Wirtschaft

Vakzin-Flut hätte Geld gespart Berlins zögerliche Impfstoff-Politik rächt sich

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An der Impfstrategie der EU gibt es große Kritik wegen der knappen Impfstoffmengen.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/POOL)

Warum hat die Regierung nicht dafür gesorgt, dass mehr Corona-Impfstoff zur Verfügung steht? Die Kosten können nicht der Grund sein, rechnen Volkswirte vor. Denn der Preis für den Lockdown ist sehr viel höher. Ob die Impfkampagne besser laufen würde, ist trotzdem fraglich.

Seit Tagen hagelt es Kritik an der Impfstrategie: Zu langsam würden die Menschen geimpft, sagen Kritiker, denn Deutschland und die EU hätten zu wenig Impfstoffe bestellt. Kritik kommt vor allem aus den Reihen der SPD und der FDP. Doch auch Ökonomen mischen sich ein: Aus ökonomischer Perspektive hätte es sich gelohnt, frühzeitig viel mehr Impfstoff zu produzieren und zwar, bevor klar war, welcher Impfstoff letztendlich effektiv gegen das Coronavirus sein würde.

Um das zu verstehen, hilft eine etwas vereinfachte Rechnung: Laut der "FAZ" kosteten je zwei für die Impfung notwendigen Dosen der Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna 36 beziehungsweise 24 Euro, der aussichtsreiche Astra-Zeneca-Impfstoff 1,76 Euro pro Impfung. Angenommen, die Preise blieben auch bei größeren Bestellmengen gleich, und man hätte eine Großbestellung dieser drei Impfstoffe mit jeweils genug Dosen für alle 450 Millionen EU-Bürger aufgegeben, dann hätte das zusammen gut 28 Milliarden Euro für die ganze EU gekostet, für Deutschland etwas mehr als 5 Milliarden Euro.

Demgegenüber stehen die Kosten eines Lockdowns, dessen Verlängerung sich durch schnellere Impfungen vermeiden ließe. Allein die volkswirtschaftlichen Schäden des Lockdowns in Deutschland lägen bei 3,5 Milliarden Euro pro Woche, schätzte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Dezember. Dafür hätte man also mehr als genug Dosen Impfstoff für ganz Deutschland von einem Kandidaten beschaffen können. Für zehn Tage Lockdown hätte es für alle drei aussichtsreichen Kandidaten gereicht und so weiter.

EU hätte das Risiko besser verteilen müssen

Die EU aber hat das Risiko nicht ganz so weit gestreut. Sie hat sich nach Angaben der deutschen Vertretung der EU-Kommission zwei Milliarden Dosen Impfstoffe von sechs Herstellern gesichert und auch noch nicht produzieren lassen. Und unter den zwei Milliarden Dosen sind nur bis zu 460 Millionen Dosen von den bisher zugelassenen Mitteln von Moderna und Biontech/Pfizer, mit denen man 230 Millionen Menschen impfen kann, wenn sie denn einmal produziert sind. Bis alle geimpft sind, wird es also noch länger dauern, wie viele Kritiker bemängeln.

Man kann der EU dabei nicht vorwerfen, dass sie von vornherein oder zu spät zu wenig Dosen der Impfstoffe von Moderna und Biontech bestellt hat. Denn niemand konnte im vergangenen Sommer wissen, welcher der Impfstoff-Kandidaten sich als wirksam herausstellen würde. Aus volkswirtschaftlicher Sicht hätte die EU trotzdem eine ausreichende Menge für alle EU-Bürger von allen aussichtsreichen Herstellern kaufen und schon vor der Zulassung produzieren lassen müssen. So hätten alle Menschen so schnell wie möglich den ersten zugelassenen Impfstoff erhalten. Denn ohne ausreichende Bestellungen hatten die Hersteller der Impfstoffkandidaten keinen Anreiz schon weit vor einer Zulassung mit einer massenhaften Herstellung ihrer Impfstoffe zu beginnen. Doch das wäre notwendig gewesen, damit jetzt schnell geimpft werden kann.

Falsche Anreize für Hersteller

Clemens Fuest, der Direktor des Ifo-Instituts sagt dazu: "Es trifft zu, dass man durch den Einsatz von mehr Geld mehr Impfungen hätte beschaffen können, vor allem, indem man eine frühere Erweiterung der Produktionskapazitäten finanziert hätte. Allerdings stand die Politik vor einem Abwägungsproblem: Man hätte allen Herstellern den Aufbau von Produktionskapazitäten finanzieren müssen, mit dem Ergebnis, das ein Teil des Geldes verloren ist, weil nicht alle Impfstoffentwicklungen funktioniert haben. Es wäre trotzdem gut vertretbar gewesen, dieses Risiko in Kauf zu nehmen; die Anreize für einzelne Firmen, dieses Risiko einzugehen, waren zu gering."

Hat die EU das nicht abgewogen? Solche Fehler lassen Äußerungen der deutschen Vertretung der EU-Kommission von Anfang der Woche auf Twitter vermuten. Nur der Bau einer Produktionsstätte von Biontech wurde zusätzlich mit 100 Millionen Euro unterstützt. Außerdem heißt es, dass die Auswahl der Impfstoffe anhand von Erfolgsprognosen, Zeitfaktor und Preis getroffen worden sei. "Biontech war teurer, deswegen waren einige Mitgliedstaaten anfangs zurückhaltend", sagte auch Gesundheitsminister Spahn der "Rheinischen Post". Also sicherte sich die EU nur Lieferungen von den aussichtsreichsten Kandidaten und von keinem genug, um allein mit einem Stoff die gesamte Bevölkerung zu impfen.

Technische Hürden bei der Produktion

Es gibt aber auch einige Argumente zur Verteidigung der EU. Erstens gilt die Kritik an der mangelnden Produktionsfinanzierung für fast jedes Land der Welt, zweitens hätte die EU eine riesige Überproduktion von Impfungen wahrscheinlich auch rechtfertigen müssen, wenn die zweite Welle der Corona-Pandemie nicht so stark zugeschlagen hätte, und drittens bleibt bei all der Kritik die Frage offen, ob so eine Überproduktion überhaupt technisch möglich gewesen wäre.

"Es gibt eine große Bandbreite an Ressourcen, die Engpässe verursachen können. Bestimmte Materialien werden benötigt, um den Impfstoff selbst herzustellen, beispielsweise sogenannte Lipid-Nanopartikel für mRNA-Impfstoffe, und dann müssen die Impfstoffe abgefüllt und verarbeitet werden, und dafür wiederum muss ein ausreichender Vorrat an Fläschchen vorhanden sein", sagt dazu etwa Caroline Casey vom Analyseinstitut für den Gesundheitssektor Airfinity.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie stellt klar: "Es muss zuerst einmal festgehalten werden, dass zum Zeitpunkt der Zulassungserteilung schon sehr viel Impfstoff vorhanden gewesen ist. Das ist nicht selbstverständlich und bedeutet, dass die Hersteller auf Risiko bereits vor der Zulassungserteilung mit der Produktion begonnen haben." Außerdem ließen sich Millionen von Impfdosen nicht beliebig auf einen Schlag herstellen. Die Herstellung von Impfstoffen in dieser Größenordnung bedeute vor allem auch die Sicherung der notwendigen Mengen in der Zulieferindustrie.

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Ob eine Überproduktion möglich gewesen wäre, lässt sich also nicht so leicht beantworten. Ökonomisch sinnvoll wäre sie allemal gewesen. Jetzt kommt es darauf an, schnellstmöglich die Produktionskapazitäten für die zugelassenen Impfstoffe auszubauen.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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