Wirtschaft

Schelte von Pazifisten Aktionäre löchern Heckler & Koch

109378551.jpg

Heckler & Koch ist eigentlich auf Verschwiegenheit bedacht - muss sich aber den Fragen seiner Aktionäre stellen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Normalerweise wird Außenstehenden kein Blick hinter die Kulissen von Heckler & Koch gewährt. Doch bei der Hauptversammlung der Aktionäre hat der Waffenhändler keine andere Wahl. Diese Plattform nutzen Friedensaktivisten geschickt aus.

Für den obersten Waffenhändler war es eine Feuertaufe. Erstmals trat der neue Chef von Heckler & Koch, Jens Bodo Koch, vor die Hauptversammlung - und musste sich gleich herbe Schelte von Aktionären anhören. Das lag weniger an den roten Zahlen der Firma und seiner Leistung - der 46-Jährige hat erst seit Mai das Sagen -, sondern an der Zusammensetzung der Veranstaltung: Während sich die Großaktionäre wie üblich in Schweigen hüllten, meldeten sich Friedensaktivisten zu Wort - von circa 40 Teilnehmern stellten sie die Hälfte. Als Kleinaktionäre sind sie in die nichtöffentliche Hauptversammlung gekommen und nutzen die Bühne zur Generalkritik. Ihr Mini-Stimmrecht bewirkt indes nichts.

Dass es die Hauptversammlung von Heckler & Koch überhaupt gibt, ist ein Treppenwitz der Börsengeschichte. Denn das Unternehmen ist auf Verschwiegenheit bedacht. Pazifisten Rede und Antwort stehen zu müssen, ist für die Waffenhändler nicht sehr erquicklich.

Wie kam es überhaupt zu dem Aktionärstreffen? Vor einigen Jahren brauchte das klamme Unternehmen mal wieder Geld. Also steuerte man das Börsenparkett an - neue Aktionäre sollten die Kassen füllen. Die Pläne waren weit gediehen, man erfüllte gar eine Mindestregel der Pariser Börse und gab 2015 einen winzigen Anteil von 0,03 Prozent der Stimmrechte aus. Mehr wurde nicht verkauft. Warum, ist offen.

Die Geschäftszahlen waren damals mau - eine große Menge an Aktien wäre man vermutlich nicht losgeworden zu einem hohen Preis. Doch der Mini-Anteil war im freien Handel - Pazifisten griffen zu und kauften Aktien als Eintrittskarten für die Hauptversammlung. Unter ihnen ist Jürgen Grässlin, einer der schärfsten Kritiker von Heckler & Koch. Er verortet das Unternehmen in einem kriminellen "Netzwerk des Todes", so der Titel eines von ihm mitverfassten Buches.

Millionenverlust im ersten Halbjahr

Grässlin empört sich über illegale Exporte des schwäbischen Unternehmens etwa in mexikanische Unruheprovinzen im vergangenen Jahrzehnt - dort hätten die Gewehre nie sein dürfen. Zudem gibt er der Firma eine Mitschuld an Tod und schweren Verletzungen unzähliger Unschuldiger auf der Welt. Seit Mai läuft vor dem Stuttgarter Landgericht ein Strafprozess gegen Ex-Mitarbeiter von H&K, die Firma ist mitangeklagt. Zum laufenden Verfahren will sich die Waffenschmiede nicht äußern.

Eine juristische Baustelle immerhin konnte geschlossen werden: Der US-Rüstungskonzern Orbital ATK hatte H&K auf 27 Millionen Dollar (23 Millionen Euro) Schadenersatz wegen Nichtlieferung von Bauteilen für ein Granatgewehr verklagt. Der Streit wurde mit einem Vergleich beigelegt, H&K muss nun 7,5 Millionen Dollar zahlen. Branchenkritiker Grässlin brachte auf der HV chancenlose Gegenanträge ein, etwa auf Nichtentlastung der Führungsriege. Als Grund nannte er nicht nur Waffenausfuhren ins Ausland, sondern auch eine "desaströse" Finanzpolitik. Tatsächlich stufte die Rating-Agentur Moody's Heckler & Koch zuletzt auf Ramschniveau ein.

Im ersten Halbjahr verbuchte die Waffenschmiede einen Verlust von 2,3 Millionen Euro, nach einem Gewinn von 1,1 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Die Umsätze stiegen zwar um 14 Prozent auf 109,5 Millionen Euro, zugleich schnellten aber die Kosten hoch. Der neue Chef will nun Arbeitsabläufe verbessern und Kosten drücken. H&K sei "sehr gut für die Zukunft aufgestellt", betonte er.

Zweifel an Grüne-Länder-Strategie

Jens Bodo Koch - die Namensgleichheit mit Firmengründer Theodor Koch ist zufällig - dürfte im Kopf gehabt haben, was seinem Vorgänger nach der Aktionärstagung 2017 passierte: Norbert Scheuch hatte sich vor einem Jahr bemerkenswert offen gezeigt für Kritik von Pazifisten. Zwei Wochen später wurde er rausgeschmissen. Scheuch hatte versprochen, die Forderung nach einem Opferfonds immerhin prüfen zu wollen. Dem Vernehmen nach hat das Unternehmen so ein Vorhaben nach dem Scheuch-Abgang aber abgehakt.

Zudem hatte Scheuch eine Strategie durchgesetzt, die Lieferungen nur an nichtkorrupte gefestigte Demokratien vorsah. Wichtige Märkte wie die Türkei fielen dadurch weg. Friedensaktivist Grässlin hat aber Zweifel, dass diese Strategie konsequent umgesetzt wird. Tatsächlich genehmigte der Bundessicherheitsrat H&K unlängst Ausfuhren von 350 Maschinenpistolen-Rohren nach Indien und 55 Rohren nach Hongkong. Nach Lesart der Firma sind das Altaufträge, für die die Strategie nicht gilt.

Grässlin schüttelte hierbei den Kopf - das könne nur Neugeschäft sein und damit ein Bruch der sogenannten Grüne-Länder-Strategie, meinte der Friedensaktivist. Vorstandschef Koch betonte, die Strategie werde fortgesetzt. Dabei bemühte er laut einer Pressemitteilung einen typischen Branchensatz: "In den richtigen Händen stellen unsere Produkte einen wichtigen Baustein der Sicherheitsarchitektur vieler Demokratien in Europa und der Nato dar."

Quelle: n-tv.de, Wolf von Dewitz, dpa

Mehr zum Thema