Wirtschaft

Kurzer Besuch, lange Wirkung Wie reagieren deutsche Unternehmen auf den Taiwan-Konflikt?

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Ein Besuch mit Folgen: Die US-Parlamentssprecherin Nancy Pelosi verlässt das Parlament in Taipeh.

(Foto: REUTERS)

Peking antwortet auf den Taiwan-Besuch der US-Parlamentssprecherin Pelosi mit scharfen Drohgebärden. Die Volksrepublik meint es sich wegen ihrer gestiegenen wirtschaftlichen Bedeutung leisten zu können. Doch die Eskalation des Konflikts wird Folgen haben.

Anfang letzten Jahres bekamen es deutsche Automobilhersteller bereits schmerzlich zu spüren: Asiens Chiphersteller bedienten in der Coronakrise vor allem die gestiegene Nachfrage der Unterhaltungsbranche. Die volle Auslastung geriet zum Nachteil der Autobauer, gerade als deren Auftragsbücher sich im Aufschwung wieder füllten. Überall fehlten Halbleiter – Volkswagen, Audi, Daimler mussten ihre Produktion drosseln. Der damalige Wirtschaftsminister Peter Altmaier ersuchte den weltweit wichtigsten Standort für Halbleiter um direkte Hilfe: Taiwan.

Es war ein ungewöhnlicher Vorgang. Der Wirtschaftsriese Deutschland bittet den kleinen Inselstaat Taiwan, den er nicht einmal als eigenen Staat anerkennt, direkt um politische Intervention: zugunsten "zusätzlicher Kapazitäten für die deutsche Automobilindustrie". Denn in Taiwan sitzen die wichtigsten Halbleiterproduzenten. Es ist auch die Heimat des größten Auftragsfertigers der Welt, TSMC. Die taiwanische Wirtschaftsministerin Wang Mei-hua empfing deren Vertreter sowie Abgesandte von UMC, Vanguard International und Powerchip in Taipeh. Danach erklärte sie, die Firmen würden ihr Bestes tun, mehr Chips "herauszuquetschen".

Die Episode spricht dafür, dass Deutschland in Taiwan einen guten Ruf genießt. Sie macht aber auch deutlich, dass Abhängigkeiten in der deutschen Industriebasis sich nicht nur mit der Volksrepublik China, sondern auch mit der kleinen abtrünnigen Schwester zuspitzen könnten – sollte es zu einem offenen Konflikt der Volksrepublik und der Republik Taiwan kommen. Die Führung in Taipeh verweigert sich dem chinesischen Credo "Ein Staat – zwei Systeme". In der Vergangenheit kamen beide Regierungen – mal enger, mal loser –miteinander aus. Doch das Verhältnis heute ist eisig, seit Präsidentin Tsai Ing-wen eisern auf Eigenständigkeit pocht. Wie autoritär Peking sich in Hongkong durchsetzt, stärkt nur die Vorbehalte in Taiwan – und das Bangen um die aufgebaute Demokratie.

Als Standort geeignet?

Nun, da Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, als Vertreterin der Schutzmacht USA einen umstrittenen Besuch abstattet, lässt Staatspräsident Xi Jinping die Muskeln spielen. Früheren Drohungen einer möglichen Invasion gibt er mit patrouillierenden Kriegsschiffen, Kampfjets und Manövern in der Taiwanstraße Nachdruck. Chinas kommunistische Staatsführung betrachtet das freiheitliche Taiwan als Teil seines Territoriums und droht mit "Vereinigung", notfalls militärisch. Der Status der Insel ist einer der Hauptkonfliktpunkte in der Konfrontation der beiden Supermächte, die auch Europa vor schwierige Abwägungen stellt: Strategisch ist das Pekinger Regime inzwischen ein Rivale, wirtschaftlich bleibt der Partner China unverzichtbar.

Doch die im harten Pekinger Corona-Regime verursachten Lieferkettenbrüche und – nicht zuletzt – das zunehmende nationalistische Streben der Volksrepublik nach wirtschaftlicher und technologischer Autonomie führen unter westlichen Wirtschaftsvertretern zu einem Umdenken. Der Trend geht auch aus deutscher Sicht in Richtung Diversifizierung der Produktionsstandorte – in anderen asiatischen Ländern. Dabei birgt die Frage, ob auch Taiwan in diese neue Liga von Partnern gehört, ausreichend Sprengstoff. Denn gerade die Engpässe in der Halbleiterbranche haben vor Augen geführt, wie hoch bestehende Abhängigkeiten schon sind.

Taiwan hat in der Herstellung der Elektronikbausteine, auf die Autos ebenso angewiesen sind wie Laptops oder Telefone, weltweit die Nase vorn. 2021 erledigten taiwanische Unternehmen nach einer Studie der Marktforscher Trendforce 64 Prozent der weltweiten Auftragsfertigungen von Halbleitern. Die Insel zählt weit mehr Produzenten als Festlandchina – und führt bei Technologie und Innovation. Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) fertigt Chips sowohl für die US-Kunden Qualcomm und AMD, wie auch für den Technologiekonzern Apple, oder die Autokonzerne Audi, VW oder Ford. TSMC ist zugleich als Zulieferer auch für China unverzichtbar. Der Foxconn-Konzern ist mit Fabriken und einer Million Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber der Volksrepublik.

Eng verwoben

"Trotz der politischen Spannungen werden die wirtschaftlichen Verbindungen immer enger", schreibt Gerhard Stahl, Gastdozent an der Peking University HSBC Business School in Schenzhen, in einem neuen Buch. Taiwans Wirtschaft ist eng verwoben mit dem Reich der Mitte. Es ist (inklusive Hongkong) mit 44 Prozent der Ausfuhren Taiwans der führende Handelspartner des exportorientierten 23 Millionen-Landes. Darauf folgen die USA mit einem Anteil von 14,7 Prozent, und Japan mit 6,8 Prozent. Deutschland steht als Abnehmer mit 1,6 Prozent der Ausfuhren an neunter Stelle.

China ist zugleich das wichtigste Lieferland Taiwans mit mehr als 20 Prozent Importanteil, gefolgt von Japan mit 16 Prozent und den USA (11,5). Taiwans Einfuhren "Made in Germany" schlugen mit 9,3 Milliarden Euro zu Buche (2021/GTAI) – hauptsächlich sind dies chemische Erzeugnisse, Maschinen, Kraftfahrzeuge und Kfz-Teile. Umgekehrt kaufte Deutschland für 12,2 Milliarden Euro ein, vor allem Elektronik (46 Prozent).

Die Industrielandschaft ist geprägt von wenigen Branchen neben der Hightech-Industrie, zu deren neben Foxconn (Hon Hai Precision) mit Elektronik- und PC-Komponenten auch Pegatron mit Computerteilen und Geräten gehören: Chemikalien, Textilien, Maschinen und die Erdölverarbeitung. An deutschen Unternehmen sind Automobilhersteller wie Mercedes oder Volkswagen angesiedelt, Siemens entwickelt mit Partnern Lösungen für die industrielle Modernsisierung 4.0, Infineon ist in der Batterieentwicklung für E-Autos tätig, Bosch im Internet der Dinge, Enercon in der zunehmend gefragten Windenergie.

Krisen abgewettert

Obwohl Taiwan als anfällig für Konjunkturkrisen gilt, hat es die jüngsten Stürme der Weltwirtschaft und den US-chinesischen Handelskonflikt relativ unbeschadet abgewehrt. Im ersten Jahr der Coronapandemie konnte es Lockdowns vermeiden und erzielte ein beachtliches Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent, dem 2021 trotz vereinzelter Beschränkungen mit Homeoffice und Werksschließungen ein Rekordergebnis von 6,6 Prozent folgte – die höchste BIP-Steigerung in einem Jahrzehnt. 2022 gehen Prognosen von schwächeren drei bis vier Prozent aus, und einem negativeren Ausblick infolge des Ukrainekriegs und der schwächelnden Weltkonjunktur.

Wie die deutsche Wirtschaftsvertretung in Taipeh unterstreicht, ist die Insel immerhin der fünftgrößte Handelspartner Deutschlands in Asien. Auch aus ihrer Sicht "rückt Taiwan aufgrund des anhaltenden Trends der Diversifizierung von Lieferketten und Absatzmärkten zunehmend in den Fokus deutscher Unternehmen". Immer mehr Firmen wählten es als alternativen Standort. Vor allem der Bereich Forschung und Entwicklung sei interessant. Auch dort wird das zunehmend angespannte politische Verhältnis zu China aber in Zukunft als "Herausforderung" gesehen.

"Die ökonomische Verflechtung entspricht der Strategie der Volksrepublik", gibt der Autor Stahl in seinem China-Buch zu bedenken. Peking fördere die Wirtschaftsbeziehungen mit Taiwan, etwa über spezielle Sonderwirtschaftszonen für das Taiwan-Geschäft, mit dem klaren Ziel, die Handels- und Investitionsbeziehungen zu vertiefen. Chinas Anteil an Taiwans Außenhandel hat sich so in 20 Jahren nahezu verdreifacht.

Taiwans Kurs stärken?

Bei einer Pressekonferenz mit der taiwanischen Präsidentin Tsai Ing-wen versicherte Pelosi in Taipeh, dass die USA "immer an der Seite Taiwans" stehen würden. Die 2016 gewählte Präsidentin wurde 2020 für ihren Kurs der Eigenständigkeit bestätigt. Sie verfolgt auch das Ziel, die eigene Wirtschaft unabhängiger vom großen Nachbarn zu machen – noch mit begrenztem Erfolg. Unterstützt wird der Kurs zum Beispiel vom Europäischen Parlament, das sich im vergangenen Jahr für eine vertiefte Partnerschaft mit Taiwan aussprach.

In die Präsidentenstrategie der Diversifizierung hätte auch die geplante Ausdehnung des führenden Chipherstellers Globalwafers nach Europa gepasst. Der taiwanische Konzern wollte die deutsche Siltronic übernehmen, den viertgrößten und kleinsten Hersteller sogenannter Wafer, dünner Siliziumscheiben, aus denen Halbleiter für die Chipindustrie geschnitten werden. An dem Münchner Mittelständler, der mit rund 4000 Beschäftigten und einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro hochprofitabel ist, ist auch die Wacker-Chemie beteiligt, die verkaufen wollte. Globalwafers wäre zur Nummer zwei der Welt aufgestiegen.

Doch der Wechsel scheiterte am Bundeswirtschaftsministerium – schon unter grüner Führung, aber mit bemerkenswerter Begründung. Die Prüfung habe nach einem Jahr noch die Genehmigung der chinesischen Wettbewerbsaufsicht mit einer Reihe von Auflagen berücksichtigen müssen, hieß es im Januar dazu. Wegen der Komplexität dieser Auflagen habe man die Prüfung nicht vor Ablauf der Übernahmefrist beenden können. Die für den Kauf notwendige Unbedenklichkeitsbescheinigung wurde also nicht erteilt.

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Unterlassung oder Absicht? Der deutsche Nichtentscheid wurde von Kommentatoren auch als fatales Signal der Gleichgültigkeit an ein demokratisches Land unter der Bedrohung Chinas gewertet – und als Fehlentscheidung für die eigene Versorgungssicherheit. Aber die Frage stellt sich, ob das Ministerium rückblickend nicht bereits eine Zuspitzung des Konflikts zwischen Peking und Taipeh vorweggenommen hat. Indirekt wäre das dann bereits ein Richtungsentscheid in der Frage alternativer Standorte der deutschen Wirtschaft in Asien.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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