Wirtschaft
Bedingungsloses Grundeinkommen: Hilft es Staat und Menschen oder schadet es dem Arbeitsmarkt?
Bedingungsloses Grundeinkommen: Hilft es Staat und Menschen oder schadet es dem Arbeitsmarkt?(Foto: imago/Russian Look)
Donnerstag, 04. Januar 2018

Wie läuft's in Finnland?: 560 Euro monatlich fürs Nichtstun

Von Diana Dittmer

Finnland überweist 2000 Arbeitslosen seit einem Jahr ohne Auflagen Geld aufs Konto. Spornt das die Menschen an, zu arbeiten? Oder macht es sie fauler?

Viele Staaten diskutieren das bedingungslose Grundeinkommen, aber nur wenige haben sich bislang getraut, es umzusetzen. Finnland ist das erste Land der Welt, das im vergangenen Jahr einen Testballon auf nationaler Ebene gestartet hat. Seit zwölf Monaten erhalten 2000 arbeitslose Finnen monatlich 560 Euro aus öffentlichen Geldern. Angelegt ist das Experiment auf zwei Jahre. Die Regierung in Helsinki hält sich zwar mit Aussagen zurück, erste Erkenntnisse gibt es aber trotzdem.

Der Name bedingungsloses Grundeinkommen ist Programm: Die Finnen können im Rahmen des Experiments mit dem Geld machen, was sie wollen. Die Arbeitslosen müssen es weder versteuern, noch macht es einen Unterschied, ob sie zusätzlich arbeiten oder nicht. Zwang gibt es nicht: Nehmen sie einen Job an, wird ihnen von den 560 Euro nichts abgezogen. Die Summe wurde von der Regierung bewusst gewählt, weil sie in etwa dem Arbeitslosengeld entspricht.

Video

Nach einem Jahr hat sich bei den Testpersonen Routine eingestellt. Eine erste Erkenntnis ist, dass sich ihre Lebensgeschichten genauso unterscheiden wie die der Arbeitslosengeldbezieher. Mika Rusuunen zum Beispiel, der vor dem Experiment 16 Monate arbeitslos war, ist mittlerweile bei einer Tech-Firma angestellt. Ein Praktikum dort hatte er bereits organisiert, als er als Testperson ausgewählt wurde. Eine Absage war nicht möglich. Alle, die Helsinki ausgewählt hatte, mussten mitmachen.

Heute gehört Rusuunen zu den ganz großen Profiteuren. Denn obwohl er bei der Firma mittlerweile als Vollzeitkraft fest angestellt ist, erhält er sein bedingungsloses Grundeinkommen weiter. Das neue Modell hat es möglich gemacht: Eine komfortable berufliche Neuorientierung ohne finanzielles Risiko. Es sei eine "Win-win-Situation" für die Gesellschaft, sagt Russuunen dem britischen Wirtschaftssender CNBC.

Das Grundeinkommen ermutige Menschen zu arbeiten, auch wenn es nur ein Teilzeitjob oder eine Tätigkeit mit niedriger Bezahlung sei. "Bevor ich eine Vollzeitstelle fand, dachte ich darüber nach, mein eigenes Unternehmen zu gründen", berichtet Rusuunen weiter. Heute sei es schön, diese Option immer noch zu haben. Im Moment braucht er sie jedoch nicht. Das bedingungslose Grundeinkommen soll Menschen vor allem anspornen, schnell wieder einen Job zu finden. Fallen im Sozialhilfesystem, die Arbeit unattraktiv machen, gibt es nicht. Am Ende des Tages hat derjenige, der arbeitet, mehr und nicht weniger in der Tasche.

Weniger Stress, mehr Kreativität

Die Summe von 560 Euro sei zwar nicht viel und "natürlich werden sie damit nicht den gesamten Monat überleben können, abhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht", erklärt die Leiterin der Rechtsabteilung von "Kela", Marjukka Turunen, dem "Business Insider". Die Sozialhilfeeinrichtung ist verantwortlich für das Pilotprojekt. Die sogenannte Armutsgefährdungsschwelle liegt in Finnland bei rund 1100 Euro monatlich, das durchschnittliche Einkommen bei 2700 Euro. Aber das Geldpolster vermittle Sicherheit, sagt Turunen weiter. Das Folge sei, dass es "einen indirekten Einfluss auf das Stresslevel und die mentale Gesundheit" habe.

Je nach persönlicher Lebenssituation können Menschen individuelle Entscheidungen treffen. Eine Frau habe ihr erzählt, dass sie zuvor bei jedem Klingeln des Telefons Angst gehabt habe, dass die Agentur für Arbeit ihr einen Job anbieten wolle, erzählt Turunen dem ORF. Doch sie hätte gar nicht arbeiten gehen können, weil sie ihre Eltern pflegen muss.

Gleichzeitig erspart das bedingungslose Grundeinkommen den Behörden viel bürokratischen Aufwand. Zumindest die Zahlungen an die 2000 Testpersonen sind vom Tisch. In Finnland gibt es derzeit 43 verschiedene Sozialleistungen, die alle anders berechnet werden. Das System sei sehr komplex, es müsse dringend harmonisiert werden, fordert die Kela-Mitarbeiterin Turunen.

Weniger begeistert von dem Modell ist Antti Jauhiainen, Autor des Buches "The Welfare State Strikes Back". Er warnt vor einer damatischen Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse. Je mehr Menschen Ausschau nach Minijobs oder Teilzeitarbeitsplätzen halten, desto mehr schlechtbezahlte Jobs gebe es auch, sagt er CNBC. Jauhiainen hält die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens zwar für richtig, die Herangehensweise jedoch für falsch. Seiner Ansicht nach wird es sich durchsetzen - aber in veränderter Form.

Win-win-Situation für den Staat

Klar ist auch: Das finnische Experiment hat Grenzen. Letztlich kann es nur beantworten, ob arbeitslose Menschen durch ein Grundeinkommen schneller in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Breitere Aussagen über weitere Effekte sind nicht möglich. Dafür müsste das Experiment ausgeweitet werden. Das ist jedoch eine Frage der Finanzierung.

Der Versuch in Finnland kostet den Staat zehn Millionen Euro im Jahr. Die europäischen Nordlichter sind für ihre großzügigen Sozialsysteme bekannt. Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das bedingungslose Grundeinkommen auch für den Staatshaushalt lohnen soll. Kritiker warnen, dass es auch bei diesem Modell vornehmlich darum gehe, Ausgaben zu senken und die Arbeitssuche der Menschen zu beschleunigen.

Einen Versuch ist es aber wohl dennoch wert. Tech-Gurus wie Elon Muks und Mark Zuckerberg aus dem Silicon Valley sehen in dem Projekt "Geld umsonst" einen wichtigen Beitrag für den Arbeitsmarkt. Und sie haben einen stichhaltigen Grund dafür: Das Modell könnte zum Beispiel denen helfen, deren Jobs in den kommenden Jahren durch Roboter und Automatisierung wegfallen dürften.

Quelle: n-tv.de