Füllstand bei 35 ProzentDeutsche Gasvorräte reichen theoretisch noch für rund sechs Wochen
Von Juliane Kipper
Die deutschen Gasspeicher sind mitten im Winter so leer wie seit Jahren nicht mehr. Zwar reicht das verbliebene Gas rechnerisch noch für mehrere Wochen, doch Marktbeobachter warnen: Spielraum für zusätzliche Belastungen gibt es kaum.
In den deutschen Gasspeichern ist momentan deutlich weniger Erdgas als in den Vorjahren – und das mitten im Winter. Der Füllstand liegt Ende Januar nur noch bei 35 Prozent. Im Vorjahr waren es um diese Zeit noch über 60 Prozent. In den Speichern befinden sich nach Angaben der Preisberichtsagentur Argus Media noch 90 TWH an Speicherkapazität. "Diese Menge reicht aus, um den gesamten Bedarf des Landes für rund sechs Wochen zum bisherigen Durchschnittsverbrauch im Januar zu decken", sagt die leitende Expertin für den globalen Gas- und LNG-Markt, Natasha Fielding, ntv.de.
Das Bundeswirtschaftsministerium sieht darin keinen Grund für Alarmismus. Anders als in den Vorjahren stünden schwimmende Flüssiggasterminals für die Versorgung zur Verfügung. "Die inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa ermöglicht neben der bestehenden und sicheren Hauptversorgung durch norwegisches Pipelinegas die notwendigen Importe nach Deutschland“, sagt eine Sprecherin.
Gleichwohl warnen Marktbeobachter zur Vorsicht, da die verbleibenden Reserven kaum noch Spielraum für zusätzliche Belastungsproben lassen. Olaf Geyer von der Strategieberatung Arthur D. Little rät dazu, die Situation ernst zu nehmen. Von einer akuten Versorgungskrise will der Energieexperte aber nicht sprechen. "Kurzfristig ist das Risiko beherrschbar", sagt Geyer auf Anfrage von ntv.de. Kritisch würde es, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig auftreten – etwa eine längere Kälteperiode, zusätzliche Ausfälle bei Importen oder starke Verwerfungen auf den internationalen LNG-Märkten. Er gibt auch zu bedenken: Niedrige Speicherstände erhöhen die Verwundbarkeit gegenüber Stresssituationen.
Die unterirdischen Speicher in Europa sind derweil laut Argus Media mit großem Abstand so leer wie seit der Energiekrise 2022 nicht mehr. Die Veränderung der EU-Vorräte innerhalb eines einzigen Jahres entspricht Zahlen vom 27. Januar zufolge einem Verlust von etwa 130 voll beladenen LNG-Tankern an gespeichertem Gas. Fielding sieht trotzdem keine reale Gefahr von Gasengpässen und Stromausfällen.
"Das Land kämpft mit rekordverdächtiger Witterung"
Wie sich die Füllstände im Februar und März entwickeln werden, hängt vor allem von den Temperaturen ab. Wenn es, wie einige Meteorologen vorhersagen, zu einem Kälteeinbruch kommt, könnte es im Frühjahr Fielding zufolge zu einer besonders angespannten Versorgungslage in Europa kommen. Ein Blick in die USA macht Unternehmensberater Geyer Sorgen. "Das Land kämpft mit rekordverdächtiger Witterung, die Gaspreise vor Ort haben eine dramatische Rallye gesehen." Die Winterstürme in den USA haben Händler Argus Media zufolge zuletzt dazu veranlasst, Gas auf den heimischen Markt umzuleiten, statt es als LNG zu exportieren. "Seit Beginn des Wochenendes führte dies zu einem Rückgang der US-LNG-Exporte um das Äquivalent von sechs Ladungen", sagt Fielding.
Eine Ende März 2027 auslaufende Verordnung schreibt in Deutschland vor, dass die meisten Speicher am 1. November zu mindestens 80 Prozent und am 1. Februar zu mindestens 30 Prozent gefüllt sein müssen. Gegenwärtig sieht es danach aus, dass die Vorgabe knapp erreicht wird. Geyer hält diese Regelung grundsätzlich für sinnvoll, verweist aber auf die Ausgestaltung. "Zu starre Vorgaben können zu hohen Kosten führen, zu flexible Vorgaben senken die Sicherheitsmarge." Politische Maßnahmen haben in der Vergangenheit zwar die Versorgungssicherheit verbessert. Gleichzeitig zeigt sich, dass regulatorische Vorgaben allein keine ausreichenden Marktanreize ersetzen können. "Wenn Einspeicherung wirtschaftlich unattraktiv ist, sinkt die Bereitschaft zur Vorsorge", so der Energieexperte.
In der Debatte um eine Absicherung der Gasversorgung in Deutschland wird derweil eine strategische Gasreserve nach dem Vorbild der bestehenden Ölreserven diskutiert. Eine solche Regelung kann sich Netzagentur-Präsident Klaus Müller gut vorstellen. Um auf externe Schocks schnell genug reagieren zu können, brauche es seiner Einschätzung nach Absicherungen. "Bisher sind das die Füllstandsvorgaben." Sie hätten sich aber als ein eher sperriges Instrument erwiesen, was den Markt verzerrte.
Die größte Herausforderung steht dem europäischen Gasmarkt Fielding zufolge allerdings erst noch bevor. Nämlich dann, wenn Europa im Sommer mehr Gas als in den letzten Jahren importieren muss, um sich für den nächsten Winter einzudecken. Das Problem: Die Erwartungen einer hohen Nachfrage nach Wiederauffüllung der Vorräte haben dazu geführt, dass die Gaspreise für den Sommer 2026 einen ungewöhnlichen Aufschlag gegenüber den Preisen für den Winter 2026/2027 erfahren haben. Durch den ungewöhnlichen Preisaufschlag falle für Händler der Anreiz weg, in diesem Sommer Lagerkapazitäten zu buchen und zu füllen. "Tun sie es nicht, könnte dies anschließend zu Kopfzerbrechen bei der Wiederauffüllung der Vorräte führen", sagt Fielding.
Damit gerät auch die längerfristige Ausrichtung des europäischen Gassystems in den Blick. Geyer sieht in der aktuellen Lage einen Vorgeschmack auf künftige Winter. "Das europäische Gassystem ist heute stärker von globalen LNG-Märkten abhängig und damit anfälliger für Wetterextreme, geopolitische Entwicklungen und logistische Engpässe." Das bedeute nicht, dass jeder Winter kritisch werde, aber dass Volatilität und Unsicherheit zunehmen.