Wirtschaft

Deutsches Know-how in Gefahr? Chinas Einkaufstour bietet auch Chancen

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(Foto: REUTERS)

Kein anderes Land wird bei Firmenkäufen in Deutschland so kritisch beäugt wie China. Nach einem Übernahmerausch im vergangenen Jahr zieht die Politik die Bremse. Dabei birgt das Interesse aus Fernost nicht nur Risiken.

Für Unruhe unter deutschen Politikern sorgt Chinas ausufernde Einkaufstour bei deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr. Die chinesischen Direktinvestitionen in Deutschland sind 2016 mit elf Milliarden Euro um mehr als das 20-fache nach oben geschnellt, wie aus einer aktuellen Studie des Berliner Mercator Institutes for China Studies und der New Yorker Rhodium Group hervorgeht. Berühmte Beispiele waren die Übernahmen des Roboter-Produzenten Kuka durch Midea und der Kauf des Kunststoffmaschinenkonzern Krauss Maffei durch ChemChina.

Hatte Deutschland chinesischen Käufern lange weitgehend freie Hand gelassen, versucht man in Berlin nun den Kaufrausch der Asiaten zu bremsen. Den Übernahmeversuch von Chip-Anlagenbauer Aixtron durch den chinesischen Fujian-Grand-Chip-Fonds etwa stoppte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel - mutmaßlich wegen Sicherheitsbedenken -, indem er eine zunächst gegebene Genehmigung zurückzog. Auch bei dem geplanten Osram-Kauf durch chinesische Investoren gab es Gegenwind von Politik und Gewerkschaften – auch diese Übernahme platzte letztendlich. Was aber bei allen Bedenken gegen chinesische Übernahmen oft untergeht: Neben Risiken bieten sie auch Chancen für den Standort Deutschland.

Risiken

Was ist der Grund für die jüngste Kaufwut der Chinesen? Die Volksrepublik will die Rolle als "Billiglohnland" loswerden und zur Technologie-Elite aufsteigen. 2015 wurde die Strategie "Made in China 2025" ausgegeben, mit der die Industrie des Landes modernisiert werden soll. Sie ist wesentlich von dem deutschen Industrie-4.0-Konzept inspiriert.

Ein ambitioniertes Vorhaben wie "Made in China 2025" ist auf die Schnelle aber nur durch Zukäufe von Know-how möglich. So fügen sich auch die jüngsten Übernahmeaktivitäten ins Bild: Im Jahr 2016 standen vor allem europäische Hightech-Unternehmen auf der chinesischen Einkaufsliste. Sie machten mehr als ein Drittel aller Investitionen in Europa aus. Darunter auch Kuka und Krauss Maffei. Auffallend ist laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung zudem das zunehmende Engagement von sogenannten Yangqi, Unternehmen der chinesischen Zentralregierung. Das Problem: Die Volksrepublik will die erworbene ausländische Technologie nicht nur im Heimatmarkt, sondern auch global anbieten. Damit droht China zum größten Konkurrenten für technologielastige deutsche Firmen zu werden.

Schwierig ist das auch deshalb, da umgekehrt Übernahmen chinesischer Hightech-Betriebe durch deutsche Investoren so gut wie undenkbar sind. Denn Peking wacht eifersüchtig über die heimischen strategischen Industrien. Deshalb müssen deutsche Konzerne mit Joint-Ventures vorlieb nehmen oder dürfen überhaupt nicht investieren.

Neben wirtschaftlichen spielen auch Sicherheitsbedenken bei der chinesischen Übernahme-Orgie eine Rolle. Sorge bereitet vor allem, wenn Chinesen nach Unternehmen greifen, deren Produkte für zivile und militärische Zwecke genutzt werden können.

Aus Sicht der deutschen Betriebe stellt sich zudem die Frage, wie ihre langfristigen Perspektiven aussehen, wenn die von China gegebenen Standortgarantien abgelaufen sind. Unklar ist, wie es mit Hightech-Unternehmen weitergeht, wenn der Technologietransfer nach China abgeschlossen ist. Sprich: Ob sie dann noch gebraucht werden.

Chancen

Bei allen Risiken bieten die Übernahmen aber auch Chancen auf Wachstum und Entwicklung für die deutsche Wirtschaft. So fließt aus China frisches Kapital nach Deutschland und schafft Arbeitsplätze oder erhält sie. So waren im Jahr 2014 laut Germany Trade & Invest mehr als 1300 chinesische Firmen in Deutschland aktiv, die mehr als 16.000 Angestellte beschäftigten.

Die Unternehmensberatung Ernst & Young geht in ihrem EY European Investment Monitor von einem wachsenden chinesischen Beitrag zur Beschäftigung in Deutschland aus. Mit dem Fokus chinesischer Investoren auf deutsche Hightech-Branchen werden zudem qualitativ hochwertige Arbeitsplätze geschaffen und damit der Auf- und Ausbau von Zentren für Forschung und Entwicklung gefördert.

Ein weiterer Vorteil ist die Verflechtung von exportorientierten Unternehmen mit dem chinesischen Markt und dessen Verbrauchern. Chinesische Unternehmen bringen Wissen über China mit und öffnen Kanäle in ein Land, das zu den Hauptexportmärkten Europas zählt. Gerade für kleine und mittelgroße Unternehmen mit beschränkten finanziellen Ressourcen kann dies eine große Chance sein. Für sie öffnet sich ein "Tor nach China". Auch bietet chinesisches Engagement eine gewisse Verlässlichkeit etwa für deutsche Mittelständler. Gerade chinesische Investoren denken langfristig – so erhielt Kuka eine Standortgarantie bis 2023. Finanzinvestoren aus anderen Ländern denken eher von Quartal zu Quartal und wollen schnell Gewinne sehen.

Fest steht: Nachdem chinesische Firmen mit ihren Übernahmeabsichten in Deutschland jahrelang zwar stets kritisch beäugt wurden, aber von der Politik unbehelligt blieben, scheint sich der Wind nun gedreht zu haben. Die Risiken scheinen aus Sicht vieler in Politik und Gewerkschaften derzeit zu überwiegen.

Quelle: ntv.de

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