Wirtschaft

Iran-Schock bis Ende 2027"Das Energiesystem ähnelt dem Zustand der Deutschen Bahn"

19.03.2026, 17:28 Uhr
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Die Deutsche Bahn leidet unter Missmanagement. Die Energiewende auch, sagt Niels Keunecke. (Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Kleinere und mittlere Unternehmen bekommen keinen Industriestrompreis. Sie haben anders als Autofahrer keine Lobby und anders als große Konzerne keinen Draht ins Wirtschaftsministerium. Ihr finanzieller Puffer? Gering. Ihre Margen? Auch. Steigende Energiekosten sind tödlich. Ihnen bleiben zwei Möglichkeiten, um den Iran-Schock zu bewältigen: Energiefresser finden, dann unabhängig werden. "Eine eigene Solaranlage hat das größte Einsparpotenzial", sagt Niels Keunecke im "Klima-Labor" von ntv. Der Chef von Meistro Energie versorgt 13.000 kleine und mittlere Unternehmen mit Strom und Gas. Seine Prognose ist düster: "Die Energiepreise werden sich wahrscheinlich erst Ende 2027 wieder in normales Fahrwasser bewegen." Eine gut geplante Energiewende mit klaren Vorgaben würde helfen. Doch wie wird Keunecke zufolge genauso gemanagt wie die Deutschen Bahn.

ntv.de: Sie versorgen mehr als 13.000 mittlere und kleine Unternehmen mit Strom und Gas. Wie läuft das ab? Die melden sich einfach bei Ihnen?

Niels Keunecke: Wir vertreiben Strom und Gas über unterschiedliche Vertriebskanäle. Einerseits agieren wir im Großkundensegment. Dort arbeiten wir mit Verbundgruppen zusammen und sind mit ausgewählten Vertriebspartnern unterwegs. Im Kleinstkundenbereich nutzen wir tatsächlich Vergleichsportale.

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"Die Unternehmen sehen: Unsere Abhängigkeiten haben sich seit 2022 eigentlich nur geopolitisch von Ost nach West verschoben", sagt Niels Keunecke. (Foto: Meistro Energie)

Privatkundenverträge laufen in der Regel über ein Jahr. Wie ist das im gewerblichen Bereich?

Tendenziell wünschen sich Unternehmen Planungssicherheit. Wir schließen deshalb viele Festpreisverträge mit einer Laufzeit zwischen drei und fünf Jahren ab.

Ein externer Preisschock wie der Iran-Krieg wirkt sich im besten Fall also gar nicht auf die Energiekosten aus?

Unsere Kunden haben auch die Möglichkeit, dynamische Verträge abzuschließen. Dort sind die Kosten derzeit vergleichsweise hoch. Die müssen auf ein schnelles Ende der Kriegshandlungen hoffen.

Wie stark trifft dieser Energiepreisschock diese Unternehmen insgesamt?

Stark. Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) haben anders als größere Unternehmen wenig Verhandlungsmacht. Der finanzielle Puffer ist gering. Sie haben ihr Geschäft auf Basis der Energiepreise kalkuliert, die es vor dem 27. Februar gab. Alles, was darüber hinausgeht, sind Einschnitte. Die Margen sind gering. Im KMU-Bereich herrscht großer Wettbewerb.

Was empfehlen Sie den betroffenen Unternehmen?

Wir helfen dabei, Energiefresser zu finden. Diese Analyse kann man vergleichsweise kurzfristig machen, um Einsparmöglichkeiten zu finden. Eine andere Option ist die Eigenerzeugung: Die Unternehmen schauen, ob eine kleine Solaranlage auf das Dach passt. Dieses Thema wird bei der Energieberatung ebenfalls erörtert. Das reduziert die fossile Abhängigkeit und zahlt positiv auf die Energiekosten ein.

Unternehmen, die sich selbst versorgen, komme ohne größere Preisausschläge durch den Iran-Schock?

Absolut. Für einige Kunden fangen wir nur Versorgungsspitzen auf. Die beziehen den Großteil ihrer Energie autark über eigene Dachanlagen oder auch Balkonkraftwerke. Das ist gerade bei größeren Verbrauchern im produzierenden Gewerbe des Mittelstands inzwischen der Standard. Das verbessert die Planbarkeit und die Wettbewerbsfähigkeit.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: "Das Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

Sie haben eine Frage an uns? Schreiben Sie E-Mail an klimalabor@ntv.de.

Woher kommt Ihr Strom und Gas?

Wir handeln an unterschiedlichen Marktplätzen, haben feste Partner, nutzen aber auch die Börse. An der Börse sind wir ebenfalls von den aktuellen Preisen abhängig. Mit unseren Partnern können wir langfristige Kontrakte vereinbaren. Damit sichern wir die Festpreise für unsere Kunden mit längeren Laufzeiten ab und stellen Versorgungssicherheit her.

Der Gaspreis ist an den europäischen Handelsplätzen seit Kriegsbeginn um 60 bis 70 Prozent gestiegen. Geben Sie diese Einkaufspreise an Ihre Kunden weiter?

Teilweise. Das müssen wir. Ein Preisunterschied von 70 Prozent ist signifikant. Den kann ein Energieversorger abpuffern, aber nicht auffangen. So groß sind die Margen nicht.

Im Strombereich auch?

Es gibt bei Strom und Gas eine gewisse Korrelation, weil Gas teilweise zur Stromerzeugung genutzt wird. Aber beim Strompreis sind die Ausschläge kleiner. Deshalb unterstützen wir unsere Kunden dabei, vom Gas wegzukommen und in Richtung Strom zu gehen.

Die Bundesregierung versucht, die Preise für Benzin und Diesel zu senken. Für Gaspreise ist das nicht im Gespräch. Finden Sie das fair?

Das Auto hat natürlich eine ganz andere Lobby als unser Bereich. Dementsprechend stehen die Tankstellen im Vordergrund.

Unter den Gaspreisen leidet aber die gesamte Wirtschaft.

Zumindest der Teil, der in einer gewissen Abhängigkeit zum Gas steht. Diese Unternehmen passen ihre Produktion und ihre Verbräuche bestmöglich an, aber das geht nicht über Nacht. Sie fragen auch nach Solarenergie, denn die Unternehmen sehen: Unsere Abhängigkeiten haben sich seit 2022 eigentlich nur geopolitisch von Ost nach West verschoben. Diese Abhängigkeit kann man nur mit Erneuerbarer-Energie-Erzeugung auflösen. Aber für diese Entscheidung benötigen die Unternehmen Planungssicherheit. Die ist dieser Tage durch die regulatorischen Veränderungen, die wöchentlich kommuniziert oder geleakt werden, eher nicht gegeben.

Sie sprechen von den Entwürfen für Netzpaket und Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Die sind halb fertig und mit neuen Förderstrukturen und Anschlussregeln veröffentlicht worden. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche möchte damit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft stärken. Das hat sie sich auf die Fahne geschrieben. Wird das funktionieren?

Das Problem ist nicht unbedingt, dass die Entwürfe halb fertig bekannt geworden sind, sondern dass man den Technologien, die Gesellschaft und Wirtschaft stärken würden, nicht ausreichend offen gegenübersteht. Das verhindert Wachstum. Sicherlich wird das eine oder andere Unternehmen mit hohen Energieverbräuchen darüber nachdenken, deswegen seine Produktionsstätten ins Ausland zu verlagern.

Wirklich? Wenn man bei den Unternehmen nachfragt, erhält die Energiewende ebenfalls schlechtes Feedback. Im IHK-Energiewende-Barometer bewertet mehr als ein Drittel der Unternehmen die Auswirkungen auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit negativ.

Die Unternehmen meinen damit vermutlich nicht die Energiewende selbst, sondern die Energiepreise. Die Erneuerbaren nehmen inzwischen im deutschen Strommix eine nicht unerhebliche Rolle ein. Deshalb werden sie für die Preise verantwortlich gemacht, obwohl sie eigentlich günstigen Strom erzeugen. Die hohen Preise werden durch Netzentgelte verursacht, aber das sieht man erst auf den zweiten Blick und ist für die Kalkulation letztlich auch egal: Im europäischen Vergleich sind die deutschen Strompreise hoch. Darunter leidet die Wettbewerbsfähigkeit - gerade von Unternehmen, bei denen Energie einen hohen Anteil der Gesamtkosten ausmacht. Darunter ächzt eine Bäckerei genauso wie ein produzierendes Unternehmen.

Sind Sie als Energieversorger in der Lage, den Unternehmen zu sagen, wann die Strompreise nachhaltig sinken werden?

Wir können zwei Dinge sagen: Mit einer Investition in eine eigene PV-Anlage schafft man sich eine feste Größe zum Kalkulieren der Energiepreise. Steht die Anlage auf dem eigenen Gelände, spart man sich sogar die Netzentgelte. Das ist das größte Einsparpotenzial. Das Problem ist: Nicht alle Kunden verfügen über ein eigenes Gebäude oder Grundstück. Gerade Bäckereien oder gastronomische Betriebe befinden sich in Mietverhältnissen.

Und spüren steigende Netzentgelte … wie kommen wir aus dieser Zwickmühle heraus? Ministerin Reiche möchte den Ausbau der Erneuerbaren bremsen, um die Netzentgelte zu senken. Damit bleiben allerdings die fossilen Abhängigkeiten bestehen.

Wir sollten nicht nur auf erneuerbare Energien setzen, sondern benötigen einen sinnvollen Mix unterschiedlicher Technologien für unterschiedliche Szenarien. Momentan wird in diesem Zusammenhang oft von "Technologieoffenheit" gesprochen, aber nicht gelebt.

Inwiefern?

Die Pläne sind sehr fokussiert: Die Energieversorgung wird stark in die Richtung Gas getrieben. Aus den Positionspapieren kann man herauslesen, dass größere Energieversorger offensichtlich Einfluss ausgeübt und Technologieoffenheit de facto verhindert haben. Batterien sind beispielsweise nicht existent. Für den Markt wäre eine Durchmischung unterschiedlichster Technologien aber sinnvoll und wichtig. Nur so können wir unseren Kunden in einem kürzeren Zeitfenster nachhaltig bessere Energiepreise anbieten. Stattdessen diskutieren wir ständig herum, machen zwei Schritte vor und drei zurück. Gewisse Interessen und Einflussfaktoren zahlen negativ darauf ein.

Wie erklären Sie sich das? Eigentlich sind doch alle an niedrigen Energiepreisen und einer starken Wirtschaft interessiert.

Man kann das deutsche Energiesystem mit dem Zustand der Deutschen Bahn vergleichen: Die Arbeit wurde Anfang der 2000er-Jahre eingestellt. Jetzt gibt es großen Modernisierungsaufwand, der nicht über Nacht gelöst werden kann. Auch die hohen Netzkosten sind darauf zurückzuführen, dass Investitionen jahrelang verschleppt wurden. Man hat lieber darüber diskutiert, ob die Stromtrasse überirdisch oder unterirdisch verlegt werden darf - nicht immer sach- und fachbezogen. Dieses Netz fehlt uns heute, um den Strom kostengünstig dort hinzutransportieren, wo er gebraucht wird.

Was schlagen Sie vor?

Kleine, mittlere, aber auch große Unternehmen benötigen einen klaren Weg; keine Unsicherheiten, die zu Belastungen und Frust führen. Dasselbe sehen wir beim Heizungsgesetz: Klare Regeln werden aufgelöst. Stattdessen sind Technologien wie Öl- und Gasheizung wieder eine Option, obwohl niemand weiß, wie 2029 die mit Öl und Gas verbundenen CO2-Preise aussehen.

Wollen Sie eine Prognose abgeben?

Wir haben viele Kunden mit langjährig abgeschlossenen Verträgen. Die sind mit Festpreisen abgesichert. Das ist für den Moment ein enormer Vorteil. Für Kunden mit dynamischen Stromtarifen ist die Situation herausfordernder. Die werden noch eine Weile ächzen - nicht nur dieses Jahr: Selbst wenn der Krieg im Nahen Osten zeitnah endet, deuten die Preise an der Börse darauf hin, dass sich die Energiepreise erst Ende 2027 wieder in normales Fahrwasser bewegen.

Mit Niels Keunecke sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.

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Das Klima-Labor von ntv: Jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert, Spaß macht und aufräumt - ohne Streit, in ausführlichen Gesprächen mit führenden Köpfen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft.



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Quelle: ntv.de

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