Wirtschaft

China Evergrande wankt Chinas Immobilien-Giganten droht Schulden-Gau

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China Evergrande soll mit mehr als 300 Milliarden Dollar verschuldet sein.

(Foto: REUTERS)

Chinas zweitgrößter Immobilienentwickler steckt in erheblichen Schwierigkeiten und muss alleine im nächsten Jahr 37 Milliarden Dollar Schulden zurückzahlen. Sollte Evergrande unter dem Schuldenberg zusammenbrechen, könnte das Schockwellen durch das chinesische Bankensystem jagen.

Die Situation für den schuldenbeladenen chinesischen Immobilienkonzern China Evergrande wird immer bedrohlicher. Nun stufte die Ratingagentur Fitch ihre Bonitätsbewertung für den Konzern und zwei seiner Töchter wegen der Gefahr von bevorstehenden Zahlungsausfällen herunter. Der Schritt "spiegelt unsere Ansicht wider, dass ein Ausfall in irgendeiner Form wahrscheinlich erscheint", hieß es zur Begründung. "Wir glauben, dass das Kreditrisiko angesichts knapper Liquidität, rückläufiger Vertragsverkäufe, des Drucks verspäteter Zahlungen an Lieferanten und Auftragnehmer und begrenzter Fortschritte bei der Veräußerung von Vermögenswerten hoch ist."

Der Hintergrund: Die chinesischen Behörden nehmen seit Monaten immer mehr Industriezweige an die Kandare - auch den Immobiliensektor. Die Aufsicht erließ Hunderte neue Regeln und beschränkte Kreditaufnahme sowie Grundstückskäufe, um für Abkühlung auf dem boomenden Häusermarkt zu sorgen. Doch nicht nur die Preise gerieten unter Druck, sondern auch Immobilienunternehmen. Kreditausfälle und Firmenpleiten folgten. Experten warnen inzwischen vor Auswirkungen auf die Finanzbranche und die gesamte Wirtschaft des Landes.

Während die Quote fauler Kredite bei den chinesischen Geschäftsbanken insgesamt laut Aufsicht mit 1,76 Prozent im vergangenen Quartal stabil auf niedrigem Niveau lag, bietet sich bei einzelnen Instituten und mit Blick auf den Häusermarkt ein anderes Bild: So platzten bei der Ping An Bank in Shenzen im ersten Halbjahr 2021 drei Mal so viele Kredite im Immobiliensektor wie vor Jahresfrist. Die Bank of Jinzhou verzeichnete einen Anstieg von mehr als 50 Prozent, die Bank of Shanghai von über 25 Prozent. In diesem Jahr haben Insolvenzgerichten zufolge 220 Immobilienfirmen Konkurs angemeldet, schon im Vorjahr gab es demnach kontinuierlich Firmenpleiten in der Branche.

Der Immobilienmarkt macht rund ein Viertel der chinesischen Wirtschaft aus. Ein üppiger Kreditfluss befeuerte jahrelang den Boom der Branche. Symbol dieses Höhenflugs war lange Zeit der Immobilienentwickler Evergrande. Jetzt steht der Branchenriese aus Guangdong für die Abwärtsspirale, in die viele Entwickler gerutscht sind. Unter dem Druck von Gewinnrückgängen hat das Unternehmen massiv mit der Refinanzierung von Krediten zu kämpfen. S&P Global schätzt allein die Schulden, die Evergrande nächstes Jahr zurückzahlen muss, auf 37 Milliarden Dollar.

Aktie stürzt ab

Vor Fitch hatten die Ratingagenturen Moody's und die heimische China Chengxin International (CCXI) ihre Einstufung von Evergrande ebenfalls gesenkt. Vor rund einer Woche hatte der zweitgrößte Immobilienentwickler des Landes selbst vor Liquiditäts- und Ausfallrisiken gewarnt, falls es ihm nicht gelingen sollte, die Bautätigkeit wieder aufzunehmen, Beteiligungen zu verkaufen und Kredite zu erneuern.

An den Finanzmärkten wächst die Unruhe. Die in Hongkong notierten Aktien von Evergrande fielen heute zeitweise auf ein Sechs-Jahres-Tief, schlossen dann aber mehr als vier Prozent im Plus. Seit Monatsbeginn haben sie allerdings 15 Prozent verloren, das Minus seit Jahresbeginn beträgt mehr als 76 Prozent. "Wir gehen davon aus, dass der Weg des Schuldenabbaus des Unternehmens holprig sein wird, was zu hohen Preisnachlässen für seine Immobilienverkäufe und möglichen Veräußerungen von Vermögenswerten führen könnte", so die Analysten von Goldman Sachs.

An den Bondmärkten fiel der Preis für eine bis Mai 2023 laufende und mit 5,9 Prozent verzinste Anleihe des Unternehmens um weitere 2,8 Prozent nach einem Absturz von mehr als 50 Prozent seit vergangener Woche. Auch die Anleihen anderer chinesischer Immobilienkonzerne verloren deutlich an Wert. Zeitweise hatte die chinesische Börse den Handel mit Anleihen vor einigen Tagen wegen Kursturbulenzen aussetzen müssen.

300 Milliarden Dollar Schulden

Zwar hat Evergrande keine Anleihen mit einer Laufzeit bis 2021, dennoch schätzt Fitch, dass der Konzern allein im September Zinszahlungen für Anleihen von 129 Millionen US-Dollar und vor Jahresende 850 Millionen US-Dollar leisten muss. Im Juni war Evergrande mit Bond-Zinszahlungen in Verzug geraten, was die Talfahrt an den Börsen beschleunigt hatte.

Das Unternehmen hat auch mit fälligen Zahlungen an Lieferanten zu kämpfen. So hatte Evergrande Börsendokumenten zufolge Ende August ausstehende Verbindlichkeiten in Höhe von 562 Millionen Yuan (umgerechnet 87 Millionen Dollar) gegenüber seinem Lieferanten Skshu Paint. Insgesamt soll der Immobilienkonzern auf einem Schuldenberg in Höhe von umgerechnet mehr als 300 Milliarden Dollar sitzen.

Investoren fürchten bei einem Zusammenbruch von Evergrande Schockwellen für das chinesische Bankensystem. "Seine riesige Bilanz wird einen echten Dominoeffekt auf China haben", sagte Nomura-Ökonom Lu Ting. "Wenn Finanzinstitute Geld verlieren, werden sie die Kreditvergabe an andere Unternehmen und Sektoren einschränken." Branchenbeobachtern zufolge gibt es aber mittlerweile deutliche Anzeichen dafür, dass die Behörden eingreifen, um eine harte Landung von Evergrande zu vermeiden, da man die "sozialen Auswirkungen" eines Zusammenbruchs fürchte.

Quelle: ntv.de, jga/rts

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