Fußball-WM 2018

Siegertyp mit Glücksfaktor Heißkiste Kimmich treibt DFB-Elf an

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DFB-Spieler Joshua Kimmich steht mit dem Team des Titelverteidigers vor seiner ersten Weltmeisterschaft.

(Foto: AP)

Philipp Lahms Erbe wiegt schwer, und so hat Joshua Kimmich einen der kniffligsten Jobs im deutschen Nationalteam. Den erledigt er mit 23 Jahren ausgezeichnet. Ein Weltklassespieler sieht ihn gar auf dem Weg zum Weltklassespieler.

Er kann sich seiner Sache sicher sein. So tritt Joshua Walter Kimmich auch in der Nationalmannschaft auf. Nicht überheblich, natürlich nicht, aber bestimmt. "Wenn mir etwas auffällt, dann scheue ich mich nicht, das auch anzusprechen." Wer ihn Fußball spielen sieht, glaubt das sofort. Der 23 Jahre alte Rechtsverteidiger des FC Bayern München ist einer, der vorangeht. Auf dem Rasen heißt das: immer die Seitenlinie hoch, und dann wieder runter. Er macht das so gut, dass er seit der Europameisterschaft in Frankreich vor zwei Jahren in der Auswahl des DFB als unersetzlich gilt.

Mittlerweile hat es Kimmich auf 29 Länderspiele gebracht. Nun steht er mit dem Team des Titelverteidigers vor seiner ersten Weltmeisterschaft. Und doch ist er jetzt schon einer von denen, die die Hoffnungen trägt - nicht nur vor dem ersten Gruppenspiel am Sonntag (ab 17 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Moskauer Luschniki-Stadion. Dann geht es gegen Mexiko und somit gleich gegen den mutmaßlich schwersten Kontrahenten in der Gruppe F. Toni Kroos sagt über Kimmich: "Er ist in den nächsten Jahren absolut prädestiniert, Führungsspieler zu sein - und auch ein Weltklassespieler." Das ist doch einmal ein Wort aus berufenem Munde.

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Einen Tag später sitzt der so Gepriesene auf dem Podium im Kinosaal des Hotels Watutinki - dort, wo die deutsche Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft wohnt - und soll den Journalisten erklären, was er dazu sagt. Er lächelt. "Natürlich freut es einen, wenn man von so einem Spieler wie Toni Kroos so etwas hört." In diesem "von so einem Spieler" klingt Respekt vor dem fünf Jahre älteren Mittelfeldspieler mit, der just mit Real Madrid zum dritten Mal hintereinander und zum vierten Mal insgesamt die Champions League gewonnen hat. Kimmich sagte aber auch, dass so ein Lob auch eine Verpflichtung sei. "Damit steigen die Ansprüche." Von anderen an ihn, von ihm an sich.

"Gerade mit Leipzig in die 2. Liga aufgestiegen"

Ein Problem hat er damit allerdings nicht. Er nimmt es als Ansporn. "Man kann sich nur entwickeln, wenn man sich stetig verbessern will." Das hat er getan. Als das DFB-Team im Sommer 2014 in Brasilien die WM gewann, saß er im Trainingslager vor dem Fernseher. "Wir waren gerade mit RB Leipzig in die zweite Liga aufgestiegen." Dort spielte er noch ein Jahr, bevor er zur Saison 2015/2016 für 8,5 Millionen Euro nach München wechselte. Das ist viel Geld für einen Fast-noch-Teenager ohne Erstligaerfahrung. Mittlerweile hat Kimmich, der sechs Jahre in den Jugendmannschaften des VfB Stuttgart ausgebildet worden ist, mit dem FC Bayern dreimal die Meisterschaft gewonnen und einmal den DFB-Pokal, er ist Confed-Cup-Sieger und U19-Europameister. Er war der Liebling des Trainers Josep Guardiola, der ihn unbedingt wollte und in München vom Mittelfeldspieler erst zum Verteidiger umschulte. Joshua Kimmich ist ein Gewinnertyp.

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Auch beim FC Bayern München hat Joshua Kimmich den Weltmeister Philipp Lahm beerbt.

(Foto: imago/Ulmer)

Im Halbfinale der Königsklasse hat er in beiden Spielen der Bayern, die jüngst den Vertrag mit ihm vorzeitig bis 2023 verlängert haben, gegen Real Madrid ein Tor geschossen, auch wenn das am Ende nicht zum Einzug ins Endspiel gereicht hat. Und wenn es Streit auf dem Platz gibt, ist er einer der ersten, die sich einmischen. So ruhig er im Gespräch auch wirkt, im Spiel ist er eine Heißkiste, aggressiv, angriffslustig und fokussiert. Vor den Spielen taucht er in einen Tunnel ab, wie der Kollege Kroos zu berichten wusste. Als der Madrilene am Donnerstag mit den Kindern sprach, die vor der Partie gegen Mexiko mit der Mannschaft auf den Rasen laufen werden, hatte er einen guten Tipp parat: "Ihr braucht alle nicht aufgeregt sein. Vielleicht habt Ihr ja Glück und einen Spieler, der sich ein bisschen mit Euch unterhält. Geht vielleicht nicht zum Josh, der ist zu konzentriert." Das wollte Kimmich nun so nicht auf sich sitzen lassen: "Ich weiß nicht, was der Toni da immer sieht vor dem Spiel. Ich glaube, ich bin immer ganz lieb zu den Kleinen."

"Nicht der Philipp Lahm II"

Auf dem Platz ist er das nicht. Genau das befähigt ihn, einen der schwierigeren Jobs beim FC Bayern und in der Nationalelf zu übernehmen. Schließlich ist er als rechter Außenverteidiger der Nachfolger Philipp Lahms, der auf dieser Planstelle zu den Besten auf dieser Welt gehörte, bevor er nach dem Triumph von Rio 2014 zurücktrat. Kimmich sagt: "Er hat über 10, 15 Jahre diese Position geprägt. So weit bin ich noch nicht, da fehlt mir die Erfahrung."

Kaum ein Erbe im deutschen Fußball dürfte schwerer wiegen. Doch er geht diese Aufgabe mit gesundem Selbstbewusstsein an und mag sich nicht ständig an seinem Nachfolger messen lassen: "Ich möchte der Joshua Kimmich sein. Und nicht der Philipp Lahm II." Das gelingt ihm bisher ausgezeichnet - auch, weil er meist sehr offensiv agieren darf, in der DFB-Elf noch mehr als beim FC Bayern. Da muss er sich bisweilen selbst an seine genuine Aufgabe erinnern: "Man darf nicht vergessen, dass man auch noch verteidigen muss." Dort die Balance zu finden, sei schon wichtig.

Und was hat er sich für diese WM vorgenommen? "Ich persönlich versuche, in jedem Spiel eine gute Leistung fürs Team zu zeigen. Unser Ziel ist natürlich, das erste Spiel zu gewinnen." Für ihn gehe in Russland ein Traum seiner Kindheit in Erfüllung, die ja noch gar nicht so lange zurückliegt. Das ist für ihn Motivation genug. "Ich muss mich nicht mehr großartig pushen." Gegen Mexiko will er das tun, was er meist tut - über die rechte Seite nach vorne stoßen und die Kollegen bedienen. "Im besten Fall klappt es, aber am Ende vom Tag ist es auch Glück."

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Quelle: n-tv.de

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