Speicher leeren sichBayern wird zum Sorgenfall bei der Gasversorgung

Im Süden sind die Füllstände der Gasspeicher niedriger als in anderen Teilen Deutschlands. Die Behörden beruhigen, doch in der Gasbranche nehmen die Sorgen zu: Das System sei an der Belastungsgrenze.
Offiziell geben sich die Verantwortlichen, die für die Gasversorgung zuständig sind, betont unaufgeregt. Zwar leeren sich die Gasspeicher derzeit jeden Tag mehr, in dieser Woche rutschte ihr Füllstand sogar unter die Marke von 30 Prozent - so wenig wie noch nie zu diesem Zeitpunkt. Dennoch sieht die Bundesregierung keinen Anlass zur Beunruhigung. Sie sei "überzeugt, dass wir gut durch diesen Winter kommen", sagte Energieministerin Katherina Reiche, als sie sich am Wochenende von einer Reise ins warme Saudi-Arabien zum Thema meldete: "Sorgen sind nicht angebracht."
Ähnlich klingen die Botschaften der Bundesnetzagentur, die nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zum Epizentrum im Kampf gegen eine Gaskrise wurde. Die neuen Flüssigerdgasterminals und ausreichend verfügbare Gasmengen auf dem Weltmarkt gewährleisteten, dass die Versorgung gesichert sei, wiederholen die Bonner Behörde und ihr Präsident in diesen Tagen mantrahaft. Die Gasspeicherfüllstände seien zwar "weiter wichtig, aber kein Indiz für eine Gasmangellage". Man schätze "die Gefahr einer angespannten Gasversorgung im Augenblick als gering ein".
Doch angesichts der sich rasch leerenden Speicher wächst in der Gasbranche die Anspannung, wie Recherchen von "Capital" zeigen. Die Sorge gilt dabei vor allem der Lage in Süddeutschland, was mehrere Gründe hat. Zum einen sind die Erdgasspeicher in Bayern besonders leer. Zum Anderen muss das Gas, das über die Pipelines aus Norwegen und die Flüssigerdgasterminals in Norddeutschland ankommt, über Fernleitungen in den Süden transportiert werden.
In Bayern könnte es deshalb in den kommenden Wochen noch zu Problemen kommen, wenn die Temperaturen vielerorts im Land eisig bleiben, sich der Winter länger hält und mehr geheizt wird. Zwar drohen keine Rationierungen oder kalte Wohnungen wegen eines akuten Gasmangels. Aber das Thema Gassparen - nach der Krisenlage zu Beginn des Ukrainekriegs und dem Wegfall der Lieferungen aus Russland 2022 eigentlich längst vom Tisch - könnte womöglich noch einmal eine Rolle spielen. Von einem "Zitterspiel" ist in der Gasbranche die Rede - für den Freistaat, aber auch für Reiche. Die Energieministerin hatte vor ihrem ersten Winter im Amt entschieden, auf Eingriffe in den Markt zu verzichten, um die Befüllung der Speicher sicherzustellen.
Niedriger Füllstand
Nur wenige Daten auf dem Energiemarkt stehen derzeit so genau unter Beobachtung wie die zu den Gasspeichern. Doch tatsächlich geben die Zahlen, die es in die Schlagzeilen schaffen, nur ein unvollständiges Bild der Lage. Ist vom Füllstand der Gasspeicher die Rede, geht es in der Regel nur um den durchschnittlichen Wert für sämtliche Speicher in Deutschland. An diesem Donnerstag liegt dieser bei 29,2 Prozent - mehr als 20 Prozentpunkte niedriger als vor einem Jahr.
Schaut man genauer hin, wie sich die Lage in den einzelnen Speichern in verschiedenen Regionen des Landes darstellt, zeigt sich noch ein anderes Problem: Während viele Gasspeicher im Norden und Westen noch recht ordentlich gefüllt sind, sieht es in Bayern anders aus: Mit insgesamt noch knapp sieben Terawattstunden sind die Speicher dort deutlich leerer. Im Speicher Breitbrunn am Chiemsee, dem drittgrößten der Republik, liegt der Füllstand aktuell nur noch bei 15,5 Prozent. Ähnlich ist die Lage in Inzenham-West bei Rosenheim (17,1 Prozent). In Wolfersberg südöstlich von München sind es sogar nur 4,4 Prozent. Bayernweit liegt der Schnitt in den fünf aktiven Erdgasspeichern derzeit bei 20,3 Prozent - knapp zehn Prozentpunkte weniger als im Bundesschnitt.
"Die niedrigen Füllstände der bayerischen Speicher sind eine besondere Herausforderung für das Gassystem", sagte Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), in der sich die Betreiber der rund 40 Gasspeicher in Deutschland zusammengeschlossen haben. "Trotz eines vergleichsweise normalen Winters und ohne infrastrukturelle Ausfälle fährt das System am Rande der Belastungsgrenze. Das ist bedenklich", fügte er hinzu. Man sehe nun sehr deutlich, dass die Vorsorge vor dem Winter unzureichend war.
Ein zentraler Grund, warum die Gasspeicher in Bayern vor diesem Winter noch schlechter befüllt wurden als anderswo im Land, liegt darin, dass es sich bei ihnen um Porenspeicher handelt. Diese Speicher sind oft ehemalige Gaslagerstätten in porösem Gestein. Sie haben in der Regel ein hohes Fassungsvermögen, aber eine geringe Leistung, speichern das Gas also eher langsam ein und aus. Porenspeicher eignen sich deshalb gut als saisonale Reserven, die im Sommer gefüllt und im Winter entleert werden, ähnlich wie eine große Batterie. Sie dienen damit in erster Linie der Versorgungssicherheit.
Einspeichern lohnt sich nicht mehr
Dagegen sind die Porenspeicher weniger geeignet, um flexibel auf die Lage am Gasmarkt zu reagieren und im Handel Preisdifferenzen zu nutzen. Für den kurzfristigen Handel sind Kavernenspeicher im Vorteil, die sich verstärkt im Norden und Westen des Landes befinden, oft in unterirdischen Salzstöcken. Kavernenspeicher zeichnen sich durch eine deutlich höhere Einspeicher- und Entnahmeleistung aus. Dadurch können Händler das Gas schneller ein- und ausspeichern, mit den gebuchten Kapazitäten in den Speichern häufiger handeln und besser von Preisspitzen profitieren.
Bei den langsamen Porenspeichern wirken sich die Umwälzungen auf dem Gasmarkt in besonderem Maße auf das Geschäftsmodell aus. Seit dem Ende der Pipelinelieferungen aus Russland und den staatlichen Eingriffen zu Beginn des Ukrainekriegs haben sich die Marktbedingungen für Händler und Speicherbetreiber strukturell verändert. Vorerst vorbei sind die Zeiten, in denen es sich lohnte, Gas im Sommer günstig zu kaufen, gegen Gebühr einzuspeichern und im Winter teurer zu verkaufen.
Zeitweise war der sogenannte Sommer-Winter-Spread beim Gaspreis im vergangenen Jahr sogar negativ - Gas zur Lieferung im Sommer also teurer als im Winter. Viele Händler spekulierten darauf, dass die Bundesregierung wie in den Krisenjahren 2022 und 2023 im Zweifel für viel Geld Gas einkaufen lässt, um die Speicher für diesen Winter zu füllen - auch wenn die neue Energieministerin Reiche stets betonte, der Markt sei alleine in der Lage, für Versorgungssicherheit zu sorgen. Weil die wirtschaftlichen Anreize fehlen, Gas einzuspeichern, wenn es sich nicht später teurer verkaufen lässt, hatten die Betreiber vieler Speicher vor dieser Heizsaison Probleme, ihre Kapazitäten zu vermarkten. Besonders betroffen: Porenspeicher wie in Bayern.
Schon im vergangenen Herbst schlugen die Speicherbetreiber Alarm - weil ihre Reservoire leerer blieben als üblich und ihr bisheriges Geschäftsmodell wegbricht. Der Betreiber in Wolfersberg, eine Gesellschaft mehrerer bayerischer Stadtwerke, gab bekannt, er habe für den Winter 2025/2026 nicht einen einzigen neuen Speichervertrag abschließen können. In diesen Winter startete Wolfersberg mit einem Füllstand von rund sechs Prozent. Nicht viel besser war die Buchungslage in Bayerns größtem Speicher Breitbrunn, der dem Düsseldorfer Energiekonzern Uniper gehört.
Die Folge: Die bayerischen Gasspeicher verfehlten nicht nur die staatliche Vorgabe krachend, mit einem Füllstand von mindestens 80 Prozent in den aktuellen Winter zu gehen - ohne dass Bundesregierung oder Bundesnetzagentur reagierten. Weil sich die Anlagen nicht wirtschaftlich betreiben lassen, wenn Händler zu wenige Kapazitäten buchen, beantragten die Eigentümer in Breitbrunn und Wolfersberg zuletzt sogar, die Speicher stillzulegen. Nun muss die Bundesnetzagentur darüber befinden, ob ein dauerhafter Wegfall der beiden Speicher, die rund die Hälfte der Kapazitäten im Freistaat ausmachen, die Versorgungssicherheit gefährden würde. Vorsorglich warnt das bayerische Wirtschaftsministerium bereits, die beiden Speicher dürften nicht stillgelegt werden, sie würden "im Winter dringend benötigt".
"Noch ausreichend Gas im System"
Einen Eindruck davon, welche Folgen es für das System haben kann, wenn Speicherleistung wegfällt, lässt sich schon in diesen Wochen bekommen. Wenn sich Speicher leeren und der Druck in den Anlagen nachlässt, führt dies ab einem gewissen Punkt dazu, dass ihre Ausspeiseleistung leidet. Die Folge: Bei niedrigen Füllständen sinkt das Tempo, mit dem Gas aus den Speichern ins Netz abgegeben werden kann.
Umso wichtiger ist es angesichts der leeren Speicher in Bayern, dass ausreichend Gas in den Süden transportiert werden kann. Während früher Gas aus Russland über Pipelines auch in Bayern anlandete, muss der Brennstoff, der in Norddeutschland oder über die LNG-Terminals in den Niederlanden und Belgien im Westen Deutschlands ankommt, heute verstärkt über Fernleitungen in den Süden weiterverteilt werden. "Derzeit gibt es noch ausreichend Gas im System", sagte Ines-Geschäftsführer Heinermann. "Aber Gasspeicher stützen eben auch die Netze bei der Aufgabe, die Gasverfügbarkeit in Süddeutschland sicherzustellen."
Für eine gewisse Unsicherheit in der Branche sorgt dabei die Frage, wie sich die sinkenden Füllstände und Einspeiseleistungen der Gasspeicher auf das Fernleitungssystem auswirken. Die Ines-Experten gehen derzeit davon aus, dass die Speicher zum Ende des Winters selbst bei normalen Temperaturen nur noch zu durchschnittlich rund 15 Prozent gefüllt sein dürften. So tief abgesackt waren die Reserven noch nie, entsprechend fehlen Erfahrungen, ob derart niedrige Speicherstände Auswirkungen auf den nötigen Druck im Pipelinesystem und die Gasflüsse von Norden nach Süden haben könnten. "Wir bewegen uns hier auf unbekanntem Territorium", heißt es in der Gasbranche.
Dagegen sehen die Bundesregierung und die Bundesnetzagentur in den sinkenden Füllständen weiterhin keinen Grund zur Beunruhigung - auch nicht für den Süden. Auf Anfrage teilte das Bundeswirtschaftsministerium mit, für die Beurteilung der Versorgungssicherheit seien neben den LNG-Importen und freien Pipelinekapazitäten im europäischen Gasnetz auch "die Erdgasspeicher unserer Nachbarstaaten von Bedeutung". So könnten die österreichischen Speicher Haidach und 7Fields "herangezogen werden, da sie unmittelbar an das bayerische Fernleitungsnetz angeschlossen sind", erklärte eine Sprecherin. "Die Versorgungssicherheit Bayerns, Deutschlands sowie unserer Nachbarstaaten ist dabei nicht gefährdet."
Auch das bayerische Wirtschaftsministerium hält die Gasversorgung im Freistaat weiterhin für stabil und verweist ebenfalls auf die Speicher in Österreich. Deren Nutzung setzt allerdings voraus, dass die Österreicher im Fall einer Mangellage lieber ihre Nachbarn beliefern, als ihre eigene Versorgung abzusichern.
Erste Notfallmaßnahme für den Süden
Für große Beachtung in der Gasbranche sorgte diese Woche jedoch eine Meldung, die das Unternehmen Trading Hub Europe (THE) veröffentlichte - und die nicht ganz zu den Beteuerungen der Behörden zu passen scheint. Bei THE handelt es sich um den sogenannten Marktgebietsverantwortlichen, dieser ist dafür verantwortlich, dass im deutschen Gasnetz Einspeisung und Verbrauch stets im Gleichgewicht sind, um das System stabil zu halten. Dafür kann THE sogenannte Regelenergie am Markt zukaufen, um mit diesem Gas Schwankungen auszugleichen. In der Gaskrise 2022 wurde das Unternehmen auf einen Schlag bekannt, als es im Auftrag der damaligen Ampel-Regierung für Milliarden Gas einkaufte, um die leeren Speicher zu füllen.
Am Montag gab THE nun Sonderausschreibungen für zusätzliche Gasmengen für die Zeit von Mitte Februar bis Mitte März bekannt. Diese sollen auch zur Auffüllung der Speicher in Süddeutschland dienen. Solche Long-Term Options (LTO) sind zwar kein neues oder ungewöhnliches Instrument, schon zu Beginn des Winters sicherte sich THE auf diesem Weg Zugriff auf Regelenergie. Gasexperten sehen den Schritt zum jetzigen Zeitpunkt sowie die benötigten Mengen aber als ein Krisensignal. "Die Ausschreibungen der LTO stellen einen Eingriff in den Markt dar, der jetzt erforderlich wurde, um das Gasversorgungssystem abzusichern", sagte Ines-Chef Heinermann.
Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte dazu auf Anfrage, bei dem Schritt von THE handele es sich um "eine rein präventive Maßnahme zur Sicherstellung von lokalen Regelenergiebedarfen in Hochlastszenarien" - also bei einem hohen Verbrauch, etwa bei großer Kälte. Die Fernnetzbetreiber gingen nicht davon aus, dass es ein Problem mit zu geringen Gasmengen geben könnte, betonte eine Ministeriumssprecherin. "Die LTO können die Netzstabilität in Süddeutschland unterstützen, indem Leistung in Hochlastszenarien bereitgestellt wird, bis zum Beispiel angelandetes LNG aus dem Norden den Süden erreicht."
Für Stirnrunzeln in der Gasbranche sorgt allerdings die Darstellung des Ministeriums, bei der aktuellen Ausschreibung von THE handele es sich lediglich um Optionen "in kleiner Zahl". Gemessen an den bisherigen LTO, die THE für diesen Winter unter Vertrag genommen hat, gehe es hier "nicht um Peanuts", heißt es in der Branche. Die jetzige Ausschreibung sei nicht nur eine Notfallmaßnahme, sondern auch teuer.
Vorbild Frankreich?
Nachdem in diesen Wochen manche Erinnerungen an die Gaskrisenjahre 2022 und 2023 wach wurden, ist schon jetzt absehbar, dass die Diskussionen über die Gasversorgung nicht mit dem Winter enden werden. Politisch dürfte es in nächster Zeit um die Frage gehen, wie sich sicherstellen lässt, dass die Speicher zur nächsten Heizperiode wieder besser gefüllt sind - auch wenn der Markt keine ausreichenden Preissignale setzt.
Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, und der Energieverband BDEW halten eine strategische Gasreserve für sinnvoll, ähnlich wie beim Erdöl. Die Reserve solle die "sperrigen" Füllstandsvorgaben ersetzen und das System gegen externe Schocks absichern, sagte Müller. Große Speicherbetreiber wiederum werben für ein neues Marktmodell, das es ihnen ermöglichen soll, die Anlagen profitabel zu betreiben und Stilllegungen wie die bereits beantragten in Bayern zu verhindern.
Als Vorbild für ein solches Modell verweisen sie auf Frankreich: Dort erhalten die Betreiber der Speicher eine Zulage, falls die Erlöse aus ihren Verträgen mit Händlern unter einer staatlich festgelegten Rendite liegen. Finanziert wird die Erlöszulage, deren Kosten sich auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag im Jahr belaufen, über die Gasnetzentgelte, also von den Verbrauchern. Im Ergebnis führt dieses Modell dazu, dass die französischen Speicher in den vergangenen Jahren zum Winter stets nahezu voll waren. Auch andere EU-Staaten setzen auf staatliche Anreizsysteme, ohne dass der Staat selbst als Akteur auf dem Markt auftritt und damit womöglich die Preise verzerrt.
Was die zuständige Ministerin plant, ist dagegen noch unklar. Seit Wochen liegt in Reiches Ministerium ein Gutachten, das die Auswirkungen der seit 2022 geltenden Füllstandsvorgaben auf den Gasmarkt analysiert. Im Koalitionsvertrag heißt es nur allgemein, man werde "geeignete Instrumente" auf den Weg bringen, um eine "versorgungssichere und kostengünstigere Befüllung der Gasspeicher sicherzustellen". Wenn der Winter vorbei ist und die Speicher leer sind, wird Reiche erklären müssen, wie genau sie sicherstellen will, dass sie über den Sommer wieder gefüllt werden - insbesondere auch in Bayern.