Wirtschaft

Bröckelnder Putz, gähnende Leere Amerikas "Shopping Malls" in der Krise

Onlinehändler wie Amazon boomen - auf Kosten der stationären Händler. Auch in den USA leidet der Einzelhandel unter der Abwanderung der Kundschaft. Doch die Entwicklung hat gerade erst begonnen, etliche Branchenriesen geraten in Gefahr.

Jahrzehntelang waren Amerikas "Shopping Malls" das pulsierende Herz des Einzelhandels und zogen massenhaft Kunden an. Doch der von Amazon angeführte Siegeszug des E-Commerce hat die Branche in eine tiefe Krise gestürzt. Mit den großen Einkaufszentren verschwinden nicht nur Tummelplätze des sozialen Lebens, wo Familien flanierten und sich Jugendliche trafen. Es sind auch zahlreiche Jobs bedroht. Gibt es 2018 überhaupt noch Grund zur Hoffnung?

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Entlang der Autobahnen, abseits der US-Metropolen, ist es mittlerweile ein gewohntes Bild: Verlassene Ladenzeilen, bröckelnder Putz, gähnende Leere - wo einst die Einkaufsmeilen florierten, herrscht nun gespenstische Atmosphäre. Der Untergang des klassischen Einzelhandels - in den USA häufig als "Retail Apocalypse" bezeichnet - hinterlässt Immobilienruinen und Geisterstädte im ganzen Land. Experten warnen: Die Abwanderung der Kundschaft ins Internet hat erst begonnen. Während früher durch die Shopping-Tempel gebummelt wurde, wird heute online bestellt - insbesondere beim E-Commerce-Riesen Amazon, der mittlerweile fast alles im Angebot hat, womit Kaufhäuser und zunehmend auch Supermärkte aufwarten können.

Amazons Boom geht somit direkt zu Lasten der stationären Warenhändler. Die Branche hat trotz der brummenden US-Wirtschaft ein Horrorjahr hinter sich. US-Shopping-Ikonen wie Macy's reduzierten in großem Stil Arbeitsplätze und Filialen. Das 1858 gegründete Traditionshaus hat sogar mit der Versilberung seines wertvollen Immobilienvermögens begonnen, um dem Abwärtstrend etwas entgegenzusetzen. Rivalen wie Kohl's oder JC Penney's und auch die breiter aufgestellten Ketten wie Walmart oder Target spüren ebenfalls die wachsende Macht von Amazon.

Einkaufszentren trifft es am härtesten

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Während hier früher reges Treiben herrschte, wirkt die Carousel Shopping Mall in Kalifornien heute wie eine Geisterstadt.

(Foto: REUTERS)

Anderswo sieht es noch düsterer aus: Um das Einzelhandels-Urgestein Sears ranken sich hartnäckig Pleitegerüchte. Der Spielzeugverkäufer Toys R Us meldete jüngst Insolvenz an, mehr als ein Dutzend US-Ketten wie Payless, Gymboree oder Perfumania haben in diesem Jahr ebenfalls Gläubigerschutz beantragt. Andere Größen wie die Elektronikkette RadioShack oder Sports Authority sind schon vom Markt verschwunden. Und das alles könnte erst der Anfang sein: Das Analysehaus CoStarGroup etwa geht davon aus, dass mehr als zehn Prozent der gesamten Einzelhandelsflächen in den USA in den kommenden Jahren überflüssig werden.

Die großen Einkaufszentren dürfte es am härtesten treffen. Analysten der Bank Credit Suisse sagen voraus, dass innerhalb von fünf Jahren 20 bis 25 Prozent von ihnen schließen. Ein andauernder Niedergang der Kaufhäuser und des klassischen Einzelhandels insgesamt wäre für die US-Wirtschaft gefährlich und hätte auch gesellschaftlich schwerwiegende Folgen. Jeder vierte Arbeitsplatz hängt dem Branchenverband National Retail Federation (NRF) zufolge indirekt an diesem Sektor, etwa jeder neunte direkt. Die Jobs sind zwar meist schlecht bezahlt, aber wichtig, da sie vielen Menschen ohne höhere Berufsbildung Beschäftigung bieten.

Zuletzt lieferte die gebeutelte Branche immerhin einen Hoffnungsschimmer. Im November entstanden im stationären Warenhandel verglichen mit dem Vormonat 12.900 neue Jobs. "Das ist einer der stärksten Zuwächse, die wir in diesem Jahr gesehen haben", sagte NRF-Chefvolkswirt Jack Kleinhenz. Durch den von Rabattschlachten begleiteten Beginn des Weihnachtsgeschäfts ist der Bedarf an Arbeitskräften in dieser Jahreszeit aber traditionell hoch. Zudem täuscht der kurzfristige Trend: Seit Januar gingen im US-Einzelhandel nach Angaben des Arbeitsministeriums mehr als 70.000 Stellen verloren. Wohin die Reise geht, zeigte zuletzt auch das alljährliche Konsum-Spektakel rund um den Feiertag Thanksgiving: Am "Black Friday" und "Cyber Monday" gaben die US-Kunden den Marktforschern von Adobe Digital Insights zufolge mehr Geld aus als jemals zuvor - dank eines neuen Rekords beim Online-Shopping.

Quelle: n-tv.de, Hannes Breustedt, dpa

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