Fußball

Der unterschätzte Stürmer Mario Gomez - viele Tore, wenig Liebe

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Gomez als Held: Seine Stuttgarter feiern ihn zum Karriereende.

(Foto: Pressefoto Bauman/Alexander Kepp)

Mario Gomez ist über Jahre einer der besten deutschen Torjäger. Der Fußballprofi überzeugt mit massenhaft Treffern, wird aber häufig auch belächelt. Wegen aberwitziger Tore, harscher Kritik von Mehmet Scholl und einer unglückseligen Serie. Jetzt macht der Torero Schluss.

Ein Mann für große Momente war Mario Gomez schon immer. Sogar, als er seine Karriere noch vor sich hatte. 12. Mai 2007, Ruhrstadion in Bochum, 55. Minute: Nach zweimonatiger Verletzungspause kommt beim VfB Stuttgart die Nummer 33 ins Spiel. Der Schlaks aus dem Schwabenland braucht exakt sieben Minuten, um angeschlagen den Ausgleich zu köpfen und seine Jubelpose, den Torero, zu zeigen. Das Spiel kippt, endet mit einem 3:2-Sieg der Gäste. Gomez kam, sah und war das, was er so oft war: einer, der das Spiel prägt und dessen Ausgang mitbestimmt. Schon mit 22 Jahren.

Der 78-malige Nationalspieler rannte nicht am schnellsten, sprang nicht am höchsten, besaß nicht die beste Technik, dennoch: Er war eine Tor-Maschine. Gomez war die Personifizierung des Mittelstürmers mit dem richtigen Näschen, einer erstaunlichen "Klebe" und Variationen. Der 1,89-Meter-Hüne traf mit rechts, links, dem Kopf und vom Elfmeterpunkt. Das ganze Paket.

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Das letzte war noch einmal ein typisches Gomez-Tor.

(Foto: Pressefoto Bauman/Alexander Kepp)

Mitunter schoss er Tore auch mit Körperteilen, die nicht originär zum Toreschießen gedacht sind. Unvergessen sein "Penis-Tor" 2007 gegen seinen späteren Arbeitgeber FC Bayern. So war es oft, die "Wie hat er den denn gemacht?"- Frage gehörte zu Gomez-Toren wie sein Torero-Jubel. Gomez rutschte in den Ball und das Ding war irgendwie drin (passend der Songtitel der Band "Die Fraktion": Mario Gomez und der Ball ist drin). Darüber kann man sicher lachen, sich vielleicht sogar lustig machen. Klar ist aber auch: Am Ende lacht meistens der, der die Tore macht.

Meister, Torschützenkönig und Dreierpacker

Auch dank seiner wichtigen Tore - 14 eigene und sieben aufgelegte waren es in jener Saison - holte der VfB Stuttgart 2007 völlig überraschend den Meistertitel. Im DFB-Pokal scheiterten die Schwaben danach erst im Finale in der Verlängerung am 1. FC Nürnberg. 2009 hievte er seinen Klub fast im Alleingang auf Augenhöhe mit den Bayern und Meister Wolfsburg auf Platz drei - und zog ab in Richtung Konkurrenz. Beim FC Bayern musste er sich zunächst an den neuen Trainer Louis van Gaal gewöhnen, sicherte sich dann aber in der Saison 2010/11 den Meistertitel und mit 28 Treffern auch die Torschützenkanone - unter anderem dank unglaublicher fünf Dreierpacks. Die Quote von 113 Toren in 174 Spielen macht ihn zu einem der besten Bayern-Stürmer der Geschichte.

Auch in der Champions League lieferte Gomez konstant ab. Nach Thomas Müller ist er der erfolgreichste deutsche Torschütze in der Königsklasse, benötigte aber deutlich weniger Partien als der Ur-Bayer. In 44 Spielen traf er 26 Mal. Darunter sind so wichtige Tore wie das 2:1 im Halbfinal-Hinspiel gegen Real Madrid 2012. Anders als einige seiner Mitspieler versenkte er einige Wochen später auch im "Finale dahoam" gegen den FC Chelsea seinen Elfmeter. Ex-Trainer Jupp Heynckes lobte ihn jüngst als "großen und verdienten" Spieler des deutschen Fußballs.

Zwei DFB-Geschichten hängen ihm nach

In der Stuttgarter Meistersaison wurde auch Bundestrainer Joachim Löw auf ihn aufmerksam. Sein erstes Länderspiel absolvierte Gomez am 7. Februar 2007 beim 3:1 gegen die Schweiz. Überstrahlt wurden seine 31 Tore in 78 Spielen allerdings von zwei unrühmlichen Momenten. Nach dem EM-Gruppenspiel 2012 gegen Portugal giftete ARD-Experte Mehmet Scholl mit dem Spruch "Ich hatte Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss" gegen Gomez. Es sollte wohl nicht ganz ernst gemeint sein, dennoch blieb es an Gomez haften. Dabei hatte eben jener "wund gelegene" Gomez das entscheidende Tor erzielt. Im Spiel darauf legte der Stürmer mit einem Doppelpack gegen Holland nach. In Erinnerung blieb aber der Scholl-Spruch.

Vier Jahre zuvor hatte die Fußballnation schon einmal kollektiv geächzt, als Gomez beim EM-Spiel 2008 gegen Österreich aus kurzer Distanz den Ball über das Tor stolperte. Einen "Gomez" machen wurde zum geflügelten Wort. Der Chancentod zum Running Gag. Auch deswegen haftete ihm stets der Ruf des Unvollendeten an - dabei war er über Jahre ein vollendeter Torjäger.

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Ausgerechnet beim WM-Titel nicht dabei

Es passt unrunden DFB-Karriere des Mario Gomez, dass er ausgerechnet bei der Krönung nicht dabei war. 2014 feierte die Mannschaft ohne ihn den WM-Titel in Brasilien. Es war das einzige Turnier in seinen zehn DFB-Jahren, das er verpasste. Die EM 2008 war sein erstes Turnier, er war bei der WM 2010 dabei, bei den Europameisterschaften 2012 und 2016 sowie bei der Pleiten-WM 2018.

Die verpasste WM 2014 saß tief, doch Gomez rehabilitierte sich. Nach zwei verletzungsgeplagten Jahren beim AC Florenz fand er zur Saison 2015/16 als Leihspieler in der Türkei bei Besiktas Istanbul zurück zu alter Goalgetter-Stärke, schnappte sich dort die Torschützenkönig-Trophäe (26 Tore in 33 Spielen) und ballerte Besiktas zum Titel - hier wurde Gomez ausnahmslos gefeiert. Wegen der politischen Unruhen zog es ihn zurück nach Deutschland. Erst nach Wolfsburg, mit dem er in der Relegation gegen Eintracht Braunschweig gerade so die Klasse hielt. Dann an die alte Wirkungsstätte in Stuttgart, wo sich nun der Kreis nach 16 Jahren schließt.

Das Ende der Gomez-Karriere gerät fast schon kitschig: Mit dem VfB gelingt der Wiederaufstieg in die Bundesliga. Außerdem steht er im letzten Spiel gegen den SV Darmstadt 98 in der Startelf und das Team Coach Pellegrino Matarazzo kann sogar mit ihm über seinen letzten Treffer jubeln: Gomez traf, in dem er in einen Ball reinrutschte. Und: Ihm wurde ein weiterer Treffer aberkannt. Auch das hat Tradition - spätestens in dieser Saison. Gegen den SV Sandhausen winkte der VAR gleich drei Gomez-Tore ab, der 34-Jährige fluchte, Fußball-Deutschland lachte mal wieder.

Irgendwie passt es auch, dass Gomez nun wegen der Corona-Pandemie eine eher leiseren Abschied feiert. Immerhin seine Mitspieler feierten eine wilde Gomez-Kabinenparty mit dem Song zum legendären "Gomez-Button". Den Respekt der Fans hatte er nicht immer, den seiner Mitspieler schon. Im Gedächtnis bleibt er; für seine Tore, seine Nicht-Tore und mindestens für diesen Spruch zum Abschied: "Ich bin in Verhandlungen mit Real und Barca. Wenn das nichts wird, höre ich auf."

Quelle: ntv.de