Wirtschaft

Plötzlich im Rampenlicht Biotechbranche hofft auf Corona-Geldregen

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Viele Unternehmen haben Schwierigkeiten, ohne nachhaltige Belege finanzielle Mittel zu erhalten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die deutsche Biotechbranche klagt seit Jahren, dass mangelnde steuerliche Anreize potenzielle Geldgeber von Investitionen abhalten. Doch in der Corona-Krise rücken mit Curevac und Biontech zwei Unternehmen in den Mittelpunkt. Mitbewerber hoffen, dass auch sie von Geld und Aufmerksamkeit profitieren.

Erst vernachlässigt, jetzt im Mittelpunkt - seit Jahren beklagt die deutsche Biotechbranche, dass es ihrem forschungsintensivem Geschäft an Unterstützung und Förderung des Staates mangelt. Doch dank Corona fließen auf einmal Hunderte Millionen Euro Steuergelder in den Sektor. Die Bundesregierung steigt sogar selbst beim Tübinger Impfstoffentwickler Curevac ein - undenkbar vor der Pandemie. Zwar stehen nur wenige Biotechfirmen im Rampenlicht - neben Curevac die Mainzer Biontech, die ebenfalls einen Corona-Impfstoff entwickelt. Doch der Rest der Branche hofft, von der ungewohnten Aufmerksamkeit etwas abzubekommen, und macht ein Umdenken in der Politik aus.

Auch wenn nun viel Licht auf die deutsche Biotechindustrie scheine, blieben viele Firmen unter dem Radar von Investoren, sagt der Präsident des Branchenverbands Bio Deutschland, Oliver Schacht. "Viele kleine Firmen sind gezwungen, klinische Studie zu verschieben, für andere Unternehmen ist es fast unmöglich, Finanzierungsrunden abzuschließen", beschreibt er die Lage. "Die ganzen Volkskrankheiten gehen ja nicht weg, da haben wir auch tolle Unternehmen, die darauf angewiesen sind, dass ihnen ausreichend Kapital zur Verfügung steht."

Biontech
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Die Branche klagt hierzulande schon lange, dass mangelnde steuerliche Anreize potenzielle Geldgeber von Investitionen in Biotechs abhalten. Viele Unternehmen haben Schwierigkeiten, finanzielle Mittel vor allem für klinische Studien im mittleren Stadium zu erhalten, bevor der erste Nachweis der Funktionsweise eines neuen Medikaments (proof of concept) erbracht wurde. Dazwischen liegt oft eine Finanzierungslücke, in der Branche auch "Valley of Death" genannt, in der so manches vielversprechende Startup finanziell austrocknet.

Einzelne Leuchttürme

Zwar konnten deutsche Biotechs 2019 mit 479 Millionen knapp ein Viertel mehr Risikokapital als im Vorjahr einwerben, wie aus dem jährlichen Biotechnologie-Report der Beratungsgesellschaft EY hervorgeht. Allerdings entfielen davon allein 290 Millionen Euro auf eine Finanzierungsrunde von Biontech. "Wieder einmal zeigt sich das alte Problem, dass Kapital vor allem einzelnen Leuchttürmen zugutekommt", urteilt Studienautor Siegfried Biajolan. Nach Abzug der Ausnahmefinanzierungen bleibe für die Gesamtbranche nur ein eher bescheidener Betrag übrig.

Nachdem Hilferufe aus der Branche jahrelang ungehört geblieben waren, gibt es nun Anzeichen einer Trendwende. "Die Denkweise in Berlin ist dabei, sich zu verändern. Wir sehen auch wegen Covid-19 mehr Interesse und Bewusstsein für die Biotech-Forschung", sagt Rainer Lichtenberger, Vorstandschef von Atriva Therapeutics aus Tübingen, die sich auf die Entwicklung von Medikamenten gegen Infektionskrankheiten der Atemwege spezialisiert hat.

Eine Entwicklung, die auch Merck-Chef Stefan Oschmann ausmacht. Der Austausch mit der Politik habe sich im Zuge der Pandemie verstärkt, sagt er. "Ich höre von Regierungen, dass wir eine gewisse Autonomie brauchen und sie auch stärker mit Unternehmen zusammenarbeiten wollen."

Zukunftsfonds mit zehn Milliarden Euro

Das Bundeswirtschaftsministerium sieht das inzwischen so: "Im Zuge der Pandemie zeigt sich deutlich, welchen hohen Stellenwert biotechnologische Unternehmen für die Gesundheitsforschung und Gesundheitsversorgung und für den Schutz der Bevölkerung haben", sagt ein Sprecher.

Zu den von der Bundesregierung bereits eingeleiteten Maßnahmen zur Stärkung des Forschungsstandortes Deutschland gehört seit Januar erstmals eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung. Im Rahmen des milliardenschweren Konjunkturpakets, das der Bund zur Bewältigung der Corona-Krise schnürte, wurde die steuerliche Forschungszulage auf eine Million Euro pro Jahr verdoppelt.

CureVac
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Der Zugang zu Risikokapital in Deutschland müsse aber noch verbessert werden, sagt der forschungspolitische Sprecher der Union, Albert Rupprecht. Den hiesigen Unternehmen falle es bislang schwer, das benötigte Geld in Deutschland zu sichern. "Das wollen wir ändern und haben einen Zukunftsfonds mit zehn Milliarden Euro beschlossen. Dieser muss nun von der Bundesregierung so umgesetzt werden, dass auch die Biotechnologieunternehmen mehr Wagniskapital erhalten, schneller wachsen und sich so im internationalen Wettbewerb behaupten können." Noch ist aber offen, wann der Fonds an den Start geht.

Staatsbeteiligung muss Ausnahme bleiben

Curevac und Biontech, die zu den Hauptnutznießern eines 750 Millionen Euro schweren Sonderprogramms des Bundes zur Beschleunigung der Corona-Impfstoffforschung gehören, können beeindruckende Wachstumsstorys vorweisen: Bis Ende 2020 will Biontech 1800 bis 2000 Mitarbeiter beschäftigten - rund 1300 waren es Ende 2019. Und schon im vergangenen Jahr wuchs die Belegschaft um rund 40 Prozent. Die Firma entwickelt einen Impfstoff zusammen mit dem US-Partner Pfizer. Arbeiteten zu Beginn noch 50 Mitarbeiter bei der Firma an dem Projekt, sind es inzwischen über alle Funktionen hinweg rund 500.

Auch Curevac erhält durch Corona einen Schub: Die Gesellschaft beschäftigt derzeit rund 500 Mitarbeiter und will etwa 200 zusätzlich in den nächsten zwölf bis 24 Monaten einstellen. Die Produktionskapazitäten sollen in den nächsten 18 Monaten verzehnfacht werden. Für 300 Millionen Euro erwarb der Bund einen Anteil an dem Unternehmen. Das zog auch andere Investoren an, etwa den britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline, der sich mit knapp 150 Millionen Euro beteiligte.

Bio-Deutschland-Chef Schacht fordert, Staatsbeteiligungen müssten die Ausnahme bleiben. "Das Ziel muss sein, dass nicht der Staat als Investor auftritt, sondern attraktive Rahmenbedingungen für Investoren geschaffen werden." Er hofft, dass weitere Biotechfirmen profitieren. "Wir hoffen, dass die Krise etwas Gutes für die ganze Branche hat." Momentan stünden nur wenige einzelne Unternehmen im Fokus. "Nun muss es uns gelingen, diese Erfolgsstory auch bei anderen Unternehmen fortzuschreiben."

Quelle: ntv.de, chr/rts