Collinas Erben

"Collinas Erben" bemühen Logik Der VAR ist nicht der Sündenbock für alles

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Wer war am Ball? Die Dortmunder Mats Hummels und Thomas Delaney jedenfalls nicht. Es war der Unioner Anthony Ujah, Mitte.

(Foto: imago images / Bernd König)

Der Eckstoß, der Borussia Dortmunds Niederlage beim 1. FC Union Berlin einleitet, ist eindeutig unberechtigt. Wenn er da nicht eingreift, kann der Video-Assistent auch weg, sagen viele. Dabei darf der gar nicht eingreifen. Und das ist richtig und sinnvoll.

Seit der Video Assistant Referee (VAR) im Sommer 2017 in die Fußball-Bundesliga Einzug gehalten hat, ist an nahezu jedem Spieltag vor allem in den sozialen Netzwerken eine Reaktion besonders häufig zu beobachten: Sofern der Helfer vor dem Monitor in Köln bei einer strittigen oder gar falschen Entscheidung des Schiedsrichters nicht interveniert, äußern viele Fans die Ansicht, wenn er da nicht eingreife - oder nicht eingreifen dürfe -, könne man ihn auch wieder abschaffen, weil er dann nutzlos sei. Das ist zwar zumeist nur ein Ausdruck von Parteilichkeit, hat oft aber auch eine andere Ursache: Zwei Jahre nach der Einführung des Video-Assistenten sind die Grundsätze seiner Tätigkeit und die Regularien für seinen Einsatz vielen weiterhin nicht oder nur teilweise bekannt.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Zu einem typischen Beispiel für die erwähnte Reaktion kam es nach dem Spiel zwischen dem 1. FC Union Berlin und Borussia Dortmund (3:1) an diesem dritten Spieltag. Schiedsrichter Felix Brych hatte den Gastgebern nach 21 Minuten fälschlich einen Eckstoß zugesprochen, obwohl weder Mats Hummels noch Thomas Delaney im Dreikampf mit Anthony Ujah zuletzt am Ball war, bevor die Kugel die Torauslinie überschritt, sondern der Berliner Angreifer. Der Eckstoß führte unversehens zum 1:0 für den Aufsteiger, und viele fragten: Warum greift der Video-Assistent hier nicht ein? Wieso weist er den Unparteiischen nicht auf seinen Fehler hin?

Die Antwort lautet schlicht: Weil er es nicht darf. Zwar überprüft der VAR nach jedem Tor, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Aber das betrifft nicht die Berechtigung der letzten Spielfortsetzung, die dem Treffer vorausgegangen ist. Das ginge regeltechnisch auch gar nicht, denn wenn etwa ein Eckstoß, Einwurf oder Freistoß mit der Zustimmung des Schiedsrichters ausgeführt ist, darf eine vorangegangene Entscheidung nicht mehr geändert werden. Alles andere wäre auch nicht praktikabel und würde ins Chaos führen. Wollte man also unbedingt verhindern, dass ein unberechtigter Eckstoß, Einwurf oder Freistoß in einem Tor mündet, dann müsste der VAR folgerichtig vor ausnahmslos jeder Eckstoß-, Einwurf- oder Freistoßausführung überprüfen, ob der Referee korrekt entschieden hat.

Matthäus mit Regelschwächen

Das aber würde für unzählige Unterbrechungen sorgen, was wohl niemandem gefallen dürfte. "Es mag als unfair erscheinen, wenn ein Tor aus einem unberechtigten Einwurf, Freistoß oder Eckstoß resultiert", schreibt das International Football Association Board (Ifab) in seinem Handbuch für die Video-Assistenten. "Aber der Fußball würde zerstört, wenn jede mögliche Fehlentscheidung, die vielleicht zu einem Tor führt, überprüft werden würde." Aus diesem Grund hat das Ifab entschieden, dass von allen Spielfortsetzungen nur die Berechtigung eines Strafstoßes vom VAR unter die Lupe genommen wird, weil bei einem Elfmeter die Wahrscheinlichkeit, dass er zu einem Tor führt, deutlich am größten ist. Einen Eckstoß dagegen kann man verteidigen, er endet wesentlich seltener in einem Treffer.

Der deutsche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der für den Bezahlsender Sky tätig ist, hatte übrigens eine recht eigene Meinung zu dieser Szene: Er fand, die Eckstoßentscheidung sei nicht klar falsch, weshalb es richtig sei, dass der VAR nicht eingegriffen habe. Damit lag allerdings auch er daneben, denn die Frage, wer zuletzt den Ball berührt hat, ist keine des Ermessens, sondern sie lässt sich normalerweise eindeutig beantworten, und so war es auch hier. Das spielte bloß für die Berechtigung zum Eingriff durch den Video-Assistenten keine Rolle. Als Experte könnte und sollte Matthäus das wissen.

Was sonst noch wichtig war:

  • In der Partie zwischen dem SC Freiburg und dem 1. FC Köln (1:2) traf Kingsley Schindler für die Gäste in der 37. Minute nach einem schönen Spielzug ins Tor. Doch der Video-Assistent entdeckte beim obligatorischen Check eine Regelwidrigkeit: Bei der Balleroberung war Dominick Drexler dem Freiburger Robin Koch unbemerkt von Schiedsrichter Robert Kampka mit den Stollen auf den Unterschenkel gestiegen. Da der folgende Angriff ohne Umwege zum Erfolg geführt hatte, erkannte der Unparteiische das Tor nach einem On-Field-Review völlig zu Recht ab. Dabei hatte Drexler sogar noch Glück, dass er ohne persönliche Strafe davonkam: Für diese Art des Einsteigens hätte er eigentlich mindestens die Gelbe Karte sehen müssen.
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    Gut bedinet: Paderborns Klaus Gjasula.

    (Foto: imago images / Nordphoto)

    Auch der Paderborner Klaus Gjasula war mit der Verwarnung gut bedient, die Schiedsrichter Daniel Schlager in der sechsten Minute der Nachspielzeit in der Begegnung des VfL Wolfsburg gegen den SC Paderborn 07 (1:1) gegen ihn aussprach. Gjasula hatte einen Konter der Gastgeber dadurch beendet, dass er Felix Klaus durch ein seitliches Tackling zu Fall brachte. Das Tempo, die Dynamik des Einsteigens und die Tatsache, dass der Ball für Gjasula nicht mehr in Reichweite war, sprachen eher für einen Feldverweis. Weil Klaus aber nur seitlich am Fuß, also nicht an einer neuralgischen Stelle getroffen wurde, beließ es der Referee gewissermaßen bei "Dunkelgelb". Das war zumindest nicht klar falsch und damit auch kein Fall für einen Eingriff des VAR.
  • Torlos endete das Spiel zwischen Bayer 04 Leverkusen und der TSG Hoffenheim, dabei lag der Ball kurz vor Schluss nach einem Eckstoß im Gehäuse der Gäste. Doch als der Leverkusener Sven Bender und sein Gegenspieler Pavel Kadeřábek kurz vor der Eckstoßausführung im Strafraum zu Boden gegangen waren, hatte Schiedsrichter Felix Zwayer die Partie sofort unterbrochen, um nötigenfalls eine Behandlung zu ermöglichen. Lag ein Foulspiel von Kadeřábek vor? Selbst wenn, hätte es keinen Elfmeter gegeben, da der Ball noch nicht im Spiel war – und nur dann kann auf Freistoß oder Strafstoß entschieden werden. So aber ließ Zwayer den Eckstoß zu Recht wiederholen. Hätte er dagegen erst nach der Eckstoßausführung gepfiffen, dann wäre es zu einem Schiedsrichterball gekommen – wie immer, wenn der Unparteiische das laufende Spiel unterbrochen hat, um gegebenenfalls die Erstversorgung eines Verletzten zu ermöglichen.

Quelle: n-tv.de