Wirtschaft

Milliarden-Kosten ab 30 GradAktuelle Hitzewelle mutiert zum handfesten Wirtschaftsrisiko

26.06.2026, 16:57 Uhr IMG_4708Von Juliane Kipper
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Besonders betroffen von produktivitätsbedingten Hitzeverlusten sind Branchen mit körperlicher Arbeit, Außenarbeit, temperaturempfindlichen Prozessen oder engen Lieferfenstern. (Foto: picture alliance/dpa)

Die magische Grenze liegt bei 30 Grad: Ab dieser Marke droht der Wirtschaft unter anderem durch schwindende Produktivität ein Milliarden-Kollaps. Warum die aktuelle Hitzewelle längst kein reines Wetterphänomen mehr ist und wie KI jetzt zur Rettung werden könnte.

Seit Tagen schwitzt Deutschland in einer extremen Hitzewelle mit Temperaturen um die 40 Grad. Die großflächige Hitze bedroht nicht nur die Gesundheit vieler Menschen – auch die Wirtschaft ächzt unter der anhaltenden Belastung. "Hitze entwickelt sich vom Wetterphänomen zum betriebswirtschaftlichen Risiko", sagt Kai-Oliver Zander, Partner bei der Strategieberatung Arthur D. Little, auf Anfrage von ntv.de. Sie müsse deswegen künftig genauso gemanagt werden wie Energiepreise, Lieferkettenstörungen oder geopolitische Risiken.

Laut dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz haben extremwetterbedingte Schäden Deutschland von 2000 bis 2021 bereits fast 145 Milliarden Euro gekostet. Die größten wirtschaftlichen Schäden entstehen laut Zander dabei nicht durch einzelne Hitzetage, sondern durch die Kettenreaktion aus Produktivitätsverlusten, Lieferverzögerungen, Infrastrukturproblemen und steigenden Energiekosten.

Eine Analyse von Allianz Trade geht davon aus, dass extreme Hitze auch in Zukunft sehr kostspielig bleiben dürfte. In einem Stressszenario rechnet der Kreditversicherer damit, dass Deutschland bis 2030 Verluste von bis zu 112,5 Milliarden Euro erleiden könnte, falls sich Hitzewellen wie im vergangenen Jahrzehnt wiederholen. Die Berechnung zeigt auch: Ab 30 Grad sorgt jedes weitere Grad für einen Anstieg des Energieverbrauchs um rund 1,2 Prozent. Genau in diesem Temperaturfenster sinkt ebenfalls die Produktivität: Im Bereich zwischen 30 und 35 Grad bricht die Arbeitsleistung pro zusätzlichem Grad um etwa 3 Prozent ein.

Besonders betroffen von produktivitätsbedingten Hitzeverlusten sind Zander zufolge Branchen mit körperlicher Arbeit, Außenarbeit, temperaturempfindlichen Prozessen oder engen Lieferfenstern sowie Fertigungen in schlecht gekühlten Hallen. "Hinzu kommen Branchen mit komplexen Lieferketten wie Automobilindustrie, Maschinenbau und Elektronik, weil dort einzelne Engpässe schnell Produktionslinien stören können."

Durch extreme Hitze werden nicht nur infrastrukturelle Schwachstellen im Straßennetz und Schienenverkehr sichtbar. Auch Stromnetze geraten laut Zander während Hitzeperioden durch einen steigenden Kühlbedarf von Haushalten, Gewerbe und Industrie stärker unter Druck. Gleichzeitig könne die Leistungsfähigkeit von Leitungen und technischen Anlagen bei hohen Temperaturen sinken.

"KI wird damit zum entscheidenden Instrument"

Zudem gerät die Wasserversorgung durch gesteigerten Konsum und regional sinkende Pegel unter Druck. In Kiel wurde mit 62,88 Millionen Litern der diesjährige Tageshöchstwert erreicht, wie die dortigen Stadtwerke mitteilten. Das war zugleich der höchste Wert seit August 2020. Genug Wasser sei zwar vorhanden - dennoch appelliere man, stets bewusst mit Trinkwasser umzugehen.

Besonders kritisch für Industrie und Logistik sind Niedrigwasserperioden auf wichtigen Flüssen, da sie die Transportkapazitäten der Binnenschifffahrt erheblich einschränken. Der Rhein ist eine der wichtigsten Handelsadern Europas. Im Jahr 2024 entfiel mehr als ein Fünftel der auf ihm transportierten Fracht auf Erdölprodukte. Laut einem Bericht des Finanzportals "Bloomberg" beeinträchtigen sinkende Wasserstände bereits jetzt den Kraftstofftransport. Zum Wochenbeginn durften demnach Binnenschiffe, die Diesel durch den wichtigen Knotenpunkt Kaub transportierten, laut Daten von Spotbarge nur etwa 1070 Tonnen Ladung befördern. Das entspricht lediglich rund 45 Prozent ihrer vollen Ladekapazität.

Um Logistik und Infrastruktur gegen hitzebedingte Störungen robuster zu machen, empfiehlt Zander Unternehmen, kurzfristig auf hitzebasierte Frühwarn- und Eskalationspläne zu setzen. "Der strategisch wichtigste Hebel ist jedoch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Supply-Chain-Risikomanagement." Schließlich entstünden heute durch Klimakrisen hochdynamische Störungsmuster, die sich mit klassischen Methoden nur noch eingeschränkt beherrschen lassen.

"KI wird damit zum entscheidenden Instrument, um Lieferketten von einem reaktiven in ein vorausschauendes System zu transformieren." Auf diese Weise können Wetterdaten, Pegelstände und Verkehrsinformationen gleichzeitig ausgewertet und Risiken erkannt werden, bevor sie zu Produktionsausfällen oder Lieferengpässen führen. Der Vorteil in der Praxis: Die Technologie erkennt die Probleme nicht nur, sondern liefert direkt die passenden Lösungen. "KI kann automatisch alternative Transportwege simulieren, kritische Lieferanten identifizieren, Sicherheitsbestände optimieren und Handlungsempfehlungen für Disponenten und Management generieren."

Aufbau struktureller Resilienz dauert

Zumindest mit operativen Maßnahmen können sich Unternehmen relativ schnell an eine neue klimatische Realität anpassen. Flexible Schichtmodelle, Temperaturmonitoring und Notfallkommunikation lassen sich laut Zander innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten aufsetzen. Bereits in dieser ersten Anpassungsphase verweist er auf die Möglichkeiten, die der Einsatz von KI mit sich bringt. Besonders wertvoll sei KI dort, wo Risiken gleichzeitig auftreten. "Extreme Hitze wirkt selten isoliert. Häufig treten Niedrigwasser, Stromnetzbelastungen, Verkehrsengpässe, Arbeitsausfälle und Lieferverzögerungen parallel auf."

Im Gegensatz zu operativen Maßnahmen dauert es der Einschätzung von Zander zufolge deutlich länger, bis Unternehmen eine strukturelle Resilienz entwickelt haben. Der Experte geht davon aus, dass der Aufbau zusätzlicher Lagerstandorte und alternativer Transportkorridore meist 6 bis 24 Monate in Anspruch nimmt.

"Wer Hitzerisiken nicht in seine Unternehmenssteuerung integriert, wird künftig Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen müssen", prophezeit Zander. Unternehmen, die Wetter-, Infrastruktur- und Lieferkettenrisiken frühzeitig verknüpfen, werden seiner Einschätzung zufolge deutlich resilienter und können Ausfälle sowie Kostensteigerungen besser vermeiden.

Da viele Risiken von Hitzewellen öffentliche Güter betreffen, fordert Zander von der Politik, eine klare klimaresiliente Infrastruktur sowie entsprechende Standards zu schaffen und Echtzeitdaten zu Hitze, Netzen, Verkehr und kritischen Infrastrukturen bereitzustellen. Darüber hinaus müsse der Arbeits- und Gesundheitsschutz so weiterentwickelt werden, dass Hitzeschutz automatisch und rechtssicher greift. "Die politische Herausforderung besteht darin, Hitzewellen nicht länger als Ausnahmeereignis zu behandeln, sondern als strukturelles Wirtschaftsrisiko", sagt Zander.

Quelle: ntv.de

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