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Antoine Griezmann jubelt auf dem Rasen: Finale!
Antoine Griezmann jubelt auf dem Rasen: Finale!(Foto: picture alliance/dpa)
Mittwoch, 11. Juli 2018

Liberté, Égalité, Finalé: Frankreich hat das Zeug zum Champion

Von Stefan Giannakoulis, St. Petersburg

Weltmeister der Herzen werden die Franzosen eher nicht. Aber Weltmeister im Fußball? Das könnte sein. Der Sieg im Halbfinale gegen Belgien ist einer der Cleverness auf hohem Niveau. Trainer Deschamps ist da ganz Realist.

Zwei Jahreszahlen spielten hinterher eine wichtige Rolle: 1998 und 2016. Zu beiden sollte Didier Deschamps etwas sagen. Vor 20 Jahren hatte die französische Fußballnationalmannschaft im eigenen Land zum ersten und bisher einzigen Mal die Weltmeisterschaft gewonnen - mit ihm als Kapitän. Und vor zwei Jahren standen die Franzosen wieder im Pariser Stade de France in einem großen Finale, es ging um die Europameisterschaft. Sie verloren 0:1 gegen Portugal - mit ihm als Trainer, der er nun seit ziemlich genau sechs Jahren ist.

Nach Zagallo und Beckenbauer der dritte Weltmeister als Spieler und Trainer? Frankreichs Coach Deschamps.
Nach Zagallo und Beckenbauer der dritte Weltmeister als Spieler und Trainer? Frankreichs Coach Deschamps.(Foto: picture alliance/dpa)

Nun saß Deschamps kurz nach Mitternacht St. Petersburger Ortszeit auf dem Podium im Pressezentrum, einer Baracke vor dem Krestowski-Stadion, und die Journalisten fragten ihn, wie das nächste Endspiel ausgehen werde. Der Trainer sagte: "Wir können Weltmeister werden, aber heute sind wir es noch nicht."

Fest steht, dass Frankreich nach dem 1:0 (0:0) gegen Belgien nun im Finale der WM in Russland steht. Innenverteidiger Samuel Umtiti, den die Fifa zum Mann des Spiels kürte, köpfte sechs Minuten nach der Pause und einem Eckball von Antoine Griezmann das Tor, nachdem er sich gegen den elf Zentimeter größeren Marouane Fellaini durchgesetzt hatte. Das war bezeichnend für seine Mannschaft und das ganze Turnier, bei dem bisher 68 von 158 Toren nach Standardsituationen fielen. Beim 2:0 gegen Uruguay im Viertelfinale hatte Griezmann einen Freistoß auf Innenverteidiger Raphaël Varane geflankt, der dann per Kopf das erste Tor erzielte. Beide Male war es nicht das ganz große Fußballfest, aber zweckmäßig und erfolgsbringend allemal.

Überhaupt hat sich die Defensive längst als großes Plus der Franzosen herauskristallisiert. Umtiti und Varane werden flankiert von die 22 Jahre alten Außenverteidigern Benjamin Pavard, der in der vergangenen Saison für den VfB Stuttgart alle 34 Ligaspiele von der ersten bis zur letzten Minute absolvierte, und Lucas Hernández von Atlético Madrid. Im defensiven Mittelfeld räumen Paul Pogba von Manchester United und N'golo Kanté vom FC Chelsea zuverlässig ab, was es abzuräumen gibt. Der 31 Jahre alte Kapitän Hugo Lloris im Tor ist eine Bank, allein in der 20. und 22. Minute bewahrte er sein Team zweimal vor einem Rückstand. Nicht ohne Stolz konstatierte Deschamps: "Unsere Defensive war exzellent." Die Idee sei es gewesen, einem anfangs stürmischen Gegner "absolut keine Räume zu gewähren". Es sei doch klar: "Wir müssen pragmatisch sein, und wir müsse realistisch sein."

Mbappé brilliert - und schindet Zeit

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Die Herzen der Menschen erobern sie mit dieser Spielweise nicht. Allein das spektakuläre 4:3 im Achtelfinale gegen Argentinien fällt positiv aus diesem Schema heraus. Aber der Plan geht auf. Er war auch in St. Petersburg der richtige. Die Belgier um ihren wieder überragenden Kapitän Eden Hazard und die dieses Mal schwächeren Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku hatten zwar in der ersten Halbzeit mehr investiert und die besseren Chancen. Nach dem Rückstand aber fehlten ihnen die Ideen und wohl auch die Kraft. Dieser begnadeten Mannschaft fiel zum Schluss nichts anderes mehr ein, als den Ball meist verzweifelt nach innen zu flanken. Auch das zeigt, wie gut die Franzosen verteidigten. Es ist der Glaube an die eigene Stärke, der sie auszeichnet. Die Équipe lässt sich nicht verunsichern, auch wenn sich der Gegner ein Übergewicht erarbeitet, so wie es Belgien vor der Pause tat. Sie bleibt ruhig, konzentriert, taktisch diszipliniert. Sie wartet auf ihre Chance und nutzt sie dann.

Und sie spielt zur Not wie im Krestowski auch auf Zeit, allen voran der 19 Jahre alte Kylian Mbappé. Der technische brillante Turbosprinter trübte dadurch zwar den unbekümmert guten Eindruck, den er bis dahin hinterlassen hatte - aber es war halt, ja, pragmatisch, wenn auch nicht sympathisch. In der zweiten Minute der Nachspielzeit lief er mit dem Ball am Fuß zur Eckfahne, dribbelte kurz und spielte ihn dann ins Seitenaus. Doch bevor ein Belgier zum Einwurf kam, nahm er den Ball in die Hände, zog ihn zu sich heran, warf ihn auf den Rasen und kickte ihn weg. Schiedsrichter Andreas Cunha aus Uruguay zeigte Mbappé dafür zu Recht die Gelbe Karte. Dabei hat er sportlich so viel zu bieten, zum Beispiel einen doppelten Hackentrick, mit dem er in der 56. Minute aufwartete. Dass der Ball dann bei Olivier Giroud landete, war Pech. Dem Angreifer des FC Chelsea ist bei dieser WM noch kein Tor geglückt - und doch steht Frankreich im Endspiel.

Cleverness auf hohem Niveau

Der Sieg in diesem Halbfinale war ein Sieg der Cleverness, der Abgezocktheit auf hohem Niveau. Ob nun England oder Kroatien, die ihr Halbfinale heute (ab 20 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in Moskau ausspielen, am Sonntag ab 17 Uhr Gegner sein werden - die Franzosen müssen damit leben, dass sie als Favorit gelten, auch wenn ihr Trainer davon nichts hören mag: "Wir konnten auch damit umgehen, dass einige behauptet haben, wir seien gegen Belgien der Favorit."

Und Deschamps wäre nicht Deschamps, hätte er nicht auch nach dieser Vorschlussrunde die Gelegenheit genutzt, darüber zu sprechen, wie jung sein Team sei. Doch seine "Lehrlinge", wie er sie nennt, machen ihre Sache gut. "Einige von ihnen haben erst entdeckt, was eine Weltmeisterschaft ist. Sie machen nicht alles richtig, aber es ist ein Fortschritt zu erkennen." Es sei "die pure Freude, sie wachsen zu sehen".

So langsam zieht dieses Understatement zwar nicht mehr. Aber um im Bild zu bleiben: Seine Auszubildenden haben ihre Lehrzeit sehr stark verkürzt, in St. Petersburg ihre Gesellenprüfung bestanden und stehen nun vor ihrem Meisterstück. "Wir haben eine Gruppe mit einer sehr guten Mischung", sagte Deschamps. "Die älteren Spieler kontrollieren das Team, die jüngeren bringen ein bisschen Verrücktheit mit."

Aber was war denn jetzt mit 1998 und 2016? Deschamps könnte nach dem Brasilianer Mario Zagallo und dem Deutschen Franz Beckenbauer der dritte Mensch auf diesem Planeten werden, der die WM als Spieler und als Trainer gewinnt. Da wurde er doch sehr energisch: Niemals, wirklich niemals erzähle er seinen Spielern die Geschichten von früher. Die wüssten, was damals passiert sei, auch wenn einige von ihnen damals noch Kleinkinder waren. "Sie kennen die Bilder, jeder in Frankreich kennt sie. Jetzt gibt es eine neue Generation. Ich bin hier mit ihnen in Russland, damit sie ein neues Kapitel schreiben." Und zum verlorenen EM-Finale sagte er nur: "Wir werden alles dafür tun, um dieses Mal auf der richtigen Seite zu stehen." Die Zeichen stehen gut, dass ihnen das gelingt.

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Quelle: n-tv.de