Fußball-WM 2018

Messi tritt von WM-Bühne ab Mbappé macht's wie Pelé, Frankreich träumt

f7b049dd7e2cb1889f94f3e9214754ae.jpg

Trainer Deschamps sagt über den Doppeltorschützen Mbappé: Ich bin froh, dass er ein Franzose ist.

(Foto: AP)

Wie bei einer Staffelstab-Übergabe: Kylian Mbappé war nicht nur wegen seiner beiden Tore der überragende Mann bei Frankreichs 4:3 im WM-Achtelfinale gegen Argentinien. Lionel Messi hatte wohl seinen letzten großen WM-Auftritt.

Am Ende eines wilden Nachmittags in der Hitze von Kasan wurde es harmonisch. Lionel Messi stand auf dem Rasen, enttäuscht, frustriert, leer. Seine Argentinier waren im WM-Achtelfinale ausgeschieden durch eine 3:4-Niederlage gegen Frankreich, was eine Demütigung ist für die stolze Fußball-Nation aus Südamerika. Nach einer Weile bekam Messi Trost. Der französische Angreifer Kylian Mbappé näherte sich, umarmte ihn, sprach ihm ein paar Worte ins Ohr. Und es wäre spannend zu wissen, was Mbappé gesagt hat. Vielleicht ja sowas wie: herzlichen Glückwunsch zu einer großen Karriere. Aber jetzt bin ich dran.

Frankreich - Argentinien 4:2 (1:1)

Frankreich: Lloris - Pavard, Varane, Umtiti, Hernández - Kanté, Pogba - Mbappé (88. Thauvin), Griezmann (83. Fekir), Matuidi (72. Tolisso) - Giroud; Trainer: Deschamps.
Argentinien: Armani - Mercado, Otamendi, Rojo (46. Fazio), Tagliafico - Pérez (66. Agüero), Mascherano, Banega - Pavón (75. Meza), Messi, Di María; Trainer: Sampaoli.
Tore: 1:0 Griezmann (13.), 1:1 Di María (41.), 1:2 Mercado (48.), 2:2 Pavard (57.), 2:3 Mbappé (64.), 2:4 Mbappé (68.), 3:4 Agüero (93.)
Schiedsrichter:
Faghani (Iran)
Zuschauer:
... (Kasan Arena)

Die Szene nach Schlusspfiff fasste perfekt zu dem, was das Publikum in der Arena von Kasan in den spektakulären 90 Minuten zuvor gesehen hatte – nämlich eine Staffelstab-Übergabe. Messi ist mittlerweile 31 Jahre alt. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass er beim Weltturnier in vier Jahren noch mitmacht, aber man kann sich nur schwer vorstellen, dass er dann noch eine prägende Rolle spielt. Die Veranstaltung in Russland dürfte die letzte Chance für ihn gewesen sein, seine Laufbahn mit dem WM-Titel zu krönen.

Vergleich mit Pelé

Die Chance wurde ihm entrissen von den Franzosen, vor allem von Mbappé. Der 19 Jahre junge Offensivmann war bislang vor allem dafür bekannt, dass er für 180 Millionen Euro vom AS Monaco zu Paris St. Germain gewechselt ist. Bei der Partie gegen Argentinien betrat er als Fußballer die große Bühne. Er war der überragende Mann, nicht nur wegen seiner beiden Treffer. Die Argentinier hatten kein Mittel gegen sein Tempo. Es waren erst zehn Minuten gespielt, als Mbappé schon zum zweiten Mal in Raketen-Geschwindigkeit über das Feld flügte, dem Strafraum entgegen, Argentiniens Verteidiger Marcos Rojo konnte ihn nur per Foul bremsen. Den fälligen Elfmeter verwandelte Antoine Griezmann zum 1:0.

Die Tore Nummer drei und vier schoss Mbappé dann selbst. Erst nahm er im Strafraum der Argentinier einen freien Ball auf und drosch ihn aus spitzem Winkel ins Netz, dann nutzte er wieder sein Tempo und verwertete ein hübsches Zuspiel von Olivier Giroud. Damit schloss Mbappé auf zu einer Legende, zur wohl größten Vergleichsgröße im Weltfußball. Er ist der erste Teenager seit Pelé bei der WM 1958, dem in einem WM-Spiel zwei Tore gelangen. "Das freut mich natürlich sehr", sagte Mbappé hinterher, bat aber auch darum, die Maßstäbe zu wahren: "Man muss die Dinge im Kontext sehen. Pelé war außergewöhnlich."

Für jemanden, der mit 19 Jahren schon der zweitteuerste Spieler des Planeten nach Neymar ist und gerade ein Achtelfinale gegen den zweimaligen Weltmeister Argentinien mehr oder weniger im Alleingang gewonnen hat, machte Mbappé einen angenehm zurückhaltenden, gut sortierten Eindruck. Aber, natürlich: selbstbewusst ist er eben auch. "Bei einer WM sind alle Topspieler dabei. Es gibt keinen besseren Ort, um zu zeigen, was man kann", sagte er. Trainer Didier Deschamps sah sich sogar dazu veranlasst, die heimische Nation zu Mbappé zu beglückwünschen. "Ich bin sehr froh, dass er ein Franzose ist. In einem so wichtigen Spiel hat er sein ganzes Talent gezeigt", sagte er.

Kritik an Vorrunden-Auftritten

In seinen Worten lagen auch Erleichterung und Dankbarkeit, und das lässt sich gut nachvollziehen. Der Trainer steht in der Kritik, weil er aus seinem hoch veranlagten Kader bislang ziemlich wenig herausgeholt hat. In der Vorrunde gab es zwei knappe Siege gegen Australien und Peru und ein torloses Unentschieden gegen Dänemark. Gegen Argentinien zeigten die Franzosen zum ersten Mal, wozu sie im Stande sind.

Im Mittelfeld organisierte der oft unterschätzte N’Golo Kanté das Spiel, neben ihm genoß Paul Pogba viele Freiheiten und zeigte einen seiner besten Auftritte im Trikot der Nationalmannschaft. Im Angriff war Giroud das, was in der Fachsprache neuerdings Ziel- oder Wandspieler genannt wird, er bekam viele hohe Bälle und schaffte Räume für den wuseligen Antoine Griezmann – und eben für Mbappé. Nach dem Rausch gegen Argentinien wächst bei den Franzosen die Zuversicht. "Ich bin Trainer, weil ich solche Spiele erleben will. Ein volles Stadion, zwei große Mannschaften. Wir haben Charakter gezeigt", sagte Trainer Deschamps.

So war der wilde Nachmittag in der Hitze von Kasan nicht nur der vielleicht letzte WM-Auftritt von Lionel Messi und die Antrittsvorstellung von Kylian Mbappé. Er war nebenbei auch die Geburt eines Turnier-Favoriten.

Quelle: ntv.de