Wirtschaft

Gegenteil von FaulheitDebatte um Krankenstand macht Experten fassungslos

22.01.2026, 19:13 Uhr Christina-LohnerVon Christina Lohner
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Blaumachen ist laut Psychologen wenig verbreitet und vor allem die Folge der herrschenden Arbeitsbedingungen. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Die Diskussion um die Fehlzeiten deutscher Arbeitnehmer läuft aus Sicht von Arbeitspsychologen gründlich schief. Die Kritik widerspricht fundamental wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die politischen Forderungen könnten die Ausfallzeiten sogar noch verschärfen, heißt es.

Arbeitspsychologen reiben sich in der Diskussion um den Krankenstand der Deutschen die Augen. "Die Debatte ist dermaßen abstrus für uns, dass wir völlig fassungslos sind", sagt Ivon Ames, Vizepräsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen, im Gespräch mit ntv.de. Die Kritik an der Zahl der Fehltage von Arbeitnehmern widerspricht laut der Arbeitspsychologin fundamental den Erkenntnissen aus der Forschung. Kanzler Friedrich Merz hat wiederholt einen zu hohen Krankenstand beklagt und die telefonische Krankschreibung infrage gestellt.

Wer blaumachen will, findet auch ohne telefonische Krankschreibung einen Weg, sagt Ames. Doch die Zahl der Menschen, die sich aktiv so falsch gegenüber ihrem Arbeitgeber verhalten, sei äußerst gering und liege vermutlich in einem niedrigen einstelligen Prozentbereich. Die Ursache fürs Blaumachen sei in den allermeisten Fällen mitnichten in der Persönlichkeit zu suchen. Der Hauptgrund sind laut der Expertin die Arbeitsbedingungen.

"Da muss schon viel in der Beziehung zwischen Arbeitgeber und -nehmer kaputtgegangen sein", sagt Ames, die auch ein eigenes Beratungsunternehmen führt: EVAO, kurz für Evidenzbasierte Arbeitsgestaltung und Organisationsentwicklung. "Wir wissen aus der Forschung, dass Blaumachen häufig ein Selbstschutz ist - der letzte Ausweg vor Arbeitsbedingungen, die ich nicht mehr aushalte." Auch ließen manche Arbeitnehmer lieber einzelne Arbeitstage ausfallen, als am Ende wochenlang zu fehlen.

"Der Weg zur Krankmeldung wird in der aktuellen Debatte ausgeklammert", kritisiert die Psychologin. Blauzumachen sei die Endstufe von kontraproduktivem Verhalten, die Ursachen lägen weit davor. "Die Arbeitsbedingungen werden heute deutlich schlechter eingeschätzt als noch vor einigen Jahren." Immer mehr Zeit- und Leistungsdruck, immer weniger Planbarkeit, und die Grenzen zum Privaten verschwimmen zunehmend.

Viel Druck, wenig Wertschätzung

Der Arbeitsalltag hat sich Ames zufolge in den vergangenen Jahren massiv verdichtet. Viele Arbeitnehmer werden einerseits mit Informationen regelrecht überschwemmt, während ihnen auf der anderen Seite Informationen für ihre Aufgaben fehlen. Vielfach entsteht Überlastung durch hohen Zeitdruck kombiniert mit wenig Wertschätzung. "Dann fühle ich mich austauschbar, nicht als Mensch mit meinen Fähigkeiten gesehen", erläutert die Psychologin. Wenn auch die Führungskräfte selbst diesen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind und weder die Zeit noch die Fähigkeiten haben, Unterstützung und Wertschätzung zu geben, entsteht eine "absolute Negativspirale", mahnt Ames.

Wenn Blaumachen herauskommt, müssten Unternehmen eigentlich dankbar sein, sagt die Psychologin. "Das ist der absolute Indikator, dass etwas getan werden muss." Andernfalls steigen auch die echten Krankentage sowie die Fluktuation. "Das ist der letzte Stoß zu schauen, was ein Arbeitgeber für die Beschäftigten verändern kann."

Ames
Ivon Ames ist Arbeitspsychologin und Unternehmerin. (Foto: Privat)

Falls nun - wie etwa die Union fordert - Krankschreibungen erschwert werden oder auch die Arbeitszeit erhöht wird, verschärfe sich die Negativspirale, warnen die Psychologen. "Das führt genau zum Gegenteil von dem, was wir eigentlich möchten: Motivierte Beschäftigte, die gerne Leistung zeigen und damit auch unsere Wirtschaftlichkeit im gesamten Land erhöhen", sagt Ames. Dies liege in der Natur des Menschen: "Wir sind soziale Wesen, die Erfolge feiern wollen. Leistung und Wachstum sind genuine Ziele. Menschen wollen ihren Job gut machen."

Nicht gut gestaltete Arbeitsbedingungen könnten dies jedoch komplett eindämmen - so dass Arbeitnehmer nicht mehr leistungs-, sondern höchstens noch arbeitsfähig sind. Ames' Forschung ergab, dass ein Viertel der Arbeitnehmer mehrmals pro Woche Schlafprobleme hat. Die Produktivität sei schon längst gestiegen, allerdings innerhalb eines Acht-Stunden-Tages, stellt Ames klar - "Produktivität an Erschöpfungsgrenzen". Die Fehltage hätten zugenommen, weil die täglichen Anforderungen für viele Menschen nicht mehr positiv bewältigbar seien.

Über die eigene Belastung sprechen

Statt noch mehr Druck sollte die Antwort auf einen hohen Krankenstand deshalb sein, die Arbeitsbedingungen zu analysieren, um nach den Ursachen zu suchen. Eine Attestpflicht ab dem ersten Tag beispielsweise wäre Ames zufolge "höchstgradig kontraproduktiv". "Das ist, als würden Arbeitgeber das Klopapier weglassen, damit es nicht geklaut wird" - statt zu fragen, warum es geklaut wird. Führungskräfte müssten dafür qualifiziert werden, Arbeitsbedingungen gut zu gestalten. "Auch dieses Wissen fehlt heute", bedauert Ames.

Dabei kann jede Arbeit gut gestaltet sein, unabhängig etwa von der Branche. Stör- und Frustfaktoren unterscheiden sich nur je nach Tätigkeit. Der Arbeitsalltag müsse auch kein "rosafarbenes Wolkenschloss" sein, betont die Psychologin. Menschen in jeder Tätigkeit wüssten recht gut, was sie erwarten können. Nur sollten die Bedingungen so gestaltet sein, dass sich die Beschäftigten an der Bettkante dafür entscheiden, zur Arbeit zu gehen. Dabei gebe es keine Unterschiede nach Beschäftigtengruppen. "Das ist kein Generationending, das ist völliger Quatsch."

Wer nicht nach Belastungen gefragt wird, sich aber überfordert fühlt, dem empfiehlt die Expertin, mit Vertrauenspersonen innerhalb des Unternehmens darüber zu sprechen. "Die meisten denken, sie sind die einzigen 'Schwachen', dabei handelt es sich um strukturelle Probleme." Aus Interviews mit Führungskräften weiß Ames, dass diese oft überrascht sind und gerne früher von der Belastung der Beschäftigten gewusst hätten. "Auch Führungskräfte sind Arbeitnehmer, ihre Ohren sind offener, als viele denken."

Auch weil die meisten Betroffenen nicht darüber sprechen, verstehen Arbeitgeber laut der Arbeitspsychologin oft nicht, warum eine hohe Fluktuation herrscht. Erst im letzten Schritt sollten Betroffene hinterfragen, ob ein Jobwechsel sinnvoll ist. "Wenn alles nichts hilft und ich nur gegen Wände laufe."

Arbeitgeber sind Ames zufolge auch selbst überfordert, "sie sind definitiv nicht die Bösen". Der Psychologenverband sieht deshalb auch die Politik in der Pflicht, mehr fachliche Unterstützung bereitzustellen. So stamme das Arbeitssicherheitsgesetz aus den 1970er Jahren. Ames: "Unternehmen wollen Arbeitnehmer nicht ausnutzen, sondern gute Arbeitsbedingungen gestalten."

Quelle: ntv.de

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