Wirtschaft

Geht das Brexit-Chaos weiter? Zocker sichern sich gegen Pfund-Absturz ab

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Der Wahlausgang in Großbritannien entscheidet darüber, ob die Rally weitergeht oder eine rasante Abwertung des Pfunds folgt.

(Foto: REUTERS)

Umfrageschock kurz vor der Parlamentswahl in Großbritannien: Die Unterstützung für Premier Johnson schrumpft. Sollte Labour triumphieren, ist ein Kursverfall des britischen Pfunds programmiert. Devisenhändler haben für diesen Fall vorgesorgt.

Vorhersagen über den Wahlausgang in Großbritannien werden auf den letzten Metern nicht leichter. Bisher lagen die Konservativen von Premierminister Boris Johnson in den Umfragen deutlich vorne. Es wäre das Szenario, das auch die Finanzmärkte favorisieren. Ob es so kommt, bleibt spannend. Die ersten Prognosen werden nach der Schließung der Wahllokale um 23 Uhr erwartet. Laut der US-Finanzagentur Bloomberg haben sich Devisenanleger vorsichtshalber für den Fall, dass Johnson sich nicht durchsetzen sollte, am Derivatemarkt abgesichert.

Britisches Pfund / Dollar
Britisches Pfund / Dollar 1,31

Die sogenannte Pfund-Volatilität zeige, dass Händler zuletzt deutlich ängstlicher geworden seien. Am Mittwoch erreichte die Schwankungsbreite der Kurse mit 19 Prozent ein neues Dreijahreshoch. Damit war sie laut der Finanznachrichtenagentur Bloomberg höher als am 29. März 2017, als die britische Regierung unter Theresa May in Brüssel die Welt mit dem offiziellen Austrittsantrag nach Artikel 50 der Verfassung der Europäischen Union schockte.

Die Hoffnung auf einen Wahlsieg der Konservativen hatte Markteilnehmer in den vergangenen Monaten euphorisch gestimmt: Würden Johnson und seine Tories die absolute Mehrheit erreichen, dann würde das dem Brexit-Chaos ein Ende bereiten, Johnson könnte seinen mit der EU ausgehandelten Deal durchboxen und es würde zu einem geregelten Austritt kommen. Es gäbe endlich mehr Planungssicherheit.

Angespornt von diesen Hoffnungen legte das Pfund gegenüber dem US-Dollar allein im Oktober gut fünf Prozent zu. Das ist so viel wie seit 2009 nicht mehr. Auftrieb gab vor allem die Wahl-Entscheidung. Seitdem ging es für die Währung kontinuierlich nach oben. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil es Johnson war, der das Pfund zuvor in den Keller geprügelt hatte. Er hielt zunächst stur am 31. Oktober als Austrittsdatum fest, ein Deal mit der EU war damit aussichtslos. Als er sich den Gegebenheiten anpasste, honorierte der Finanzmarkt das.

Umfrage: Johnsons Sieg wackelt

Einen Tag vor der Briten-Wahl erhält die Hoffnung, dass der Premier tatsächlich der Mann sein könnte, der den Brexit samt Deal schnell über die Bühne bringt, allerdings einen schweren Dämpfer. Und Devisenanleger, die auf fallende Pfund-Kurse gewettet haben, sehen sich bestätigt.

Laut den jüngsten Angaben des renommierten Meinungsforschungsinstituts Yougov ist der Vorsprung der Konservativen auf Labour und die anderen Parteien in den vergangenen Wochen geschrumpft. Konkret gehen die Wahlforscher nur noch von einem Vorsprung von 28 Mandaten für die Tories vor den anderen Parteien aus. Die Konservativen kämen demnach auf 339 von 650 Sitzen. Labour verbesserte sich umgekehrt um 20 Sitze auf 231 Mandate.

Ende November hatte eine ähnliche Erhebung noch eine Mehrheit von 68 Abgeordneten für die Konservativen ergeben. Es ist somit nicht mehr ausgeschlossen, dass es zu dem gefürchteten "hung parliament" kommt, einer Sitzverteilung, in der keine der beiden großen Parteien aus eigener Kraft eine Regierung bilden kann. Ohne eigene Mehrheit hätte Johnson so gut wie keine Aussicht, seinen Brexit-Deal durchs Unterhaus zu bringen und das Land wie geplant am 31. Januar 2020 aus der EU zu führen. Fast alle anderen Parteien unterstützen ein zweites Referendum.

Auch wenn Devisenhändler nach der Nachricht aufgehorcht haben dürften, das Pfund reagierte kaum. Nach drei Verschiebungen des EU-Austritts ist die Entscheidung über die Zukunft Großbritanniens nun überfällig. Die britische Wirtschaft ist im Oktober nicht vom Fleck gekommen, in den zwei Monaten zuvor war sie geschrumpft. Das Land balanciert am Abgrund einer Rezession.

Gewinnt Labour, verliert das Pfund

Johnsons vergleichsweise harter Brexit-Deal soll lieber übers Knie gebrochen werden, als dass die Entscheidung unter seinem Gegner Jeremy Corbyn noch einmal auf die lange Bank geschoben wird, signalisiert der Finanzmarkt. Der Brexit sei "ofenfertig" hat Johnson gesagt: "Get Brexit done!" Er hat damit den Nerv getroffen. Es mag ein schnelles Fertiggericht sein, das er in die Röhre geschoben hat, es mag sich auch nicht groß vom Brexit-Rezept seiner Vorgängerin Theresa May unterscheiden, aber die Marktteilnehmer scheinen nur noch schnell Essen fassen zu wollen.

Der Weg für den geordneten Ausstieg Großbritanniens aus der EU am 31. Januar 2020 wäre mit dem Wahlsieg der Konservativen frei. "Damit wäre auch ein geordneter Brexit Ende Januar wahrscheinlich", so Commerzbank-Analystin Thu Lan Nguyen. Die Tatsache, dass der Austritt noch jahrelange Verhandlungen mit der EU nach sich ziehen könnte, spielt derzeit keine Rolle. Auch nicht die Tatsache, dass Johnson in Sachen Glaubwürdigkeit seinem Gegner Corbyn in Umfragen nicht das Wasser reichen kann. Corbyn mit seiner linken Politik, einschließlich höherer Unternehmenssteuern und Verstaatlichungen, ist für den Finanzmarkt keine Alternative.

Sollten die Tories gewinnen, dürfte die Pfund-Rally deshalb weitergehen. Sollten sie die Mehrheit verfehlen oder die Labour-Partei die Wahl für sich entscheiden, dürfte die Unsicherheit an den Finanzmärkten dagegen wieder rasant steigen, warnt die Commerzbank. Da wieder ein ungeordneter Brexit im Raum stünde, hätte dieser Ausgang wohl eine deutliche Abwertung des britischen Pfunds zur Folge. Diejenigen, die Optionen auf fallende Kurse abgeschlossen haben, werden dann die Gewinner sein.

Wer das Rennen um die Downing Street gewinnt, Johnson oder Corbyn, hängt nun maßgeblich von der britischen Jugend ab. Genau das macht den Wahlausgang schwer vorhersehbar. Die jungen Wähler gelten als pro-europäisch und links, stellen aber auch die Gruppe dar, die am häufigsten nicht zur Wahl geht. Gerade die wachsende junge Wählerschaft könnte das Ergebnis also zugunsten Corbyns ändern. Eine Gewähr, dass es das Wunschgericht der Finanzmarktteilnehmer geben wird, gibt es also nicht.

Quelle: ntv.de