Wirtschaft

Geduldsprobe für Reisende Darum streikt die EVG

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Auch nach Ende des Warnstreiks um 9.00 Uhr gab es noch über Stunden Zugausfälle und Verspätungen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für Hunderttausende Pendler beginnt die Woche mit Zugausfällen und Verspätungen im Regional- und Fernverkehr sowie bei den S-Bahnen. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) rief zu Arbeitsniederlegungen auf. Der Abbruch der Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bahn kam überraschend.

Wieso hat die EVG gestreikt?

Von Freitag auf Samstag hatte die Bahn in Hannover die ganze Nacht hindurch mit der EVG sowie separat mit der GDL verhandelt. Beide Gewerkschaften fordern 7,5 Prozent mehr Geld und den Ausbau eines 2016 vereinbarten Wahlmodells, bei dem Beschäftigte zwischen Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen und mehr Urlaub entscheiden können. Insgesamt geht es um rund 160.000 Beschäftigte. Weil die Deutsche Bahn der EVG bei der Lohnerhöhung aus deren Sicht zu wenig entgegengekommen ist, fuhren von 5.00 bis 9.00 Uhr keine ICEs und Intercitys, auch im Regionalverkehr kam es zu Einschränkungen.

Wie sah das Angebot der DB aus?

Zum Tarifangebot gehörten nach Bahn-Angaben eine Entgelt-Erhöhung von insgesamt 5,1 Prozent in zwei Stufen und eine Einmalzahlung von 500 Euro. Anstelle der zweiten Stufe sollte den Mitarbeitern erneut die Möglichkeit eröffnet werden, mehr Freizeit zu wählen. Außerdem sei vorgesehen gewesen, dass der Arbeitgeberbeitrag zur betrieblichen Altersvorsorge um 1,1 Prozent steigt. Die Deutsche Bahn sollte dies nach Darstellung der EVG aber erst ab Anfang 2021 ermöglichen wollen. Die Bahn hatte 29 Monate Laufzeit vorgeschlagen, die EVG strebte 24 Monate an.

Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG)

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) organisiert rund 99.000 Beschäftigte bei der Deutschen Bahn (DB), größtenteils Servicepersonal am Bahnhof und im Zug, aber auch einige Lokführer. Damit ist sie die größte Bahn-Gewerkschaft. Chef der EVG ist Alexander Kirchner, der auch als Vize-Vorsitzender im Bahn-Aufsichtsrat sitzt.

Die EVG ist vergleichsweise jung. Sie wurde erst vor acht Jahren als Zusammenschluss aus den Gewerkschaften Transnet und GDBA gegründet und ist Mitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Insgesamt hat die EVG rund 190.000 Mitglieder in großen Teilen des Verkehrsbereiches: Busfahrer gehören ihr ebenso an wie Binnenschiffer.

Wieso hat die EVG das Angebot der Deutschen Bahn abgelehnt?

EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba wirft der Bahn vor, die Arbeitgeber hätten nur Angebote vorgelegt, "die nicht den Forderungen unserer Mitglieder entsprachen". Dass die Beschäftigten den Bahnverkehr in weiten Teilen lahmlegten, ist nach Darstellung des EVG-Sprechers Uwe Reitz nötig gewesen. Dabei sei ein Verhandlungsergebnis in der vierten Gesprächsrunde möglich gewesen. "Wir waren kurz davor". Dann aber habe die Bahn die Gespräche vertagen wollen, obwohl die EVG klar gemacht habe, dass sie dann nicht weiter sprechen werde. Es gehe in dem Konflikt derzeit aber sowieso weniger um das reine Lohnangebot, sondern ganz besonders um die Laufzeit eines neuen Tarifvertrages und hier gebe es noch erhebliche Meinungsverschiedenheiten.

An dem vierstündigen Warnstreik nahmen mehrere tausend Mitglieder teil wie Bundesgeschäftsführer Torsten Westphal sagte. "Es gab einen große Bereitschaft, weil es auch einen großen Unmut gab." Kritik am Ausmaß des Arbeitskampfes wies er zurück. "Wir halten den Warnstreik für verhältnismäßig." Die Aktionen seien zum großen Teil von den Mitgliedern selbst gesteuert worden.

Wie hat die Deutsche Bahn reagiert?

Für die Deutsche Bahn ist der Warnstreik eine "völlig überflüssige Eskalation". Man habe ein Paket im Volumen von insgesamt sieben Prozent in Aussicht gestellt. Bei diesem Angebot den Verhandlungstisch zu verlassen, ist nicht nachvollziehbar und verunsichert völlig unnötig unsere Kunden mitten in der Weihnachtszeit", sagte Personalvorstand Martin Seiler. Er appelliert an die EVG-Führung, "an den Verhandlungstisch zurückzukehren". Die Bahn erklärte, sie sei "jederzeit bereit", die Tarifverhandlungen mit der EVG fortzusetzen und "zügig" zu Ergebnissen in der Tarifrunde zu kommen.

Wird die EVG darauf eingehen?

Die EVG erklärte, man sei bereit, wieder zu verhandeln. Die Deutsche Bahn sei im Anschluss an den Streik auf die Gewerkschaft zugekommen, sagte Rusch-Ziemba. Man prüfe, ob man einen Termin am Dienstag wahrnehmen könne. Bahnkunden müssen zunächst nicht mit weiteren Streiks rechnen.

Wie laufen die Gespräche mit der GDL?

Mit der GDL vertagte sich die Bahn derweil auf diesen Dienstag in Eisenach. Hier sei man kurz vor dem Ziel, sagte Seiler. Die GDL zeigte sich mit dem Verlauf der dreitägigen Verhandlungen bisher "grundsätzlich zufrieden". "Die erzielten Teilergebnisse rechtfertigen die Fortsetzung der Verhandlungen", erklärte ihr Chef Claus Weselsky. So habe man Fortschritte bei der Gestaltung der Schichtpläne erzielt und sich auf die Höhe der Feiertags- sowie Nachtzulagen verständigt. Sollte die Bahn die Erwartungen enttäuschen, werde auch vonseiten der GDL "unmittelbar" reagiert. Vor Weihnachten würden die Lokführer aber nicht streiken: "Wenn, dann rappelt die Kiste im neuen Jahr." Anders als die EVG kann die GDL derzeit nicht zu Streiks aufrufen, sie hat mit der Bahn eine Schlichtungsvereinbarung geschlossen.

Waren die Bahnstreiks verhältnismäßig?

Bundesweit waren insgesamt mehr als 2.200 Züge der Deutschen Bahn von den Streikauswirkungen betroffen. Auch nach Ende des Streiks kommt es beim Fernverkehr weiterhin zu Verspätungen und einzelnen Zugausfällen. In den Reisezentren der großen Bahnhöfe rechnet die Deutsche Bahn bis in die Abendstunden mit einem hohen Andrang.

Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert die massiven Bahnstreiks als überzogen. "Es ist völlig richtig, dass eine Gewerkschaft streiken darf. Das gehört in einer Demokratie dazu", sagte Verbandschef Karl-Peter Naumann der Rheinischen Post. "Diese massive Form der Streiks halte ich jedoch für überzogen, weil es keine rechtzeitige Ankündigung gab. Zudem wurden Berichten zufolge vereinzelt sogar die Ansagezentren bestreikt. Fahrgäste sollten in einer solchen Situation aber wenigstens Informationen an den Bahnsteigen bekommen", sagte Naumann. Er forderte, dass es einen Streikfahrplan geben müsse, damit zumindest eine reduzierte Anzahl an Zügen weiterhin fahren könne.

Quelle: ntv.de, jki/dpa/AFP