RWE kollabiert, Cottbus schimpftMSV Duisburg steht kurz davor die Liga zu verlassen, in die er nie wollte

Der MSV Duisburg darf weiter vom Durchmarsch in die 2. Fußball-Bundesliga träumen und sorgt zwei Spieltage vor Schluss für eine spektakuläre Ausgangslage im Aufstiegskampf.
Als die Dinge auf dem Rasen erledigt waren, als Energie Cottbus mit riesiger Leidenschaft und ein bisschen Glück besiegt worden war (2:1), machte sich Rasim Bulic auf den Weg zum Capo des MSV Duisburg. Er nahm das Mikro in die Hand und trieb das alte, glückselige Wedaustadion endgültig in den siebten Drittliga-Himmel. "Ich habe keinen Bock auf Relegation. Ich will gegen Aue und gegen Viktoria Köln gewinnen und dann will ich hier feiern."
Duisburg träumt vom Durchmarsch. Von der Schweineliga zurück ins Unterhaus des deutschen Fußballs. Wie es der SSV Ulm und Preußen Münster geschafft haben. Oder zuvor Dorfklub Elversberg, der womöglich kommende Saison in der Bundesliga spielt, gegen den FC Bayern und so. Da war einst auch der MSV, der in den vergangenen Jahren aber tief gefallen war. Raus aus dem Profifußball. Nur noch ein lokales Schwergewicht. Mitten in diesem Niedergang erwuchsen an der Wedau große Kräfte. Der Verein rückte zusammen, die Fans fluteten die Stadien der Regionalliga. Und mit Michael Preetz war ein Macher zurück, der diese Kräfte bündelte.
Und der Großes im Sinn hat. Größeres als die 3. Liga. "Eigentlich ist es ein Witz, dass wir den Aufstieg in eine Liga feiern, in die wir nie wollten", sagte er vor genau einem Jahr, nach dem blitzreparierten Ausflug in den Amateur-Fußball, im Gespräch mit ntv.de und blickte hinaus in die Schauinsland-Reisen-Arena (altes Wedaustadion). In dieses Stadion, das mindestens nach 2. Bundesliga ruft. In dieses Stadion, das die 2. Bundesliga braucht. Zum Leben. Nun ist sie ganz nah. Duisburg steht zwei Spieltage vor dem Ende auf Rang drei, punktgleich nun mit dem FCE. Der hat das knapp bessere Torverhältnis (19 zu 17) und mehr Treffer erzielt. Es spricht viel für Drama.
Bulic begleicht Rechnung mit Cigerci
Dass die 25-jährige Mittelfeldkrake Bulic nach ihrem Fußball-Marathon überhaupt noch laufen konnte, grenzte dabei fast schon an ein Wunder. Bulic war an diesem Sonntagnachmittag überall. Vor allem dort, wo Tolcay Cigerci war. Der MSV-Kettenhund biss sich in die Waden des Energie-bündels und beglich eine offene Rechnung. "Im Hinspiel hat er vor mir gejubelt. Das hatte ich noch im Kopf. Diesmal habe ich ihn aufgegessen."
Dass die Cottbuser im dramatischen Aufstiegsrennen der 3. Liga auf Platz stehen, hat viel mit Cigerci zu tun. Der lange Zeit in seiner Karriere im Schatten seines Bruders Tolga stand, ebenfalls mittlerweile ein Brandenburger. Tolga hat bei Hertha BSC gespielt, bei Galatasaray und vielen anderen Vereinen. Tolcay verdiente sich sein Geld derweil weitgehend in der Regionalliga. In Cottbus nun erlebt er die vermutlich stärkste Zeit seiner Karriere, hat bislang 17 Tore erzielt und 16 vorbereitet. Bulic sieht ihn sogar als besten Spieler der Liga. Was natürlich auch die eigene Leistung nochmal aufwertete.
Um Cigerci aus dem Spiel zu nehmen, musste Bulic überall sein. Der Energie-Spielmacher dreht und wendet sich geschickt, taucht ab, taucht wieder auf. Hat eine überragende Technik und ein herausragendes Spielverständnis. Und hatte einen nervtötenden Schatten, den er nur einmal abschütteln konnte. In der 91. Minute schlug Cigerci eine perfekte Flanke in den Duisburger Strafraum. Stürmer Erik Engelhardt war da und machte dieses Spiel noch einmal richtig heiß. Und Coach "Pele" Wollitz nach dem Schlusspfiff sehr wütend. Und die Cigerci-Brüder offenbar auch, nach einem nur kurzen Gruß in die Fankurve verschwanden sie schneller als der Rest in den Katakomben.
Hirsch hat "Pipi in der Hose", Wollitz Redebedarf
Sechs Minuten Nachspielzeit waren angezeigt. In der ersten Minute der Nachspielzeit traf Cottbus. In der sechsten Minute der Nachspielzeit waren sie außer sich vor Wut. Denn sie hätten einen Eckball bekommen müssen. Eine Chance auf den Ausgleich, auf einen Big Point im Aufstiegsrennen. Aber Schiedsrichter Robert Kampka gab Abstoß. Er lag damit nicht zum ersten Mal falsch an diesem Sonntagnachmittag. Was Wollitz, der sich seine "obligatorische" Gelbe Karte abholte, noch mehr auf die Palme brachte, war eine angebliche Ungleichbehandlung der Spieler. "Hier geht es um einen Zweitliga-Aufstieg. Das ist ein enormer Druck und eine enorme Belastung. Es ist ein roter Faden mit diesem Schiedsrichter, der seine Karriere beendet. Tolcay ist nicht einmal geschützt worden. Nun müssen wir damit umgehen."
Cigerci wurde beim Schiedsrichter vorstellig. Dafür sah er Gelb, seine fünfte. Er ist damit im nächsten Spiel gesperrt. Ebenso wie Axel Borgmann. Der hatte seine Verwarnung nach einem Duell mit Bulic gesehen und war danach fassungslos: "Bei aller Liebe, aber es geht hier um den Zweitliga-Aufstieg. Ich mache in 90 Minuten ein Foul und bin sogar zuerst am Ball. Er macht dann so viel daraus." Laut "Lausitzer Rundschau" nannte er Bulic gar einen "absoluten Schauspieler." Dass das Foul nun eine Sperre zur Folge hat, "finde ich nicht gerecht, auch wenn ich jetzt ein schlechter Verlierer bin". Wollitz fand die Gelbe Karte indes vertretbar.
Kampka hatte dem Duell der auferstandenen Traditions-Riesen einen robusten Rahmen gezimmert. Viel Körper war erlaubt. Cottbus kam besser rein in die Partie. Die Duisburger suchten vor den über 30.000 Zuschauern ihren Platz in diesem Spiel. Das für sie Do-or-die war. Zumindest im Kampf um den direkten Aufstieg. Der rote Teppich war zumindest bis zum Anpfiff ausgerollt. Die Kulisse war zweitligatauglich, eher mehr. "Das war mein geilstes Spiel hier. Wenn das Stadion voll ist und wir so eine Ausgangssituation haben, dann habe ich Pippi in der Buchse", sagte Duisburgs Trainer Dietmar Hirsch. Er ist einer, der die Sprache der Tribüne spricht. Sie lieben ihn hier.
Rot-Weiss bricht sich die Aufstiegsbeine
Durch ein enges Spalier der Fans und Pyronebel war der Bus zum Stadion begleitet worden. Es war eine Eskorte, die den MSV-Fußballern ein letztes Mal verdeutlichte, welch große Chance sie gleich haben werden. Und diese Chance war am Tag vor dem Spiel gigantisch größer geworden. Rot-Weiss Essen, der Erzrivale, hatte sich am Samstag eine schockierende Klatsche beim VfB Stuttgart II abgeholt (1:6). Der zwischen den Gefühlsextremen changierte Pott-Riese bricht sich auf den letzten Metern augenscheinlich selbst die Aufstiegsbeine. Die letzten drei Spiele gingen verloren, dabei kassierte die Mannschaft von Trainer Uwe Koschinat aberwitzige 13 Gegentore. In ähnlichen Dimensionen bewegt sich auch der FC Bayern (11), er schießt halt nur deutlich mehr.
Cottbus war im alten Wedaustadion direkt da. Auch Energie hatte ordentlich Fans mitgebracht. Erste Minute, erste Chance. Vergeben, aber Ecke. Die brachte nichts ein. Die Zebras galoppierten im Kopf neben sich her. Und sie bekamen sich erst nach gut zehn Minuten sortiert. Dann aber stürmte die Herde los. Nach 32 Minuten knallte es tüchtig im Stadion. Thilo Töpken hatte den Ball über die Linie gemurmelt, 1:0. Der Zebra-Wahnsinn brach los. Die zuvor unsortierte Herde hatte sich gefunden. Sie arbeitete als Kollektiv herausragend gegen die guten Fußballer aus Cottbus. Und sie fraßen sie mit ihrer Leidenschaft und plötzlichen Leichtigkeit auf. Dominik Kother veredelte einen Konter nach One-Touch-Fußball in Guardiola-Art (52.). Jetzt wurde der Zebrastreifen komplett neu lackiert.
"Wir heulen nicht rum und geben Gas"
Duisburg war jetzt punkt- und torgleich. Cottbus aber hielt dagegen. Bemerkenswert mutig spielten sie nach vorne und setzten dem MSV mächtig zu. Der hatte nach einigen Wechseln seine Ordnung wieder verloren - und taumelte. Es wurde teilweise vogelwild vor dem Tor von Maximilian Braune. 77. Minute: Flanke von Borgmann, Seitfallzieher Engelhardt - die Kugel knallt an die Latte. Mladen Cvjetinovics Nachschuss klärt Braune überragend. Can Moustfa macht den Ball wieder scharf, Cvjetinovic köpft ihn im Zweikampf mit Braune ins Tor. Kampka gibt den Treffer nicht. Cottbus drängt weiter. Aber erst als der Druck ein wenig raus ist, das Spiel auf 2:0 zusteuert, trifft Energie doch noch. Es folgen heiße Minuten, Moritz Hannemann schießt knapp am Pfosten vorbei (95.). Dann köpft Fleckstein zur Ecke, Kampka gibt Abstoß. Schluss. Zebras in Ekstase.
Und Bulic auf dem Zaun. "Wir wollten den Leuten etwas zurückgeben, aber auch uns selbst. Wir arbeiten so viel, quälen uns, spielen oft mit Prellungen und schlucken das runter. Das sehen die Leute von außen nicht. Wir sind Mentalitätstypen, wir heulen nicht rum und geben Gas." Gegen die Relegation. Für den Aufstieg. Aus der Liga, in der sie eigentlich nie sein wollten. Zurück in den Fußball, der ihnen zusteht.