Fußball

"Muss täglich den Schauspieler geben" Schwuler Erstligafußballer spricht

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Es gibt zahlreiche Aktionen gegen Homophobie im Fußball. Homosexuelle Fußballer gibt es offiziell nicht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Für Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger ist die Zeit für ein Coming Out im Profifußball gekommen, für schwule Fußballer nicht. "Normalität gibt es nicht", sagt ein homosexueller Bundesligaspieler in einem anonymen Interview über seine "schwierige Parallelexistenz" als aktiver Profi. Er ist überzeugt: "Ich wäre nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme."

"Versteckspieler" heißt das Buch, in dem der frühere Fußballer Marcus Urban den Spagat zwischen seiner Profikarriere und der Furcht beschreibt, dass seine Homosexualität entdeckt werden könnte. Ein permanentes Versteckspiel ist es auch, das nun ein anonymer Bundesligaprofi offenbart. "Der Preis für meinen gelebten Traum ist groß", sagt der Spieler in einem Interview mit dem Magazin "Fluter'": "Ich muss täglich den Schauspieler geben und mich selbst verleugnen."

Es ist das erste Mal, dass sich ein noch aktiver Fußballer zu seinen Problemen und Ängsten als schwuler Profi in der Bundesliga äußert. Warum er das macht? "Es ist wichtig, den ersten Schritt zu tun. Ich probiere mich gerade dabei selbst aus." Erkannt werden möchte er nicht, aus Angst vor Bedrohung und Ablehnung. Nicht von Spielerkollegen, von denen "eigentlich jeder Bescheid wissen müsste" und von denen niemand trotz einiger anfangs unangenehmer Situationen ein Problem mit seiner Homosexualität habe. Sondern aus Furcht vor einem Spießrutenlauf im Stadion und im Privatleben. Er würde sich nicht mehr sicher fühlen, "wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme".

Der "Standard-Schwule" passt nicht rein

Im Gegensatz zu Bereichen wie Medien passe das Klischee des "Standard-Schwulen" einfach nicht in den Fußball und die aufgeheizte Atmosphäre in Stadien, die keinen Platz für Toleranz lasse: "Fußballer sind das männliche Stereotyp schlechthin. Sie müssen Sport lieben, aggressiv kämpfen und gleichzeitig das große Vorbild sein. Schwule sind das alles einfach nicht. Punkt." Eine Lösung sieht er nicht: "Oder soll jemand eine aufgebrachte Menge von Fans vor dem Spiel aufklären, dass die Schwulen eigentlich auch nur ganz normale Männer sind und gleich mitspielen?"

Ein Coming Out, das sich Funktionäre wie Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger wünschen, ist für ihn "nicht wirklich" eine Option. Das sei alles gut gesagt, "wenn man nicht am nächsten Spieltag ins Stadion muss". Aber auch wenn er mit den Fans klarkäme, wäre die "pure Öffentlichkeit" unerträglich: "Alle würden gerne rausfinden, was ich wohl Schlimmes mit meinem Partner unter der Bettdecke anstelle. Meine Leidenschaft, der Fußball, wäre irrelevant. Normalität gibt es nicht. Zumindest wäre es für mich nicht normal, eine ganze Nation mein Intimleben diskutieren zu lassen."

Alibifreundinnen aus dem Bekanntenkreis

Einen festen Freund habe er inzwischen nicht mehr, bei anderen ihm bekannten homosexuellen Bundesligaprofis sei das genauso. Eine frühere Beziehung scheiterte am monatelangen Versteckspiel. Wenn er bei offiziellen Anlässen eine weibliche Begleitung benötige, greife er gerne auf Frauen aus seinem Bekanntenkreis zurück: "Schließlich habe ich als richtiger Schwuler auch beste Freundinnen."

Ob er "den ständigen Druck zwischen dem heterosexuellen Vorzeigespieler und der möglichen Entdeckung noch bis zum Ende meiner Karriere aushalten kann", wisse er nicht.  Ein Traum für die Zukunft sei es, einfach mit einem Partner "in aller Öffentlichkeit ins Restaurant zu gehen".

Quelle: ntv.de, cwo/sid

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