Erst Euphorie, dann Panik?Bundesbankvorstand warnt vor Kettenreaktion an den Märkten
Von Raimund Brichta
Hohe Bewertungen, wachsende Schulden und geopolitische Risiken - die Bundesbank hält das Finanzsystem für anfälliger, als viele glauben. Vorstandsmitglied Michael Theurer erklärt, wo er die größten Gefahren sieht und warum schon kleine Auslöser heftige Turbulenzen verursachen könnten.
Die Warnung kommt nicht von einem Crash-Propheten, sondern von einer Institution, die Stabilität sichern soll: der Bundesbank. Aufmerksam beobachtet Vorstandsmitglied Michael Theurer die Kombination aus hohen Bewertungen und großem Optimismus. Ihm zufolge gehen die Märkte derzeit nicht davon aus, dass Kurse stark fallen oder Risikoaufschläge deutlich steigen könnten. Genau darin liegt allerdings die Gefahr: "Enttäuschungen könnten zu erheblichen Kursverlusten führen", sagt Theurer im Podcast "Brichta & Bell".
Die Warnung ist deutlich: Das Finanzsystem wirkt robust, unter der Oberfläche ist es dennoch verwundbar. Die Bundesbank hält vorwiegend sich selbst verstärkende Stimmungsumschwünge für problematisch. Aus zunächst normalen Kursverlusten könne rasch eine Dynamik entstehen, die sich verselbstständigt, sagt Theurer. "Wenn es dann zu Panikverkäufen kommt, setzt sich eine Abwärtsspirale in Gang. Es gibt ein Risiko plötzlicher Marktpreiskorrekturen."
Gefährlich ist, dass solche Entwicklungen nicht auf Börsen beschränkt sind. In einem global vernetzten Finanzsystem können Schocks schnell übertragen werden. "Spürbare Auswirkungen auch auf das deutsche Finanzsystem können wir nicht ausschließen", sagt Theurer.
Gefährliche Kipppunkte
Ein strukturelles Problem sieht der Bundesbandvorstand darin, dass Wendepunkte kaum prognostizierbar sind. "Wann der Kipppunkt erreicht ist, ist bei Märkten generell nicht vorauszusagen." Das erschwere es Politik, Aufsicht und Investoren gleichermaßen, rechtzeitig gegenzusteuern.
Hinzu kommt ein zusätzlicher Belastungsfaktor: die weltweit steigende Staatsverschuldung. Steigende Staatsverschuldung kann laut Theurer zu jedem Zeitpunkt an einen kritischen Punkt kommen. Damit wachse die Gefahr, dass Spannungen vom Staatsanleihemarkt auf Banken überspringen. Halten Institute große Bestände heimischer Staatsanleihen, könne ein Vertrauensverlust gegenüber Staaten schnell zum Risiko für das Bankensystem werden - und umgekehrt.
Greifen Notenbanken wieder ein?
Marktschwankungen an sich sind für die Bundesbank kein Grund zur Sorge. Bewegungen nach oben und unten gehörten zum Wesen von Märkten. Kritisch werde es dann, wenn Rückgänge systemisch werden. "Massive Rückschläge können über Ansteckungseffekte das ganze Finanzsystem in Mitleidenschaft ziehen", sagt Theurer.
Genau deshalb ist Finanzstabilitätspolitik dem Notenbanker zufolge heute stärker präventiv ausgerichtet als vor der globalen Finanzkrise. Banken müssen ausreichend Kapitalpuffer haben, damit Verluste abgefedert werden können und nicht wie vor 15 Jahren Staaten einspringen müssen.
Dennoch möchte Theurer nicht ausschließen, dass Zentralbanken erneut massiv mit frischem Geld eingreifen würden, sollte es zu einem Crash kommen. "Ich schließe an der Stelle gar nichts aus, weil Zentralbanken natürlich ihre Aufgabe erfüllen müssen", sagt er im Podcast. Instrumente wie Anleihekäufe gehörten weiterhin zum Werkzeugkasten. Entscheidend sei aber, dass das System so stabil sei, dass solche Eingriffe gar nicht nötig würden. Ziel müsse sein, dass Investoren die Risiken tragen - und nicht die Steuerzahler.
Die Aussagen sind keine Crash-Prognose, sondern eine Warnung vor wunden Punkten. Die Bundesbank kann keine Marktentwicklungen vorhersagen, sondern möchte Risiken sichtbar machen, bevor sie eskalieren. Nicht jeder Kursrutsch ist gefährlich. Gefährlich wird es erst, wenn aus Marktstress ein Systemproblem wird.
In der neuen Folge "Brichta & Bell - Wirtschaft einfach und schnell" spricht Michael Theurer außerdem über zwei brisante Streitpunkte der Finanzwelt: politischer Einfluss auf Notenbanken und die Debatte um Deutschlands Goldreserven. Das vollständige Gespräch finden Sie auf RTL+ und überall, wo es Podcasts gibt.