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Notbremse? Dortmunds Abdou Diallo muss vom Platz.
Notbremse? Dortmunds Abdou Diallo muss vom Platz.(Foto: imago/Sportnah)
Montag, 24. September 2018

"Collinas Erben" schwanken: Wie fix soll der Video-Assistent eingreifen?

Von Alex Feuerherdt

Zum Saisonstart der Fußball-Bundesliga übereifrig, werfen manche den Video-Assistenten nun ihre Zurückhaltung vor. Die Dortmunder wünschten sich zweimal einen Eingriff. In drei anderen Szenen an diesem Spieltag sind die Helfer da.

Bei der Dortmunder Borussia haderten sie nach dem 1:1 bei der TSG Hoffenheim mit Schiedsrichter Harm Osmers und dessen Video-Assistenten Christian Dingert. Der Unparteiische hatte an diesem vierten Spieltag der Fußball-Bundesliga zwei spielrelevante Entscheidungen zuungunsten des BVB getroffen, die nicht nur die Westfalen für eindeutig falsch hielten. Doch sein Helfer in Köln war beide Male nicht eingeschritten: Nicht nach sieben Minuten, als Christian Pulisic zu Boden ging, nachdem ihn der Hoffenheimer Nico Schulz auf der eigenen Strafraumlinie auf den Fuß getreten hatte, Osmers jedoch weiterspielen ließ.  Und nicht nach 76 Minuten, als Abdou Diallo wegen einer Notbremse vom Platz gestellt wurde, obwohl es sehr fraglich war, ob sein Gegenspieler Andrej Kramaric den Ball noch erreicht und damit eine offensichtliche Torchance gehabt hätte.

Neulich in Sinsheim: Schiedsrichter Harm Osmers.
Neulich in Sinsheim: Schiedsrichter Harm Osmers.(Foto: imago/Sportnah)

Dass Dingert so zurückhaltend war, berührt ein Kernproblem des Videobeweises. Seit es ihn gibt, dreht sich ein großer Teil der Aufregung über ihn um die Grundsatzfrage: Wann ist eine Entscheidung des Schiedsrichters so klar falsch und so offensichtlich nicht mehr vertretbar, dass dem Video-Assistenten gar nichts anderes übrig bleibt, als sich einzuschalten? Und wann existiert noch ein Ermessensspielraum, der die auf dem Feld getroffene Entscheidung jedenfalls nicht vollkommen abwegig erscheinen lässt?

Wenn es nur Schwarz und Weiß gibt, wie bei Abseitsstellungen vor einer Torerzielung oder bei der Frage, ob ein Foul innerhalb oder außerhalb des Strafraums begangen wurde, fällt die Antwort leicht. Doch sobald die Bilder interpretiert werden müssen und nicht eindeutig sind, gibt es selten nur eine Meinung. Folgerichtig muss für die Video Assistant Referees (VAR) eine Eingriffsschwelle definiert werden. Diese soll nach dem Willen der Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab), aber auch nach Ansicht des DFB möglichst hoch liegen. Vor allem, wenn der Unparteiische signalisiert, dass er eine zweifelsfreie Entscheidung aus günstigem Blickwinkel getroffen hat. Denn der VAR soll kein Oberschiedsrichter sein. Vom Regelwerk her ist er es ohnehin nicht. Dort ist festgelegt, dass das letzte Wort immer beim Referee auf dem Platz liegt. Der Video-Schiedsrichter soll aber auch nicht durch niedrigschwellige Interventionen zu viel Einfluss auf das Spiel nehmen. In der Rückrunde der vergangenen Bundesligasaison und bei der WM in Russland hat das gut geklappt.

Zu große Zurückhaltung in Hoffenheim und Berlin?

In dieser Saison jedoch suchen die Video-Assistenten noch nach einer klaren Linie. Am ersten Spieltag griffen sie viel zu häufig ein, am zweiten und dritten dagegen lief es ausgezeichnet, wobei es nur wenige Situationen gab, in denen sie gebraucht wurden. Nun wiederum wird darüber gestritten, ob die Eingriffsschwelle nicht hier und da zu hoch angesetzt worden war. Tatsächlich fällt es schwer, angesichts von Schulz‘ klarem Tritt auf Pulisics Fuß ein stichhaltiges Argument für die Entscheidung des Unparteiischen auf dem Rasen zu finden. Beim Feldverweis für Diallo dagegen lässt sich geltend machen, dass man nicht mit letzter Gewissheit sagen kann, wie sich der Angriff ohne das Foul entwickelt hätte. Rot mutete nicht gänzlich abwegig an.

Bänder- und Kapselriss: Herthas Marko Grujić.
Bänder- und Kapselriss: Herthas Marko Grujić.(Foto: imago/Bernd König)

Auch beim 4:2 der Hertha gegen Borussia Mönchengladbach hielt sich der Video-Assistent zurück, als Patrick Herrmann den Berliner Marko Grujić mit den Stollen voraus am Sprunggelenk traf und dafür von Schiedsrichter Markus Schmidt nur die Gelbe Karte bekam. Dass es keine Rote Karte gab, lag vermutlich daran, dass Herrmann von der Seite grätschte, den Ball nur knapp verfehlte und seinen Gegner nicht weiter oben am Bein traf. Andererseits waren das Risiko und die Intensität dieses Tacklings mit der "offenen Sohle", wie es in der Fußballersprache heißt, so groß, dass eine Gesundheitsgefährdung gegeben war. Grujić musste dann auch ausgewechselt werden, Herrmann hatte ihm einen Bänder- und Kapselriss zugefügt. Ein Feldverweis wäre in jedem Fall die deutlich bessere Entscheidung gewesen. Aber war die Verwarnung unzweifelhaft gravierend falsch, gab es überhaupt kein Argument für sie? Das berührt wiederum die Frage nach der Eingriffsschwelle.

Warum griff der Video-Assistent in Nürnberg ein?

Vergleichsweise niedrig lag sie in der 28. Minute der Partie zwischen dem 1. FC Nürnberg und Hannover 96 (2:0), als der allen Gegnern davongeeilte Nürnberger Virgil Misidjan nach einer leichten Berührung an der Schulter durch Miiko Albornoz kurz vor dem Strafraum der Hannoveraner zu Boden ging. Dadurch war die glasklare Torchance dahin. Schiedsrichter Bastian Dankert hatte gleichwohl kein Foul erkannt und ließ deshalb weiterspielen, sein Video-Assistent Tobias Stieler jedoch empfahl ihm den Gang in die Review Area. Dort betrachtete sich der Unparteiische lange die Bilder, bevor er seine Entscheidung änderte und Albornoz wegen einer "Notbremse" die Rote Karte zeigte. Das war unumgänglich, wenn man den kurzen Kontakt an der Schulter als Foul wertet. Die Frage ist allerdings: War es wirklich ein klarer, offensichtlicher Fehler, weiterspielen zu lassen?

Bilderserie

Die Antwort darauf kann eigentlich nur "nein" lauten, denn dazu war die Situation zu uneindeutig. Denkbar ist es allerdings, dass ein anderer Grund zum On-Field-Review durch den Referee geführt hat: Die Video-Assistenten sollen ebenfalls intervenieren, wenn der Schiedsrichter ein mögliches Vergehen mit Spielrelevanz komplett übersehen hat und der VAR sich nicht sicher ist, wie der Unparteiische entschieden hätte, wenn er die betreffende Szene wahrgenommen hätte. In Nürnberg wurde Dankert vom schnellen Angriff der Gastgeber offenkundig überrascht und war dadurch sehr weit vom Zweikampf zwischen Albornoz und Misidjan entfernt. Möglich ist deshalb, dass er die Berührung an der Schulter nicht beobachtet hat. In diesem Fall hätte Video-Assistent Stieler zu Recht das Review empfohlen. Dass Dankert nach dem Duell sofort abgewinkt hat, spricht allerdings dafür, dass er es auch selbst wahrgenommen hatte.

Drei sehr gute Korrekturen

Unstrittig waren die drei übrigen Entscheidungsänderungen an diesem Spieltag. In Hoffenheim wurde nach 52 Minuten das vermeintliche 2:0 für die Hausherren zu Recht annulliert, weil sich der Vorlagengeber Kramaric im Abseits befunden hatte. Auch in Nürnberg gab es die Rücknahme eines Abseitstores nach der Prüfung durch den Video-Assistenten. In Leverkusen durften sich die Mainzer nur kurz über ihren Führungstreffer freuen, die Bilder ließen zweifelsfrei erkennen, dass der Torschütze Robin Quaison den Ball absichtlich mit der Hand gespielt hatte.

Für die Schiedsrichter und ihre Assistenten waren alle drei Situationen schwer zu erkennen und die Eingriffe der VAR eminent wichtig. Es ist wohl unvermeidlich, dass über solche sinnvollen, klaren und erfolgreichen Interventionen weniger gesprochen wird als über strittige (Nicht-)Einmischungen. Insgesamt scheinen die Video-Assistenten nun deutlich mehr Zurückhaltung walten zu lassen. Das kann man in einzelnen Fällen falsch finden, aber es entspricht insgesamt der grundsätzlich erwünschten Linie, die auch bei der WM zu beobachten war: Sofern die Entscheidung nicht völlig absurd, sondern auf der Grundlage des Ermessens noch zu vertreten ist, bleibt sie bestehen.

Von den Video-Assistenten erfordert das Flexibilität und ein gewisses Rollenverständnis: Mit Ausnahme von Günter Perl sind sie alle als Bundesliga-Schiedsrichter unterwegs und es deshalb gewohnt, selbst die Entscheidungen zu treffen. Am Monitor haben sie jedoch eine andere Funktion, die Zurückhaltung erfordert. Leicht ist das nicht immer.

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Quelle: n-tv.de