Collinas Erben

"Collinas Erben" beruhigen Fußball und Handspiel - es ist kompliziert

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Schalkes Trainer David Wagner hadert mit einer Handspielentscheidung des Schiedsrichters.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Mal wieder sorgt das Thema Handspiel für Aufregung. Es gibt viele Diskussionen, doch die Schiedsrichter treffen fast überall vertretbare Entscheidungen. Dabei spielen auch die Video-Assistenten eine gute Rolle, vor allem bei einem höchst komplizierten Fall.

Wäre das Handspiel ein Beziehungsstatus bei Facebook, dann würde man vermutlich die Option "Es ist kompliziert" anklicken, denn über keine andere Regel gibt es so viel Streit. Nachdem sie überarbeitet wurde und seit dieser Saison deutlich anders aussieht als zuvor, ist sie zwar konkreter und greifbarer. Mit der Armhaltung steht nun ein Kriterium für die Strafbarkeit im Mittelpunkt, das besser messbar ist als die zuvor allein maßgebliche Absicht. Dennoch gibt es weiterhin Graubereiche und Grenzfälle, bei deren Bewertung auch das geänderte Regelwerk einen Spielraum lässt. Der Mensch ist außerdem nun mal fehlbar, auch als Schiedsrichter. Am 9. Spieltag der Fußball-Bundesliga gab es jedenfalls so viele Diskussionen über das Thema Handspiel, dass die sportliche Leitung der Elite-Referees um Lutz Michael Fröhlich sogar eine Erklärung dazu veröffentlicht hat.

1. FSV Mainz 05 – 1. FC Köln (3:1): Nach einer Stunde schlägt Kingsley Schindler eine Flanke in den Mainzer Strafraum, der Ball prallt gegen den linken Arm von Moussa Niakhaté. Schiedsrichter Frank Willenborg lässt weiterspielen, sein Video-Assistent (VAR) empfiehlt ihm daraufhin ein On-Field-Review. Der Referee verweilt nur kurz am Monitor, dann winkt er ab: Es gibt keinen Elfmeter für Köln. Das sieht die sportliche Leitung kritisch, sie hätte sich "gewünscht, dass der Schiedsrichter seine Entscheidung korrigiert und auf Strafstoß entscheidet". Das Handspiel sei strafbar, weil Niakhaté zum Ball orientiert gewesen sei und den Ball habe abwehren wollen. "Der linke Arm ist beim Schuss vom Körper abgespreizt und vergrößert die Körperfläche", heißt es in der Erklärung weiter. "Er geht deutlich in die Flugbahn des Balles und bleibt dort auch in der abgespreizten Haltung." Tatsächlich spricht so viel mehr für die Strafbarkeit des Handspiels, dass das Beharren des Unparteiischen auf seiner Entscheidung erstaunt.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

FC Bayern München – Union Berlin (2:1): Das Handspiel des Münchners Ivan Perišić im eigenen Strafraum nach 57 Minuten entzieht sich der Wahrnehmung von Schiedsrichter Marco Fritz, weshalb ihn der Video-Assistent an den Spielfeldrand zum Monitor bittet. Dort sieht der Referee eine aktive Bewegung von Perišić mit der Hand zum Ball, folgerichtig gibt es einen Strafstoß. Zu Recht, wie auch der DFB befindet.

FC Schalke 04 – Borussia Dortmund (0:0): Kurz nach seiner Einwechslung unterläuft dem Dortmunder Thorgan Hazard im eigenen Strafraum ein Handspiel, als der Ball nach einem Eckstoß auf ihn zufliegt. Hazard nimmt den zunächst weit erhobenen rechten Arm herunter, in dieser Bewegung trifft er die Kugel, die der Schalker Rabbi Matondo unmittelbar zuvor noch minimal abgefälscht hat. Aus Sicht der sportlichen Leitung der Unparteiischen ist Hazards Aktion ein Versuch, "den Arm aus dem ‚Gefahrenbereich‘ herauszunehmen". Anders als Niakhaté und Perišić habe sich der Dortmunder nicht eindeutig zum Ball orientiert, um ihn abzuwehren, und seine Körperfläche nicht unnatürlich vergrößert. So sieht es auch Referee Felix Brych und lässt deshalb bewusst weiterspielen. Die Entscheidung ist in jedem Fall vertretbar, weshalb der VAR richtigerweise nicht interveniert.

Amiri gleichermaßen mit Glück und Pech

Bayer 04 Leverkusen – Werder Bremen (2:2): In der Nachspielzeit ereignet sich das vielleicht kniffligste Handspiel des Spieltags: Der Leverkusener Nadiem Amiri rutscht im Strafraum mit angezogenen Beinen einer Hereingabe von Benjamin Goller entgegen, dabei kippt er zur Seite. Mit dem linken Arm stützt er sich am Boden ab, der rechte ist erst nahe am Körper, dann fährt Amiri auch ihn in Richtung des Rasens aus. Der Ball prallt gegen den linken Arm und anschließend gegen den rechten, Schiedsrichter Martin Petersen entscheidet sich, das Handspiel nicht zu bestrafen. Für diesen Entschluss spricht, dass ein Handspiel laut Regelwerk nicht ahndungswürdig ist, wenn es mit dem Arm begangen wird, der zum Abstützen des Körpers dient. Dagegen spricht, dass Amiri mit diesem Arm sich nicht bloß abgestützt, sondern seine Körperfläche vergrößert und mit dem anderen ein Handspiel nicht gerade vermieden hat.

Petersens Vorgesetzte unterstützen die Entscheidung des Referees, sie sehen keine bewusste Abwehraktion mit den Armen zum Ball. Diese Einschätzung muss man nicht teilen, aber es ist auch nicht klar und offensichtlich falsch, keinen Elfmeter zu geben. Dass der Video-Assistent sich heraushält, ist deshalb korrekt. 20 Minuten zuvor hat er sich, ebenfalls zu Recht, eingemischt, als wiederum Amiri ein Tor von Lucas Alario durch ein Handspiel indirekt vorbereitet hat. Zwar hätte Amiri diesen Ballkontakt beim besten Willen nicht vermeiden können, denn der Bremer Ömer Toprak hat ihn regelrecht abgeschossen. Doch das spielt keine Rolle: Ein Tor, bei dem in irgendeiner Form zuvor die Hand oder der Arm im Spiel war, darf laut Regelwerk unter keinen Umständen zählen, und sei dieses Handspiel noch so unabsichtlich und ungewollt geschehen.

Tobias Stieler behält den Überblick

VfL Wolfsburg – FC Augsburg (0:0): Die regeltechnisch komplizierteste Szene des Spieltags ereignet sich nach 84 Minuten in dieser Partie. Nach einer Flanke von Maximilian Arnold kommt der Wolfsburger João Victor in Ballbesitz und schiebt den Ball ins Tor der Augsburger. Schiedsrichter Tobias Stieler erkennt den Treffer zunächst an, wird dann jedoch von seinem VAR in die Review Area geschickt. Dort sieht er, dass sich João Victor im Abseits befindet, als Arnold den Ball vor das Tor schlägt. Ob diese Abseitsstellung zu ahnden sein wird, lässt sich aber noch nicht sagen, weil der Ball weit weg ist. In der Strafraummitte kommt es zum Zweikampf zwischen Wout Weghorst und dem Augsburger Tin Jedvaj. Weghorst verpasst den Ball knapp, Jedvaj bekommt ihn an den Arm. Von dort gelangt der Ball zu João Victor, der ins Tor trifft.

Entscheidend wird sein, wie Stieler am Monitor das Handspiel von Jedvaj bewertet. Als strafbar? Dann läge automatisch ein absichtliches Spielen des Balles vor, und das Abseits von João Victor wäre aufgehoben, weil eine neue Spielsituation gegeben wäre. Die Vorteilsbestimmung würde angewendet und der Treffer zählen. Oder als nicht strafbar? Dann läge ein unkontrolliertes Abfälschen des Balles vor und damit keine neue Spielsituation. Das Abseits von João Victor wäre nicht aufgehoben, das Tor müsste annulliert werden. Stieler entscheidet sich für diese Auslegung. Das ist nachvollziehbar, weil Jedvaj seine Arme nur im Rahmen des Zulässigen zum Führen des Zweikampfs mit Weghorst eingesetzt hat. Weil der Wolfsburger knapp verpasste, kam der Ball für den Augsburger in diesem Moment überraschend und fiel ihm auf den Arm.

Eine Orientierung mit den Händen zum Ball gab es nicht, auch keine Vergrößerung der Körperfläche, um den Ball aufzuhalten. Der rechte Arm, gegen den der Ball ging, hat Jedvaj sogar noch wegzubewegen versucht. Eine hochgradig komplexe und extrem schwierig zu beurteilende Situation, die der Video-Assistent dem Schiedsrichter gut aufbereitete und die von diesem am Bildschirm schnell und sicher beurteilt wurde. Dass Tobias Stieler bei der Rückkehr aufs Feld erst Weghorst und dann Arnold geduldig erklärt, warum er das Tor annullieren wird, ist eine Maßnahme, die für Transparenz und Akzeptanz bei den Wolfsburgern sorgt. Wie Stieler die Herausforderung bewältigt hat, die in der gesamten Szene steckte, verdient großen Respekt.

Was bleibt, ist die Feststellung, dass sich die Video-Assistenten in allen genannten Fällen richtig verhalten haben: Dort, wo die Schiedsrichter keinen klaren Fehler begangen haben, sind sie passiv geblieben; dort, wo die Unparteiischen deutlich danebenlagen oder keine Wahrnehmung hatten, sind sie tätig geworden. Nur in Mainz hat dieses Zusammenwirken nicht gut geklappt, während es in Wolfsburg in einer sehr heiklen Szene perfekt funktionierte. Mit der Handspielregel bleibt es derweil zwar kompliziert. Aber dafür können die Schiedsrichter letztlich gar nichts.

Quelle: n-tv.de

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