Wirtschaft

Oliver Blume im Interview Das sagt der Porsche-Chef zu einem SUV-Verbot

Dass ein Porsche in Berlin vier Menschen überrollt, lässt auch den Chef des deutschen Autobauers nicht kalt. Im Interview mit n-tv drückt Oliver Blume den Hinterbliebenen sein Mitgefühl aus. Die Debatte über ein SUV-Verbot in Innenstädten findet er indes nicht angebracht.

n-tv: Herr Blume, auch bei der IAA spricht man über das fürchterliche Unglück vor wenigen Tagen in Berlin, das vier Menschen das Leben gekostet hat. Das Unfallfahrzeug ist ein Porsche Macan. Seither stehen in Diskussionen die SUV als "Monster der Straße" am Pranger, als "panzerähnliche Fahrzeuge", sogar als "ausgestreckter Mittelfinger der Automobilindustrie". Was entgegnen Sie den Forderungen nach einem SUV-Verbot in Innenstädten?

Oliver Blume: Um zurückzukommen auf den schrecklichen Unfall am Wochenende: Mein Mitgefühl ist bei den Angehörigen jener, die ums Leben gekommen sind. Für mich ist jetzt ein falscher Zeitpunkt, eine solche Diskussion zu führen.

Überrascht Sie die Radikalität der Debatte?

Es gibt ja jetzt schon seit einiger Zeit Strömungen, die sehr radikal auftreten. Ich persönlich habe überhaupt nichts gegen Diskussionen, wenn man da Argumente sachlich miteinander austauscht. Ich bin auch der Letzte, der sich nicht überzeugen lässt - wenn es gute Argumente sind. Mir geht es im Wesentlichen darum, dass man vernünftig miteinander umgeht. Wir als Automobilindustrie werden uns dem natürlich auch stellen. Wir machen das auch im Rahmen der IAA, wir führen einen Bürgerdialog und setzen uns dabei auch mit kritischen Gruppen auseinander. Ich finde, das Entscheidende ist: Man muss miteinander reden.

Mit Blick auf die Neuzulassungszahlen wirkt die SUV-Debatte entkoppelt von der Realität. Fast jeder dritte neu zugelassene Wagen ist ein SUV. Ist das also bloß eine urbane Social-Media-Debatte?

Man muss einmal anschauen, wo SUV sehr beliebt sind - das ist beispielsweise in den USA oder in China. Wenn man die deutschen SUV sieht, sind die deutlich kleiner als das, was sonst auf dem Markt rumfährt. Nichtsdestotrotz kann man sich auch in den deutschen Städten Gedanken machen, ob SUV da die richtigen Fahrzeuge sind. Aber am Ende ist es immer eine Frage, welches Fahrzeug für welchen Kunden richtig zugeschnitten ist. Das muss am Ende auch der Kunde entscheiden. Ich halte relativ wenig von Regulierung. Und wenn man sich in einem SUV wohlfühlt, dann soll man auch einen SUV fahren.

Sie haben selber Kinder. Sind die eher Team Greta oder eher Team SUV?

Der ökologische Fußabdruck

Der ökologische Fußabdruck sagt aus, wie stark der Mensch das Ökosystem beansprucht, um etwa Energie, Nahrung und Holz zu gewinnen. Die Analysen des "Global Footprint Networks" messen den Verbrauch an natürlichen Ressourcen und die Ressourcenkapazität von Nationen über Jahre hinweg. Anhand der Daten - etwa 15.000 Datenpunkte pro Jahr und Land - wird seit 1961 bereits der "Fußabdruck" von mittlerweile mehr als 200 Nationen ermittelt.
Er wird berechnet, indem gegenübergestellt wird, was genau verbraucht und wie viel CO2 von einer Nation ausgestoßen wird. Verbrauch und Ausstoß erfordern produktive Bereiche wie etwa Ackerland für Nahrung und etwa Waldflächen, um CO2 aufzunehmen und wieder aus der Atmosphäre zu entfernen. Diese Werte werden in "globale Hektar" übertragen. Die Summe an Fläche, die benötigt wird, um dem Ressourcenverbrauch und dem CO2-Ausstoß zu entsprechen, ergibt den ökologischen Fußabdruck.

Meine beiden Töchter sind sehr kritisch und vertreten auch Positionen für die Nachhaltigkeit auf der Welt. Ich habe sehr gute Gespräche mit beiden und hinterfrage mich schon manchmal bei einigen Entscheidungen. Ich finde es sehr positiv, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Bei Porsche denken wir Nachhaltigkeit nicht nur im ökologischen Sinn, sondern auch im gesellschaftlichen. In dem Umfeld, wo wir unsere Betriebsstätten haben. Unser großes Ziel ist es, eine Zero Impact Factory zu werden, ohne ökologischen Fußabdruck. Da sind wir ganz gut unterwegs, haben aber auch noch viele Aufgaben vor uns.

Ein Teil dieser Strecke haben Sie mit dem Porsche Taycan, dem ersten kompletten E-Porsche, begangen. Wie viele Taycans - der Wagen hat 761 PS, kostet stolze 150.000 Euro - werden wir auf der Autobahn sehen?

Wir haben erst einmal sehr emotionale Tage hinter uns. In der letzten Woche hatten wir die Weltpremiere an drei verschiedenen Orten - in Deutschland, in China und in Kanada. Gestern dann die Eröffnung der neuen Fabrik in Zuffenhausen, wo wir das Fahrzeug CO2-neutral fertigen. Und heute sehen wir den Wagen auf der IAA. Wir haben schon sehr viele Vorbestellungen im Haus - rund 30.000. Wir waren selbst davon überwältigt, weil das im Wesentlichen Kunden waren, die das Fahrzeug noch nicht gesehen haben und es auch noch nicht gefahren sind.

Sie wirken sehr stolz auf dieses Fahrzeug. Aber wollten Sie eigentlich in E machen oder mussten Sie das, aufgrund des Diesel-Skandals?

Für uns war das eine ganz logische Konsequenz. Wir haben vor vier Jahren Nachhaltigkeit als eine feste Säule unserer Unternehmensstrategie formuliert und haben uns dann nachhaltige Antriebsformen angesehen. Das war noch vor dem Diesel-Skandal und noch vor den zunehmenden Umweltdiskussionen. Wir sind dann zu einem logischen Schluss gekommen: dass die Elektromobilität anderen nachhaltigen Energieformen überlegen ist - dem Wasserstoff und E-fuels. Das ist die reifste Technologie. Elektromobilität passt auch sehr gut zu Porsche, sie ist sehr sportlich. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Elektromobilität im Motorsport gemacht. Unser dreimaliger Le-Mans-Sieger in der jüngeren Vergangenheit hatte einen Hybridantrieb. Wir transportieren Technologien von der Rennstrecke auf die Straße.

Vier Jahre Bauzeit für den Taycan ist schon Rekord. Wurde der Prozess beschleunigt durch den Diesel-Skandal?

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Oliver Blume und der Taycan auf der IAA

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Zeit ist in der Tat sehr, sehr eng gesteckt gewesen. Aber das waren unsere eigenen Vorgaben. Ein Diesel-Skandal beschleunigt dabei nicht. Das liegt mehr an einer detaillierten Planung. Und an der großen Unterstützung, die wir baulich vom Land Baden-Württemberg und von der Stadt erfahren haben, die uns bei den Genehmigungen unterstützt haben, in der Projekt-Umsetzung. Und natürlich der enorme Einsatz der Porsche-Mannschaft.

Autos geben uns Freiheit. Wie sieht es denn mit der E-Freiheit aus, wenn ich mangels Ladestationen, mangels Reichweite nicht dahin komme, wohin ich möchte? Sie sprachen eben von 3000 Kilometern Taycan-Reichweite in 24 Stunden, inklusive Ladezeit - aber was, wenn ich einfach nur von Berlin nach Köln kommen möchte? Das schafft der Taycan nicht in einem Stück …

Die Akzeptanz der Elektromobilität hängt ganz stark von attraktiven Produkten ab. Wir denken, dass wir mit dem Taycan geliefert haben. Es liegt aber natürlich auch an der Lade-Infrastruktur. Wir bei Porsche haben die Initiative ergriffen und ein Joint Venture auf die Straße gebracht - Ionity. Gemeinsam mit anderen Automobilherstellern soll es ein Ladenetz in Europa installieren, das rund alle 100 Kilometer eine Schnellladesäule hat. Und eines will ich auch nochmal ganz deutlich sagen, auch wenn dieses Auto extrem innovativ ist: Wir stehen hier noch am Anfang der Elektromobilität und genauso mit der Ladeinfrastruktur. Man kann sich das in etwa so vorstellen wie in den 50er-, 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Da mussten auch erstmal die Tankstellen aufgebaut werden. So wird das jetzt auch mit Elektrofahrzeugen passieren. Wir wissen, wie das Ganze geht. Wir müssen das jetzt anpacken - gemeinsam, in den verschiedenen Ländern. Und da bin ich sehr zuversichtlich, dass das in den nächsten vier bis fünf Jahren sehr, sehr schnell vorangehen wird.

Die deutschen Strompreise suchen europaweit Ihresgleichen. Muss Strom billiger werden, damit Elektromobilität sich für Kunden lohnt?

In erster Linie müssen wir die Energiewende beschleunigen. Wir haben heute noch rund 40 Prozent Kohleanteil in unserer Energiegewinnung in Deutschland. Es muss ein klares Ziel sein, das Ganze immer weiter in Richtung regenerative Energien zu wandeln. Bei Porsche setzen wir seit zwei Jahren zu 100 Prozent Naturstrom ein. Das Thema Preise spielt natürlich auch eine Rolle, um das Ganze attraktiv für die Kunden zu machen.

Die Energiewende hat den Strom in Deutschland ja so unfassbar teuer macht. Wäre das eine Forderung an die Politik, die Strompreise zu senken?

Man muss alles gesamtheitlich sehen. Mit einem klaren Programm Infrastruktur aufbauen. Mit einem klaren Programm die Energiewende beschleunigen. Und dann mit einem klaren Programm das Ganze benutzerfreundlich machen - und natürlich auch erschwinglich.

Heute kamen neue Zahlen heraus: Von ungefähr 30.000 beantragten Ladestationen sind gerade mal 18 Prozent genehmigt worden. Es mangelt nicht an Geld, es mangelt an schneller Bürokratie. Würden Sie sich da mehr Geschwindigkeit von den Behörden wünschen?

Absolut. Wir stellen fest, dass wir gerade in Deutschland mit unserem Startup Ionity mit der überregulierten behördlichen Genehmigung große Zeitverzögerung bekommen. Wir haben da die Vergleiche zu anderen Ländern, wo das deutlich zügiger geht. Und wenn wir dort Unterstützung erfahren könnten, dann begrüße ich das absolut. Am Ende muss sich das gemeinschaftlich zusammensetzen. Die Politik, aber auch die Energieversorger und die Autohersteller. Wir sind bereit, dass wir dort mithelfen für ein gemeinsames großes Programm, um das Ganze in Deutschland zu beschleunigen.

Ein Elektromotor erfordert nicht mal halb so viele Arbeitskräfte wie ein Verbrennungsmotor. Dennoch haben Sie, so heißt es, in Zuffenhausen investiert - auch in Arbeitskräfte. Wie passt das zusammen?

Zunächst mal ist der Unterschied nicht so riesig, wie das immer dargestellt wird. Wir reden da ja über die Aggregatemontage. Klar hat der Elektromotor weniger Teile. Aber wenn man das gesamte Fahrzeug sieht, dann ist es schon gar nicht mehr ganz so erheblich. Auf der anderen Seite bieten Elektrofahrzeuge nochmal ganz andere Chancen, auch qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen. Wir haben mit dem Taycan ein gutes Beispiel vorgelegt, in Deutschland zu produzieren - in einem Hochlohnland, weil wir denken, dass wir da die qualifiziertesten Leute haben. Wir haben nochmal zusätzlich 1500 Arbeitsplätze in Stuttgart-Zuffenhausen aufgebaut. Das ist ein gutes Beispiel, mit dem wir vorangehen.

Wird es auch den 911er als E-Auto geben?

Als komplettes E-Auto? Nein. Dafür ist der Wagen nicht konzipiert. Wir haben die Plattform aber vorgehalten, um möglicherweise ein Plug-in-Fahrzeug daraus zu machen. Da warten wir die nächste Evolutionsstufe der Batterien ab und dann kann man in Zukunft den 911er auch als Hybridantrieb erwarten.

Hier auf der IAA sind die Hallen teils halb leer. Der Automobilbranche insgesamt geht es nicht wirklich blendend. Was sind aktuell die drei größten Gefahren für Ihre Branche?

Porsche SE
Porsche SE 67,54

Wichtig ist dass, dass unsere Branche mit klaren Strategien vorangeht und mit Mut auch beherzte Themen anpackt. Dass man nicht diskutiert, sondern handelt. Man muss nicht alles immer richtig machen. Durch Fehler lernt man auch.

Aber was sind die größten Gefahren? Ist es der Handelskrieg zwischen den USA und China? Ist es der drohende Brexit? Ist es Technikfeindlichkeit?

Der Handelskrieg ist ein Risiko. Wir stehen für freien Welthandel. Und ich hoffe, dass sich die Themen dort auch ordentlich lösen werden. Auf der anderen Seite sind es natürlich auch Veränderungen in der Gesellschaft, die wir aber als Automobilindustrie mittragen können, wenn wir sie annehmen - wie wir das jetzt mit der Elektromobilität bei Porsche machen. Es geht um verantwortliches Handeln der Automobilindustrie. Dann sehe ich eine sehr positive Perspektive. Denn Mobilität brauchen wir alle.

Manche Wirtschaftsforscher sind überzeugt davon, dass ein Brexit ohne Deal besser wäre, als den Austritt noch einmal zu verzögern. Sehen Sie das genauso?

Am liebsten wäre es mir, wenn wir diese Diskussion überhaupt nicht hätten. Ich bin immer noch der Hoffnung, dass wir am Ende eine geregelte Vereinbarung haben statt eines No-Deal-Brexits. Das ist weder für Großbritannien gut noch für die Europäische Union. Wir warten ab, was in den nächsten Wochen passiert.

Wir haben über Vorurteile gesprochen gegenüber SUV. Es gibt aber auch Vorurteile gegenüber Porsche-Fahrern. Sie sind einer. Wie sieht denn Ihr Flensburger Punktekonto aus?

Im Moment bin ich bei null. Das kommt aber daher, weil wir in Stuttgart sehr viele Blitzer stehen haben und dadurch habe ich mich jetzt in der letzten Zeit selbst diszipliniert, da sehr aufmerksam zu fahren.

Wenn Sie in Deutschland unterwegs sind, nicht als Porsche-Chef, sondern als Autofahrer - auf Autobahnen, in Innenstädten: Was nervt Sie am meisten? Sind es Baustellen? Ist es das Handy-Netz, das zusammenbricht? Was sind die größten Aufreger für Sie?

In Deutschland nervt mich am meisten die große Verkehrsdichte, die wir haben. Ich bin auch häufig in anderen Ländern unterwegs, gerade im Sommer. Wenn man dann über die deutsche Grenze fährt und auf einmal merkt, dass die Autobahnen richtig voll werden - aus verschiedenen Ursachen, weil sehr viele Autos auf den Straßen sind, weil wir sehr viel Transitverkehr haben, weil wir sehr viele Baustellen haben. Da wünsche ich mir einfach, dass man da auch in der Organisation von Baustellen immer darauf achtet, zu welchem Zeitpunkt man die macht. Wann sind sie tatsächlich notwendig? Ich liebe freie Fahrt. Und wenn man mit einem Porsche unterwegs ist, dann natürlich ganz besonders.

Mit Oliver Blume sprach Tanit Koch

Quelle: n-tv.de

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