Collinas Erben

"Collinas Erben" klären auf Warum Schalkes Elfmeter regelkonform war

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Schiedsrichter Zwayer hat viel zu tun im Revierderby.

(Foto: imago images / Horstmüller)

Ein umstrittener Handelfmeter, zwei Rote Karten, ein Feuerzeugwurf – Schiedsrichter Felix Zwayer hat beim Revierderby viel zu tun. In den spielentscheidenden Situationen liegt er aber richtig - und so hadert der BVB-Trainer weniger mit dem Referee als mit den Regelmachern.

Die Schlüsselszene des Ruhrgebietsduells zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 (2:4) hatte im Stadion zunächst kaum jemand so richtig mitbekommen: Als der Dortmunder Julian Weigl in der 16. Minute den Schuss von Breel Embolo aus kurzer Distanz mit dem linken Arm abblockte, ging weder ein Aufschrei durch den Fanblock der Gäste noch gab es nennenswerten Protest der Schalker Spieler. Auch Schiedsrichter Felix Zwayer reagierte nicht, weder mit einem Pfiff noch mit einem Abwinken. Die Partie lief einfach weiter – bis der Unparteiische sie plötzlich unterbrach. Denn sein Video-Assistent Guido Winkmann hatte sich das nahezu unbemerkte Handspiel noch einmal angesehen und riet Zwayer nun, es in der Review Area ebenfalls zu tun.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Als der Referee auf das Feld zurückkehrte, gab er zum Entsetzen der Dortmunder jenen Strafstoß, den Daniel Caligiuri zum 1:1 verwandelte und der dem Spiel dadurch eine Wendung gab. Das warf zwei Fragen auf: Durfte und musste Winkmann tatsächlich eingreifen? Und war es richtig von Zwayer, auf Elfmeter zu entscheiden? Beide Male lautet die Antwort: ja. Zwar könnte man argumentieren, dass es nicht klar und vor allem nicht offensichtlich falsch war, aus dem Spiel heraus keinen Strafstoß gegeben zu haben. Zum Review kam es in diesem Fall jedoch aus einem anderen Grund: Der Schiedsrichter hatte das Handspiel, wie er nach dem Spiel selbst sagte, überhaupt nicht wahrgenommen und damit auch nicht bewertet.

Und da der Video-Assistent in überprüfbaren Situationen – wozu strafstoßverdächtige Szenen gehören – nicht nur bei einer falschen, sondern auch bei einer fehlenden Wahrnehmung des Referees intervenieren soll, handelte Guido Winkmann richtig. Denn so sehen es die Regularien des International Football Association Board (Ifab) nun einmal vor. Warum die Elfmeterentscheidung als solche ebenfalls unumgänglich war, erklärte der Unparteiische nach dem Spiel. "Der Arm ist auf Schulterhöhe waagerecht abgespreizt. Das ist eine Vergrößerung der Körperfläche, damit wird der Ball abgeblockt", sagte Felix Zwayer. Sowohl nach internationaler als auch nach nationaler Auslegung liege somit ein strafbares Handspiel vor.

"Wir Schiedsrichter sind die ärmsten Schweine"

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Weigl ist mit der Regelauslegung nicht einverstanden.

(Foto: imago images / Chai v.d. Laage)

Diese Auslegung gebe es seit Saisonbeginn und solle "immer so gehandhabt werden". Da eine "unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche" vorliege, sei die Sache "in diesem Fall sehr, sehr eindeutig". Tatsächlich sind die Referees schon seit einer Weile gehalten, Handspiele mit ausgestrecktem oder abgewinkeltem Arm konsequent zu sanktionieren, selbst wenn der Ball aus kurzer Entfernung kommt. Auf die Kritik von BVB-Coach Lucien Favre, der die offiziellen Vorgaben bei der Handspielauslegung als "Schande" und "großen Skandal" bezeichnete, entgegnete Zwayer: "Ich mache die Regeln nicht. Wenn Fußball-Experten mit dieser Regel nicht einverstanden sind, ist es deren Recht. Wir Schiedsrichter sind dann aber die ärmsten Schweine. Wir setzen das Regelwerk um."

Vor zwei Wochen hatte der Fifa-Schiedsrichter ebenfalls nach einem Review auf Handelfmeter erkannt, als der Münchner Mats Hummels den Ball versehentlich von einem Mitspieler (!) aus kürzester Distanz an den erhobenen Arm geschossen bekam, ohne dass ein Gegner in der Nähe war. Gemessen daran wäre es inkonsequent gewesen, in Dortmund anders zu entscheiden. Die Regelauslegungspraxis beim Handspiel, die mittlerweile stärker am Tatbestand der Fahrlässigkeit orientiert ist als an dem der Absicht, mag vielen nicht gefallen. Zur kommenden Saison wird sie jedoch sogar im offiziellen Regeltext festgeschrieben: Das Spielen des Balles mit dem Arm, der ausgestreckt, über Schulterhöhe gehalten oder zur "unnatürlichen Vergrößerung des Körpers" eingesetzt wird, ist dann auch dem Wortlaut der Regeln nach ausdrücklich strafbar.

Zwayer konnte nicht auf Sancho warten

Lucien Favre ärgerte sich aber auch darüber, dass seine Mannschaft in Unterzahl war, als das Handspiel geschah. Jadon Sancho sei "nicht auf seiner Position" gewesen, weil er zwei Minuten zuvor, nach dem Tor zum 1:0 für den BVB, beim Jubeln vor dem Block der Schalke-Fans, "etwas an den Kopf bekommen" habe. Der Dortmunder war von einem Feuerzeug getroffen worden und musste deshalb behandelt werden. Manche fragten sich deshalb, ob die Regeln in einem solchen Fall nicht vorsehen, dass der Schiedsrichter warten muss, bis die betreffende Mannschaft wieder vollzählig ist. Schließlich wurde die vorübergehende Dezimierung ja von Anhängern des gegnerischen Teams verursacht.

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Sancho muss außerhalb des Platzes behandelt werden.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Doch dem Unparteiischen waren die Hände gebunden. Denn erlaubt ist nur eine kurze Erstversorgung auf dem Platz, die weitere Behandlung muss außerhalb des Feldes stattfinden, damit das Spiel weitergehen kann. Ein Spieler, der in einer Unterbrechung behandelt wird, muss zudem grundsätzlich den Rasen verlassen und darf ihn erst wieder betreten, wenn die Partie fortgesetzt ist. Es gibt zwar Ausnahmen von dieser Regelung; so darf etwa ein Spieler trotz Behandlung auf dem Platz bleiben, wenn der Gegner für das Foul, das diese Behandlung notwendig machte, die Gelbe oder Rote Karte gesehen hat. Nicht zu diesen Ausnahmen zählt jedoch eine Situation, wie sie Sancho widerfahren ist. Felix Zwayer hatte diesbezüglich keinerlei Spielraum.

Ganz richtig lag er auch bei den beiden Roten Karten gegen die Dortmunder Marco Reus und Marius Wolf, die den Schalker Suat Serdar jeweils in hohem Tempo mit einer Grätsche von hinten zu Fall gebracht hatten. Reus selbst räumte ein: "Wir brauchen nicht darüber zu reden, dass es eine Rote Karte war." Er habe den Gegner aber nicht verletzen wollen, sondern sei einen Schritt zu spät gekommen. Auch der Schiedsrichter nahm den Kapitän des BVB in Schutz. "Ich bin total überzeugt, dass Marco Reus versucht hat, den Ball zu spielen", sagte er: Das sei ihm aber nicht gelungen, "weil die Situation anders gelaufen ist, als er sie eingeschätzt hat". Die Unparteiischen hätten jedoch "zu beurteilen, was passiert, und nicht, was die Absicht ist. Ein gestrecktes Bein auf die Achillessehne mit offener Sohle ist eine Gesundheitsgefährdung." Damit sei die Entscheidung klar.

Warum Serdar und McKennie nur Gelb sahen

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Nur Gelb gibt's für Weston McKennie.

(Foto: imago/Norbert Schmidt)

Auch auf Schalker Seite gab es zwei rüde Fouls, die denen von Reus und Wolf auf den ersten Blick ähnelten. Begangen hatten sie Serdar in der 36. und Weston McKennie in der 72. Minute, beide Male zückte Zwayer nur die Gelbe Karte. Doch auch in diesem Fall kann man dem Referee folgen, wenn er etwa zum Foulspiel von McKennie an Axel Witsel sagt, der Schalker sei nicht von hinten, sondern von der Seite eingestiegen und habe auch nur ein rücksichtsloses, aber kein brutales Vergehen begangen. Entscheidend dafür ist das sogenannte Trefferbild, wie es in der Schiedsrichtersprache heißt. Damit ist gemeint, wie und wo ein Gegner bei einem Foul getroffen wird.

Der Bereich der Achillessehne und die Körperregion oberhalb des Knöchels respektive des Sprunggelenks sind besonders empfindlich, ein Tritt dorthin – zumal mit den Stollen voraus – birgt eine größere Verletzungsgefahr als ein Tritt auf oder seitlich gegen den Fuß. Deshalb sind die Schiedsrichter angehalten, derartige Fouls mit der Roten Karte zu ahnden. Serdar und McKennie waren zwar jeweils ebenfalls mit hohem Tempo in ihren Zweikampf gegangen, doch ihr Trefferbild war anders als das bei Reus und Wolf. Sie trafen ihre Gegenspieler nicht an besonders empfindlichen Stellen, ihr Einsatz war damit zwar rücksichtslos, aber nicht gesundheitsgefährdend. Dass sie nur verwarnt wurden, war deshalb angemessen.

Mag der Unparteiische in diesem emotionalen, intensiven, für ihn extrem schwierigen Spiel bei der Zweikampfbeurteilung auch nicht immer einheitlich geurteilt haben – in den spielentscheidenden Szenen lag er durchweg richtig und zeigte Konsequenz. Von der Hektik in dieser Partie ließ er sich nie anstecken. Hoch anzurechnen ist ihm auch, dass er sich den Fragen der Medien stellte und seine Entscheidungen erläuterte. Nach einem derart aufgeheizten Spiel ist das keine Selbstverständlichkeit.

Quelle: n-tv.de

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