppelleben, das ihn nahe an den Abgrund führt. "Und dann bin ich fast tot aus der Ritterrüstung rausgefallen." Seit zwölf Jahren ist er nun trocken. Und ein glücklicher Mensch.

Und dann ist er in sich zusammengesackt. "Ich habe richtig Probleme gehabt, als das ganze Leben nochmal vor mir ablief." Sagt Ulrich Borowka, lehnt sich zurück, zieht an seiner Zigarette - und lächelt. Er erzählt das nicht zum ersten Mal, er hat es sogar aufgeschrieben. Seine Frau Claudia hat ihn dazu überredet, der Journalist Alex Raack hat ihm geholfen, ein Jahr lang haben sie alles aufgearbeitet. "Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker" heißt das Buch, das im Edel Verlag erschienen ist. Es ist die bemerkenswerte Geschichte von einem, der die Kurve so gerade noch gekriegt hat. Ulrich Borowka trinkt keinen Alkohol mehr, seit zwölf Jahren. Und er ist, wie er sagt, ein glücklicher Mensch. Weil er sein Leben, das er jetzt hat, daran misst, was war. "Denn eigentlich war schon alles zu spät."

Begonnen hat alles als junger Mann bei Borussia Mönchengladbach, Anfang der 80er Jahre. Sein Leben als Fußballprofi und auch sein Leben als Trinker. "Damals dachte ich auch während des Trainings ständig ans Trinken. Von da an habe ich fast 20 Jahre durchgetrunken." Immer mehr und immer mehr. Richtig schlimm wurde es in seiner Zeit bei Werder Bremen, als er unter Trainer Otto Rehhagel seine größten sportlichen Erfolge feierte. Bis sie ihm 1996 sagten: "Uli, es wäre besser, wenn du gehst." Da war er gerade mit seinem Porsche 911 gegen einen Baum gerast - mit 1,71 Promille im Blut. Seine Frau Carmen war da mit dem damals sechsjährigen Sohn Tomek und der zehn Jahre alten Tochter Irina längst ausgezogen. Zu ihnen hat er bis heute keinen Kontakt. Ulrich Borowka, gefürchteter Innenverteidiger, 388 Bundesligaspiele, Europapokalsieger, zweimal Deutscher Meister und Pokalsieger, sechs Partien für die deutsche Nationalmannschaft, war am Ende.

"Er weinte und hatte Angst. Vor seinem eigenen Vater"

Heute sagt er: "Ich war der einsamste Mensch der Welt." Doch damals wollte er nicht wahrhaben, dass er ein Problem hat. "Ich habe in den ganzen Jahren, in denen ich gesoffen habe, mir dauernd was in die Tasche gelogen, habe alle anderen Menschen belogen." Aber er hat funktioniert in seinem Beruf, schaffte es jahrelang vom Tresen zum Training, führte ein Doppelleben. Und so ging es weiter abwärts. Er schlug seine Frau und randalierte beim Geburtstag seines Sohnes vor der Haustür. "Mit der Faust schlug ich die Scheibe ein und für einen kurzen Augenblick sah ich durch das Loch meine Kinder. Meinen Sohn, das Geburtstagskind. Er weinte und hatte Angst. Vor seinem eigenen Vater." Auch als er einen Cocktail aus Bier, Rotwein, Schmerzmittel und Schlaftabletten trank und es überlebte, kam er nicht zur Besinnung.

Hand in Hand: Uli Borowka und Otto Rehhagel im Jahr 1995.
Hand in Hand: Uli Borowka und Otto Rehhagel im Jahr 1995.(Foto: picture-alliance / dpa)

Bis ihm, nach all den Jahren, in denen die anderen nur zugeschaut hatten, wie er sich zugrunde richtete, doch jemand half. Sein ehemaliger Mitspieler Christian Hochstätter, seinerzeit Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach, und Vereinspräsident Wilfried Jacobs sorgten dafür, dass er in die Suchtklinik nach Bad Fredeburg kam. "Das war wirklich die einzige Möglichkeit. Die haben mich einfach abholen und hinfahren lassen. Und ich war ja die ersten Wochen immer noch nicht der Meinung, dass ich da hingehöre." Er dachte: "Ich gucke es mir mal an - und nach zwei Wochen kann ich wieder gehen, dann kann ich kontrolliert trinken. Na ja: Unter einer Million Alkoholikern kann das vielleicht einer. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich das nicht unbedingt bin." Nun weiß er: "Wenn ich nicht trocken geworden wäre im Jahr 2000, wäre ich gestorben, so wie ich da vor mich hin gehaust habe."

"Hatte keine Lust, so ein Luschi-Ding zu machen"

Jetzt, zwölf Jahre später, hat er ein neues Leben, am 19. Mai hat er seinen 50. Geburtstag gefeiert. Er spielt Golf, versucht sich mit einer kleinen Firma im Sportmarketing und betreut in den Ferien Fußballschulen für Kinder. Seine Claudia hat ihn im September vergangenen Jahres geheiratet und sitzt mit auf der Terrasse, die zur Mietwohnung der Borowkas im Osten Berlins gehört. "Ist hier schön am Rand, ist wunderbar." Der Tisch ist gedeckt, es gibt Kaffee und Kuchen, die Herbstsonne scheint. Ein Gärtchen, eine Schaukel, ein Sandkasten. "Wir haben da ein bisschen was gemacht." Die gemeinsame Tochter Melina ist jetzt drei Jahre alt.

Und Ulrich Borowka hat gute Laune. Er, der stets zum Extremen neigt. Er hat extrem gesoffen und ist extrem davon losgekommen. Nach seiner Therapie ist er erst einmal wieder zu seinen Eltern ins Sauerland gezogen. Die hatten in Hemer eine Kneipe. Er hat extrem hart Fußball gespielt, heute bezeichnet er das Golfen als seine Droge. "Extrem, aber schön. Wenn ich Gegner auf dem Golfplatz habe, die vernichte ich dann auch. Leider Gottes ist dort das Grätschen nicht erlaubt - aber irgendwann grätsche ich einen noch mal weg." Da lacht er.

"Egal, ob Schwuler, Alkoholiker oder Drogenabhängiger"

Er ist stolz auf sein Buch, weil es für ihn wichtig ist. Und sagt das auch. Er ist mit sich im Reinen, das betont er immer wieder. "Ich hatte keine Lust, so ein Luschi-Ding zu machen. Wenn, dann zieh' ich mich bis auf die Unterhose aus und rechne mit mir selber ab." Das ist ihm gelungen. Nun hofft er, dass er anderen helfen kann. Einige Fußballer aus der Bundesliga hätten ihn bereits um Rat gefragt. "Da sind wir dabei, einen Weg zu finden, wie wir dem einen oder anderen Profisportler helfen können. Wir werden einen gemeinnützigen Verein gründen, um ein Anlaufpunkt für die Jungs zu sein. Es ist doch logisch: Wenn die sich outen, sind sie fertig. Egal, ob es ein Schwuler ist, ein Alkoholiker oder ein Drogenabhängiger. Also haben sich einige bei mir gemeldet und gesagt: Das ist einer, der hat die ganze Scheiße durchgemacht. Der weiß, wovon er redet."

Nach seinem Rauswurf in Bremen: Uli Borowka als Spieler der Mannschaft von Widzew Lodz, mit der er 1997 polnischer Meister wurde.
Nach seinem Rauswurf in Bremen: Uli Borowka als Spieler der Mannschaft von Widzew Lodz, mit der er 1997 polnischer Meister wurde.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Bei ihm war es so, dass er niemanden an sich herangelassen hat. Dabei hatte er sich stets was eingebildet auf sein Image als Eisenfuß, die Axt haben sie ihn genannt. Der Hass der gegnerischen Fans? "Den habe ich sehr genossen, wenn ich eingelaufen bin. In Gladbach haben wir richtig dazwischengehauen, in Bremen habe ich von meinem Ruf gelebt. Zu Andreas Möller oder Jürgen Klinsmann brauchte ich nur ab und zu mal 'buh' sagen, dann war das Ding in trockenen Tüchern." In der Therapie hat Ulrich Borowka erkannt, wie fatal das war. "Ich habe in einer Ritterrüstung gelebt, war ja nun einmal der härteste Abwehrspieler. Das war ein Riesenproblem für mich, dass ich das nicht mehr ablegen konnte. Ich habe das ins Privatleben mitgenommen und mich da auch so benommen - dass ich der Unantastbare bin. Alle, die mir helfen wollten, habe ich weggeschickt." Aus dieser Rüstung ist er nicht mehr herausgekommen. "Um diesen Druck dann abzubauen, hatte ich das Ventil Alkohol. Und dann bin ich irgendwann einmal fast tot aus der Ritterrüstung rausgefallen. Und da war eigentlich schon alles zu spät."

Das hat er jetzt hinter sich. Auch weil Ulrich Borowka einer ist, der nicht hadert. Nicht mehr. "Über viele Jahre war ich verärgert und verbittert." Er redet sich die Welt nicht schön, aber er verzweifelt auch nicht an ihr. Eine Zukunft als Fußballtrainer? Hat er versucht, sich überall beworben. Doch wer setzt einen Alkoholiker auf die Bank, und sei er noch so lange trocken? "Was soll ich denn hoffen, wo ich doch genau weiß, da passiert nichts mehr? Das ist erledigt." Früher, erzählt er, sei er sich selbst der Wichtigste gewesen. "Ich dachte, ich bin der Größte, der Schärfste, der Härteste." Er sagt selbst, dass das kitschig klingen mag, aber heute freut er sich über die kleinen Dinge. Ein Gärtchen, eine Schaukel, ein Sandkasten. "Noch einmal eine Familie mit einer Tochter, alle sind gesund und munter." Und eine Frau, die immer dann besonders ernsthaft nickt, wenn Ulrich Borowka davon erzählt, dass sich viel zum Guten gewendet hat in seinem Leben. "So kann ich heute sagen, dass ich ein glücklicher Mensch bin."

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Quelle: n-tv.de