Wirtschaft

Nächste Runde im Abgas-Prozess Angeklagter legt gegen Audi-Spitze nach

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"Alles wurde von oben bestimmt", sagte Giovanni P.

(Foto: picture alliance/dpa)

Fünf Jahre nach dem Auffliegen des Diesel-Skandals bemüht sich das Gericht um Aufklärung. Im Prozess bekräftigt der angeklagte Ingenieur seine Vorwürfe gegen die Führungsetage von Audi. Der gesamte Konzern habe von den Manipulationen gewusst, er selbst nur Befehle befolgt.

Im Audi-Prozess hat der angeklagte Motorentwickler Giovanni P. erneut Vorwürfe gegen die Konzernführung und andere Abteilungen erhoben. Ganz Audi sei involviert gewesen, sagte Giovanni P. vor dem Landgericht München II. Als der Dieselskandal 2015 aufgedeckt worden sei, habe niemand sagen können: "Ich wusste gar nichts."

Laut Anklage hatte P. als Abteilungsleiter in der Motorentwicklung in Neckarsulm mit veranlasst, dass die Software von Diesel-Motoren manipuliert wurde. Er habe von Mitarbeitern "intelligente Lösungen" gefordert, um Abgastests zu bestehen, und 2008 angewiesen, eine Software einzubauen, die Tests erkennt. Der Ingenieur sagte, er habe mit seinem Team am Ende einer Kette gestanden und Beschlüsse von oben umsetzen müssen. "Ich kann nicht machen, was ich will." Er habe teilweise nicht einmal diskutieren dürfen.

Ähnliche Aussagen ließ Giovanni P. zuvor im Prozess über seinen Anwalt Walter Lechner verlauten: "Alles wurde von oben bestimmt". Er habe seinen Vorgesetzten nichts verheimlicht und sie niemals getäuscht. Die Probleme bei der Abgasreinigung seien "allen Beteiligten bis zur Konzernspitze" bekannt gewesen, sagte Lechner bereits vergangene Woche.

Disput um Harnstoff

Immer wieder kritisierte P. auch den Vertrieb. Dieser habe nicht gewollt, dass die Kunden mit Harnstoff in Berührung kommen, der zur Reduzierung des Stickoxid-Ausstoßes eingesetzt wird, und Druck gemacht. Der Vertrieb habe Harnstoff mit Urin in Verbindung gebracht und den Ansatz gehabt: "Warum haben Sie so viel Lust, mit Pipi zu spielen?", sagte P. "Wir waren nicht die Sauberen, die den Clean Diesel wollten, sondern wir waren die Schmutzigen."

Neben P. sind ein weiterer Ingenieur sowie der ehemalige Forschungs- und Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz angeklagt, zusammen ab 2008 die Manipulation von Dieselmotoren für Autos in den USA und Europa veranlasst zu haben. Mithilfe illegaler Software sollten die Motoren die Abgas-Grenzwerte auf dem Prüfstand einhalten.

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Ob das Verfahren von Ex-Audi-Chef Rupert Stadler vom auf zwei Jahre angesetzten Prozess gegen die drei angeklagten Motorentwickler abgetrennt wird, will das Gericht erst zum Ende des Verhandlungstags bekannt geben. Die Vorwürfe gegen Stadler sind weit weniger schwer. Ihm wird vorgeworfen, erst im September 2015 von den Manipulationen erfahren zu haben, ohne aber den Verkauf zu stoppen.

Seine Verteidiger hatten beantragt, ihn mit einem seit August ebenfalls angeklagten früheren Audi-Vorstand vor Gericht zu stellen. Die Staatsanwaltschaft begründet Stadlers Einbeziehung in den ersten deutschen Strafprozess im Dieselskandal damit, dass sein Verfahren wegen des Haftbefehls schnell geführt werden müsse. Der Haftbefehl gegen Stadler ist seit zwei Jahren ausgesetzt.

Quelle: ntv.de, mdi/dpa