Wirtschaft

Veränderungen kosten Jobs Daimler-Betriebsrat fürchtet "Ausbluten"

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Nicht nur in Untertürkheim sollen Arbeitsplätze wegfallen.

(Foto: Tom Weller/dpa/Archivbild)

Die Corona-Pandemie und der zunehmende Abschied vom Verbrennungsmotor machen Daimler zu schaffen. Betriebsrats-Chef Brecht fordert die Konzernspitze auf, ihre unternehmerische Verantwortung wahrzunehmen und die Veränderungen nicht auf die Belegschaft abzuwälzen.

Im Streit über die vom Verbrennungsmotor abhängigen Komponentenwerke von Daimler in Deutschland will der Betriebsrat geplante Auslagerungen an Zulieferer verhindern. "Wir akzeptieren nicht, dass unsere Standorte ausbluten, und wir stattdessen Fertigung an Fremdfirmen vergeben", sagte Michael Brecht, Vorsitzender des Daimler-Gesamtbetriebsrates. Auch stelle sich der Betriebsrat gegen eine Verlagerung von Produkten an Daimler-Standorte in Osteuropa mit niedrigeren Lohnkosten.

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"In Zeiten starken Wachstums konnten wir solche Verlagerungen auffangen. Aber jetzt wird der Wind rauer und wir positionieren uns anders." Daimler will die Pkw-Tochter Mercedes-Benz in den kommenden Jahren auf Elektromobilität umkrempeln und schrittweise aus Verbrennungsmotoren aussteigen. Vergangene Woche präsentierte Daimler-Chef Ola Källenius dazu einen neuen Plan, der unter anderem eine zweite, reine Elektroautoarchitektur vorsieht. "Grundsätzlich bin ich froh, dass wir jetzt eine klarere Richtung hin zur Elektrifizierung haben", lobte Brecht, der bislang immer kritisierte, dem Management fehle eine Strategie. "Die grundsätzliche Strategie ist gut und richtig. Aber der Hochlauf der Elektromobilität bringt Probleme mit sich."

Denn vor allem die Komponenten- und Motorenwerke am Stammsitz Stuttgart-Untertürkheim sowie in Berlin, Hamburg und Kölleda stehen unter Veränderungsdruck. Betriebsräte von Untertürkheim und Berlin warnten, in ihren Werken sollten nach dem Plan des Unternehmens bis 2025 zusammen rund 5000 Jobs wegfallen. Daimler nennt dazu offiziell keine Zahlen.

Neue Abläufe und Strukturen

"Es ist einfach zu sagen, ich nehm das alles weg und verlagere das - aber wer das macht, drückt sich vor der unternehmerischen Verantwortung", kritisierte Brecht. Dass Arbeitsplätze mit dem Umschwung zu weniger arbeitsintensiv hergestellten Elektroautos verschwinden, bestreitet der Betriebsrats-Chef nicht. Doch es dürften nicht so viele Stellen so schnell wegfallen. Stattdessen müssten Abläufe geändert werden. "Die Menschen haben es verdient, dass sich das Management Gedanken über neue Strukturen macht."

Für die Motivation der Belegschaft sei es nicht gut, wenn die Medien über den Abbau Zehntausender Stellen berichteten. Eine Protestwelle der Beschäftigten, wie sie gerade beim Zulieferer Continental gegen Werksschließungen und Stellenabbau läuft, plant der Daimler-Betriebsrat aber nicht. "Ich setze zunächst auf vernünftige Gespräche mit dem Management. Ich glaube, dass wir Lösungen finden werden", sagte Brecht.

Mobilitätsdienstleistungen kein Kerngeschäft

Wegen des herrschenden Kostendrucks riet Brecht, das Engagement beim Car-Sharing und anderen Mobilitätsdiensten einzustellen. "Vor einem Jahr noch hieß es, ohne Mobilitätsdienstleistungen wären wir nicht mehr überlebensfähig, sonst werden wir abhängig von digitalen Plattformunternehmen", sagte Brecht. Mittlerweile sei große Ernüchterung über die Geschäftsaussichten der gemeinsam mit BMW im Joint Venture "Your Now" betriebenen Dienste eingetreten.

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Die Befürchtung, Sharing-Dienste könnten den Wunsch nach dem eigenen Auto verdrängen, bewahrheitete sich bisher nicht. Der Slogan "Vom Automobilhersteller zum Mobilitätsdienstleister" ist schon vor einiger Zeit aus Daimlers Firmenpräsentationen verschwunden. "Wir sind nicht an einem Punkt, wo sich Sharing-Modelle breit durchsetzen. Selbst (der US-Fahrdienstvermittler) Uber verbrennt eine Milliarde nach der anderen", sagte Brecht.

Der Spardruck auf die Produktionsstandorte sei mit dem Umschwung zu Elektroautos und wegen der Corona-Krise so hoch, dass der Autobauer für solche Dienste kein Geld "rausblasen" müsse. "Wenn wir nicht in der Lage sind, ein profitables Geschäft daraus zu machen und mittlerweile sehen, dass wir nicht abhängig werden als Bittsteller von Plattformen, stellt sich die Frage: Muss ich das überhaupt tun?", sagte Brecht. Unter dem Label "Now" betreiben Daimler und BMW seit Anfang 2019 zusammen das Car-Sharing "Share Now", die Taxi- und Fahrdienstvermittlungen "Free Now" und "Reach Now", die App "Park Now" zur Parkplatzsuche und die Ladestationen-Plattform "Carge Now" für E-Autos. Herzstück ist die stationsunabhängige Kurzzeit-Automiete, die Daimler 2008 mit "car2go" startete und BMW drei Jahre später mit "DriveNow" anbot.

Quelle: ntv.de, Ilona Wissenbach, rts