Fußball-WM 2018

Frankreich "will den Pott holen" Deschamps' Lehrlinge gieren nach WM-Coup

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Sind die Lehrlinge reif für den WM-Titel?

(Foto: imago/Newspix)

Sie sind jung, gut und gierig, schlagen Uruguay und stehen im Halbfinale der Weltmeisterschaft. Aber haben Frankreichs junge Fußballer auch das Zeug, nun Belgien zu bezwingen und ins Endspiel einzuziehen?

Spielt so der neue Weltmeister? Abgesehen davon, dass die Frage etwas zu früh kommt, lautet die klare Antwort: vielleicht. Die französische Nationalmannschaft hat jedenfalls gezeigt, dass sie sich einen Sieg auch geduldig erarbeiten kann. Das 2:0 (1:0) gegen Uruguay im ersten Viertelfinale der WM in Russland war keine Demonstration hinreißenden Offensivfußballs. Aber das war gegen einen Gegner, der seine gut organisierte Abwehrstrategie leidenschaftlich lebt und bis zu diesem späten Freitagnachmittag in vier Turnierspielen erst ein Gegentor kassiert hatte, auch nicht zu erwarten.

Und so war Trainer Didier Deschamps, der 1998 als Kapitän mit der Équipe Tricolore zum ersten Mal die WM gewann, auch mit sich und seiner Mannschaft zufrieden. Die habe schon beim ungleich spektakuläreren 4:3 gegen Argentinien im Achtelfinale "Großes geleistet" und nun "das Niveau noch einmal gesteigert". Das wird nicht nur für die 43.319 Zuschauer im Nischni Nowgoroder Stadion, das auf einer Landzunge steht, genau dort, wo die großen Flüsse Wolga und Oka sich treffen, erst einmal verwunderlich geklungen hatte. Schließlich war diese Partie, die Innenverteidiger Raphaël Varane fünf Minuten vor der Pause und Angreifer Antoine Griezmann nach einer guten Stunde mit ihren Toren entschieden, die meiste Zeit eine ebenso harte wie zähe Angelegenheit.

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Varane will es wissen.

(Foto: imago/Xinhua)

Aber wem das zu langweilig war, der konnte durch eine Ecke des Stadions das Wasser und am Ufer gegenüber die Anlage des Nowgoroder Kremls sehen, was ein durchaus lohnender Anblick ist. Und nicht nur Deschamps weiß, dass auf dem Weg in ein großes Finale auch solche Gegner erst einmal bezwungen werden müssen. Erst recht für die nach Nigeria zweitjüngste Mannschaft dieses Turniers. Und so wiederholte der Trainer sein Mantra. Das besagt, sein Team mit dem 19 Jahre alten Kylian Mbappé von Paris St. Germain, der nach seiner Gala gegen Argentinien nach einer Viertelstunde Chance mit dem Kopf vergab und sein viertes Turniertor verpasst, mit den 22 Jahre alten Außenverteidigern Lucas Hernández von Atlético Madrid und Benjamin Pavard vom VfB Stuttgart, dem ein Jahr älteren Corentin Tolisso vom FC Bayern und dem 21-jährigen Ousmane Dembélé vom FC Barcelona, der kurz vor Schluss eingewechselt wurde, habe noch nicht die Reife für den großen Wurf: "Uns fehlt die Erfahrung, aber wir haben das Potential, die Qualität und den Willen."

"Alles dafür geben, den Pott zu holen"

Der kann vielleicht keine Berge, aber bisweilen einen noch so tief stehenden und aggressiven uruguayischen Abwehrblock versetzen. Und wenn wie beim 1:0 eine Standardsituation - Griezmann flankt, Varane köpft wuchtig in den Winkel - herhalten muss und wie beim 2:0 ein Aussetze von Uruguays Torhüter Fernando Muslera. Sagen wir es so: Dafür, dass Deschamps stets betont, in diesen Wochen mit einer Gruppe von "Lehrlingen" unterwegs zu sein, hat die die Aufgabe erstaunlich abgezockt und routiniert gelöst. Reals Varane, der 25 Jahre alte Kopfballtorschütze und Stellvertreter des famosen Torhüters und Kapitäns Hugo Lloris von Tottenham Hotspur, der kurz vor der Pause einen Kopfball von Martín Cáceres spektakulär auf der Linie parierte und mit seinen 31 Jahren nach Angreifer Olivier Giroud vom FC Chelsea der älteste Franzose ist, dieser Varane also gab sich dann auch weniger zurückhaltend: "Jetzt werden wir alles dafür geben, den Pott zu holen."

Dafür müssen die Franzosen allerdings erst einmal am nächsten Dienstag in St. Petersburg (ab 20 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) ihr Halbfinale gegen Belgien gewinnen. Der kleine Nachbar trumpfte am Abend in Kasan gegen Rekordweltmeister Brasilien groß auf, ging schnell mit zwei Toren in Führung und verteidigte letztlich mit ein wenig Glück ein 2:1. Das konnte Deschamps noch nicht wissen, als er in Nischni Nowgorod versicherte, es sei ihn egal, wer der Gegner in der Vorschlussrunde sei. Nur so viel: "Ich bin froh, Franzose zu sein. Für uns ist es auf jeden Fall keine WM der verpassten Chancen." In der Tat hat Frankreich bei dieser WM einige Facetten gezeigt, die einen Champion ausmachen. Die Mischung und das Klima in der Mannschaft stimmen, die Leistung passt auch. Und wie sagte es der Trainer: "Wir können uns immer noch verbessern."

In der Vorrunde gab's zum Auftakt ein mühsames 2:1 gegen Australien. Es folgte ein 1:0 gegen Peru, mit dem Les Bleus sich den Einzug in die K.-o.-Runde sicherten. Nach dem 0:0 einer B-Elf gegen Dänemark stand der Gruppensieg fest. Das Achtelfinale gegen Lionel Messis Argentinien war ein Fest - und nun der souveräne Arbeitssieg gegen Uruguay. Ob sein Team denn das Zeug habe, den großen Coup zu landen, den Titel zu gewinnen, wurde Deschamps noch gefragt. Da setzte der ehemalige defensive Mittelfeldspieler wieder aufs Understatement: "Im Moment haben wir das Potential, im Halbfinale zu stehen." Spricht so der Trainer des nächsten Weltmeisters? Das könnte sehr gut sein.

Quelle: n-tv.de

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