Technik

Handy-Strahlung Streit um "Blauen Engel"

Lange schon streiten Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Handy-Hersteller um ein Qualitätssiegel für strahlungsarme Mobiltelefone, seit kurzem gibt es nun eins: Produzenten können das Umweltzeichen "Blauer Engel" für ihre Geräte beantragen. Knapp jedes sechste Handy auf dem deutschen Markt könnte nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz mit dem Label ausgezeichnet werden. Könnte - denn die Antragsflut bleibt aus, die Hersteller boykottieren das vom Ministerium mitinitiierte Siegel bislang geschlossen.

Wer auf der Homepage des "Blauen Engels" die Rubrik "Handys" anklickt, wird wohl auch in naher Zukunft noch vor einer leeren Internet-Seite sitzen. "Wir werden den "Blauen Engel " nicht benutzen", bekräftigt eine Sprecherin des Branchenverbands Bitkom, in dem die großen Hersteller organisiert sind. Der Verbraucher sei ausreichend informiert, das Siegel sei unsinnig und würde Kunden nur "irritieren". Die geltenden Strahlungs-Grenzwerte reichen nach Überzeugung des Verbands völlig: "Mobiltelefone sind sicher."

Im Ministerium löst das Nein zum Siegel Kopfschütteln aus. Viele Verbraucher bewege nun mal die Frage möglicher Gesundheitsschäden durch die unsichtbaren Strahlen, ohne dass sie deswegen auf die mobilen Geräte verzichten wollten, meint Trittin. Das Siegel bekämen die Handys, deren so genannte spezifische Absorptionsrate (SAR) bei maximal 0,6 Watt pro Kilogramm Körpergewicht liegt - die SAR misst die Strahlungsenergie, die beim Telefonieren vom Körpergewebe aufgenommen wird. Das ist deutlich unter dem zulässigen Grenzwert in Deutschland: Er liegt bei 2 Watt pro Kilogramm. Die Begrenzung soll verhindern, dass das Handy den Kopf zu stark aufheizt. Für das Siegel müssen die Geräte außerdem gewisse Umweltauflagen erfüllen.

Besonders Eltern, die ihre Kinder mit einem Handy ausrüsten, sollte das Siegel eine Orientierungshilfe bieten. Wir können nicht nachvollziehen, wie zusätzliche Informationen den Verbraucher irritieren sollen, sagt ein Trittin-Sprecher. Ob die Hersteller die Blockadehaltung durchhalten, ist ungewiss.

In den 90er Jahren entwickelte die schwedische Organisation TCO ein gleichnamiges Label für strahlungsarme Computer-Monitore - damals legten sich die Bildschirm-Produzenten quer. Dann brach eine Firma aus der Front aus - und löste eine Antragslawine aus. Inzwischen prangt das Label nach TCO-Schätzung auf rund der Hälfte aller Monitore weltweit.

Auf eine ähnliche Entwicklung hofft Trittin nun bei den Handys. Wiederholt hat er an die Hersteller appelliert, den "Blauen Engel" zu beantragen. Doch das stößt bei Bitkom auf taube Ohren - ohnehin, so meint Uwe Kullnik vom Bitkom-Arbeitskreis "Mobilfunk und Gesundheit", sei die ganze Aufregung um das Siegel letztlich nur Wahlkampfgetöse des Grünen-Ministers. Die Kunden würden sich beim Handykauf gar nicht nach dem Strahlungswert erkundigen. "Das interessiert keine Menschenseele."

Das glaubt Trittin nicht. Sollten die Handy-Hersteller ihre Blockade durchhalten, rät er Verbrauchern, sich trotzdem an dem vom "Blauen Engel" vorgegebenen Wert zu orientieren. Im Internet kann der Verbraucher inzwischen auch nachlesen, welche Handys die Vorgabe erfüllen: Das Bundesamt für Strahlenschutz hat eine Liste mit 84 Modellen und ihren SAR-Werten erstellt.

Von Can Merey, dpa

Quelle: ntv.de

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