Wirtschaft

EU-Arbeitsmärkte im Vergleich Deutschland ist gut, die Nordlichter besser

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Die geplanten Arbeitsmarktreformen in Frankreich kommen nicht gut an. Wirtschaftsminister Emmanuel Macron kritisert die 35-Stunden-Woche und die Beschäftigungsgarantie für Beamte. Auch die Sonntagsarbeit will er liberalisieren. Hier Demonstranten auf dem Pariser Place de la Nation. Auf dem Plakat steht: "Rückzug des Arbeitsrechts".

(Foto: picture alliance / dpa)

In vier Jahren sollen drei von vier Menschen im erwerbsfähigen Alter in der EU einen Job haben. Deutschland hat das Ziel fast erreicht. Wenige Länder sind noch besser aufgestellt. Frankreich dagegen ist abgeschlagen. Eine Studie zeigt, wieso.

Ein wohlhabender Staat nützt den Bürgern nicht viel, wenn sie nicht am System teilhaben können, weil sie arbeitslos sind. Wenn Wohlstand und Geborgenheit zu einem Privileg weniger werden, wächst die Unzufriedenheit. Um das zu verhindern, müssen Arbeitsmärkte möglichst flexibel und durchlässig gestaltet werden. Gelingt das, sind Menschen nicht nur motivierter, sondern ihre Wirtschaften auch anpassungsfähiger - besonders in Krisenzeiten. Die Europäische Union (EU) hat deshalb in ihrer Agenda 2010 zum Ziel erklärt, bis zum Jahr 2020 eine Beschäftigungsquote von 75 Prozent erreichen zu wollen. Ein Ländervergleich des Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt, warum manche EU-Staaten besser und andere schlechter aufgestellt sind.

Deutschland zählt der Studie zufolge zu den besser aufgestellten Staaten in Europa. 2013 hatte der deutsche Staat laut Eurostat eine Beschäftigungsquote von 73,3 Prozent - der Durchschnittswert der 28 EU-Länder liegt bei lediglich 64,1 Prozent. Jahrzehntelang galt der deutsche Arbeitsmarkt als starr und unflexibel, heute gehört er zu den dynamischsten in Europa. Die Durchlässigkeit und Flexibilität in Deutschland sei vergleichsweise hoch, sagt Bertelsmann-Experte Joscha Schwarzwälder. Es gebe eine hohe berufliche Mobilität, das heißt relativ viele Stellen- und Berufswechsel. Außerdem funktioniere die befristete Beschäftigung in Deutschland häufig gut als Sprungbrett in dauerhafte Jobs - gerade im Vergleich zum EU-Schlusslicht Frankreich oder südeuropäischen Ländern.

Deutsche Arbeitnehmer sind mobil

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Wahrscheinlichkeit eines Stellenwechsels 2011 bis 2013; in %(Quelle: Bertelsmann Stiftung)

Acht Prozent der Arbeitnehmer, die in zwei aufeinanderfolgenden Jahren beschäftigt sind, wechselt in Deutschland laut Studie jedes Jahr die Stelle. Im EU-Durchschnitt sind es nur sechs Prozent. Die hohe Mobilität in Deutschland sei ein "Zeichen dafür, dass Deutschland den Strukturwandel gut bewältigt" und "Herausforderungen wie der Digitalisierung gewachsen" sei, sagt Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung und ehemaliger Arbeitsminister der Niederlande.

Zum Vergleich: Im ebenfalls wirtschaftlich starken Nachbarland Frankreich ist die Wechselquote nicht einmal halb so hoch (siehe Grafik rechts). Von einer "Insel der Glückseligen" will Schwarzwälder deshalb nicht sprechen. Aber offenbar seien in den vergangenen Jahren einige Weichen richtig gestellt worden.

Die Studie zeigt, warum der Arbeitsmarkt in Deutschland dynamischer ist als der Frankreichs, wo die Beschäftigungsquote 2013 bei nur 64,1 Prozent lag. Zwar genießen die Arbeitnehmer in beiden Ländern einen vergleichsweise hohen Kündigungsschutz, was in beiden Ländern gleichermaßen dazu führt, dass die Hälfte aller Job-Einsteiger nach einer Phase der Arbeitslosigkeit nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten. Unterschiede in der Lohn- und Arbeitszeitpolitik sorgen dann aber doch für eine unterschiedliche Dynamik und Durchlässigkeit der Arbeitsmärkte.

In Frankreich zum Beispiel gibt es einen vergleichsweise hohen Mindestlohn und eine starre Lohnsetzung, was sich negativ auf den Arbeitsmarkt niederschlägt. Deutschland dagegen zeichnet sich vor allem durch flexible Maßnahmen auf betrieblicher Ebene aus. Seit Beginn der 2000er-Jahre hätten eine ganze Reihe von Reformen und Maßnahmen in Deutschland eine Rolle gespielt, erklärt der Bertelsmann-Experte weiter, angefangen von der Dezentralisierung der Lohnsetzung durch tarifliche Öffnungsklauseln bis hin zu betrieblichen Lösungen wie Arbeitszeitkonten. "Das alles hat dazu beigetragen, dass der deutsche Arbeitsmarkt gut durch die Krise gekommen ist und heute gut dasteht."

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Übergangsrate von der befristeten in die unbefristete Beschäftigung 2011 bis 2013; in %(Quelle: Bertelsmann Stiftung)

Laut Studie haben in Deutschland mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer (36,3 Prozent; europäische Durchschnitt: 33,1 Prozent) mit befristetem Arbeitsvertrag innerhalb eines Jahres ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis. In Frankreich dagegen ist es gerade mal jeder Zehnte, der innerhalb eines Jahres den Übergang von einer befristeten Anstellung in eine Festanstellung schafft. Frankreich ist das Schlusslicht im EU-Vergleich (siehe Grafik rechts). Eine wichtige Rolle spiele dabei auch das deutsche duale Ausbildungssystem, so Schwarzwälder. Denn während sich Frankreichs Jugend nach dem Berufseinstieg oft von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt, werden deutsche Jugendliche nach ihrer Ausbildung meist direkt in ein unbefristetes Anstellungsverhältnis übernommen.

Nordländer: Flexibel und sicher

Besser als Deutschland schneiden in der Untersuchung nur Estland, Großbritannien und Schweden ab. Die skandinavischen Länder scheinen - im Unterschied zu den baltischen Ländern, die im Ranking auch weit oben rangieren - ein Erfolgsrezept gefunden zu haben: Schweden kommt auf eine Beschäftigungsquote von 74,4 Prozent, Norwegen gar auf 75,4. Die Studie zeigt: Der skandinavische Arbeitsmarkt ist nicht nur durchlässig, er bietet auch hohe Jobsicherheit und eine niedrigere Lohnungleichheit.

In der insgesamt erfreulichen deutschen Arbeitsmarkt-Bilanz gibt es aber auch einen Schwachpunkt. Es ist der Übergang aus der Arbeitslosigkeit in die Beschäftigung. Hier erreicht Deutschland im EU-Vergleich nur unterdurchschnittliche Werte. Das liegt der Studie zufolge auch daran, dass in Deutschland der Anteil an Langzeitarbeitslosen mit nur schlechten Jobaussichten vergleichsweise hoch ist.

"Lernen kann man von den Skandinaviern, dass sich hohe Investitionen in eine aktive Beschäftigungspolitik und die Qualifikationen der Arbeitnehmer auszahlen. Dazu gehören Weiterbildungsmaßnahmen, Vermittlung, Lohnsubventionen und -zuschüsse, Eingliederungsmaßnahmen, Umschulungen und das lebenslange Lernen für Beschäftigte", so Schwarzwälder. Eine gute Beschäftigungspolitik sei "immer ein Gesamtkunstwerk". Entscheidend sei "eine gesunde Balance zwischen Sicherheit und Flexibilität, fasst es De Geus zusammen.

Die Experten kommen zu dem Schluss, dass jahrelang verfehlte Arbeitsmarktpolitik selten kurzfristig rückgängig zu machen ist. Viele EU-Staaten stehen jetzt vor der heiklen Aufgabe, ihren Arbeitsmärkten die nötigen Maßnahmen zu verabreichen, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. In Frankreich läuft der Kampf um die Arbeitsmarktreform bereits auf Hochtouren.

Quelle: ntv.de

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