Politik

Fakten in aufgeladener DebatteWie krank sind die Deutschen wirklich?

20.01.2026, 17:26 Uhr DSCF2333-2-Zuschnitt-AutorenboxVon Friederike Zörner (Text) und Martin Morcinek (Daten)
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Die politische Botschaft der Bundesregierung ist eindeutig: Die deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind zu viele Tage im Jahr krank. Das muss sich ändern. Doch geben die Zahlen einen negativen Trend überhaupt her? Und was sagen die Statistiken konkret aus?

Es ist der vielfach geäußerte Verdacht der mangelnden Leistungsbereitschaft und des angeblichen Blaumachens, der am Wochenende vom Bundeskanzler zu vernehmen ist. Laut Statistischem Bundesamt kamen die Beschäftigten in Deutschland durchschnittlich auf 14,8 Krankentage im Jahr 2024. Im Vergleich zu 2021 ist das ein Anstieg von 3,6 Tagen. Friedrich Merz ist entsetzt. "Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?", fragte er bei einer Wahlkampfveranstaltung im baden-württembergischen Bad Rappenau.

Man müsse sich darüber unterhalten, wie man Anreize schaffe, dass die Menschen ihrer Beschäftigung nachgingen, fuhr er fort. Die telefonische Krankschreibung nannte er als Beispiel. Diese gilt seit 2021, die Union dringt auf eine Abschaffung. "Während der Coronazeit begründet richtig, heute immer noch?", fragte der Kanzler. Am Montag pflichtete ihm seine Gesundheitsministerin Nina Warken bei. Sie wolle die telefonische Krankschreibung überprüfen lassen, sagte die CDU-Politikerin dem "Tagesspiegel". "Im internationalen Vergleich ist der Krankenstand in Deutschland hoch". Darauf hinzuweisen sei in keiner Weise gegen diejenigen gerichtet, die aufgrund von Krankheit arbeitsunfähig sind. "Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die niedrigschwellige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung missbräuchlich ausgenutzt werden kann."

Ist das so? Und wie steht es um die Krankheitstage der erwerbstätigen Bevölkerung? Fragen und Antworten, um die Debatte mit Fakten aufzuwerten.

Wie hoch ist der Krankenstand in Deutschland?

Dazu gibt es je nach Quelle unterschiedliche Angaben - und Zählweisen. Von Friedrich Merz wurde das Statistische Bundesamt zitiert. Dieses erfasste für das Jahr 2024 14,8 Arbeitstage, an denen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Durchschnitt krankgemeldet waren. Nach einer aktuellen Analyse der Krankenkasse DAK-Gesundheit waren die dort versicherten Beschäftigten im Jahr 2025 durchschnittlich 19,5 Kalendertage krankgeschrieben. Im Vergleich zum Vorjahr sei der Krankenstand mit 5,4 Prozent stabil geblieben. Diese Zahl stellt den Anteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dar, die vorübergehend arbeitsunfähig sind.

Im Dezember veröffentlichte die Techniker Krankenkasse, bei der rund sechs Millionen Erwerbstätige versichert sind, Zahlen zum Krankenstand zwischen Januar und November 2025. Im Schnitt waren die versicherten Erwerbspersonen in diesem Zeitraum 16,98 Tage krankgeschrieben - ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (17,58 Tage). Tatsächlich dürfte die Zahl der durchschnittlichen Ausfalltage noch höher sein. So würden die "Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, auf denen zum Beispiel die Statistiken der gesetzlichen Krankenkassen beruhen, in der Regel erst ab drei Tagen abgegeben", schreibt das Statistische Bundesamt.

Wieso haben die Krankheitstage in den vergangenen Jahren so zugenommen?

Das liegt nach einhelliger Experteneinschätzung an der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung am 1. Januar 2022. "Diese führt zu einer vollständigeren Erfassung der Arbeitsunfähigkeit, da vor allem kurze Arbeitsunfähigkeiten häufiger an die Krankenkasse gemeldet wurden", schreibt das Statistische Bundesamt. Der Anstieg der Krankheitstage entstehe nicht, "weil die Leute auf einmal schlagartig mehr krank sind, sondern weil in der Vergangenheit, als das alles mit Papierform gemacht wurde, viele Fälle von Arbeitsunfähigkeit gar nicht in der Statistik aufgetaucht sind", sagt auch Sozialwissenschaftler Stefan Sell im Gespräch mit ntv. Die ausgedruckten Bescheinigungen seien teilweise nicht abgegeben oder eingereicht worden. Seit 2022 übermittelt der Arzt oder die Ärztin diese jedoch direkt an die jeweilige Krankenkasse. Als zweiten Punkt führt Sell eine höhere Sensibilisierung der Menschen ins Feld. Seit der Corona-Pandemie ließen sich die Erwerbstätigen bei Atemwegserkrankungen schneller krankschreiben. So wird unter anderem verhindert, dass sich andere Personen im Betrieb anstecken können.

Hat die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung zu höheren Ausfallzahlen geführt?

Grundsätzlich lässt sich ein Missbrauch nicht ausschließen. Die Statistiken geben allerdings keinen signifikanten Anstieg der Fehlzeiten her. Nicht jede Person könne einfach so eine telefonische Krankschreibung anfordern, sagt Sell. "Sie müssen in der Praxis bekannt sein." Zudem gelte die Regelung nur bei leichten Erkrankungen, insbesondere der Atemwege, wie der Grippe. Diese Art der Krankschreibung könne nur einmalig ausgestellt werden und diene der Entlastung der Praxen, führt der Sozialwissenschaftler aus. "Wenn Sie dann eine Folgebescheinigung brauchen, müssen Sie in die Praxis." Er würde dafür plädieren, "hier die Kirche im Dorf zu lassen, was eine Schuldzuweisung für die hohen Arbeitsunfähigkeitstage angeht". Als Gegenargument führt er die zwischenzeitliche Aussetzung der telefonischen Krankschreibung im Jahr 2023 aus. Einen sichtbaren Effekt auf die Statistiken habe das seinerzeit nicht gehabt.

Welche Erkrankungen führen am häufigsten zu Arbeitsausfällen?

Laut der TK-Auswertung der Monate Januar bis einschließlich November 2025 entfielen durchschnittlich 3,86 Tage auf Erkältungskrankheiten wie Grippe, Corona oder andere Atemwegsinfekte (2024: 4,28 Fehltage; 2023: 4,36 Fehltage; 2022: 5,20 Fehltage). Rückenschmerzen und andere "Erkrankungen des Bewegungsapparats" sorgten je Erwerbsperson für durchschnittlich 2,40 Fehltage (2024: 2,49). Psychische Diagnosen wie zum Beispiel Depressionen oder Angststörungen verursachten im Schnitt 3,47 Krankheitstage (2024: 3,43; 2023: 3,28; 2022: 3,06). Die DAK-Gesundheit ließ die Daten von rund 2,4 Millionen bei der Kasse versicherten Beschäftigten auswerten und kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass 2025 Atemwegsprobleme, psychische Erkrankungen sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen die häufigsten Gründe für Krankschreibungen waren.

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Im Branchenvergleich zeigt die Analyse der DAK-Gesundheit den höchsten Krankenstand im Gesundheitswesen mit 6,2 Prozent. Demnach hatten Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeheimen pro Kopf die meisten Fehltage: durchschnittlich 22,5 Tage pro Jahr. Den niedrigsten Krankenstand hatten versicherte Beschäftigte in der Datenverarbeitungsbranche mit 3,4 Prozent und durchschnittlich nur 12,6 Fehltage pro Kopf und Jahr.

Der aktuellste Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse liefert Daten zum Jahr 2024. Die Autoren machen darin deutlich, dass es berufsabhängig eine sehr große Spannweite hinsichtlich der erkrankungsbedingten Fehlzeiten gibt: "Während für Männer im Berufsfeld 'Verwaltungs-, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Berufe' innerhalb des Jahres 2024 durchschnittlich 11,2 Arbeitsunfähigkeitstage gemeldet wurden, waren Erwerbstätige im Berufsfeld 'Chemiearbeiter/innen, Kunststoffverarbeiter/innen' im Mittel 27,7 Tage krankgemeldet." Die berufsfeldspezifischen Krankenstände unter Frauen würden demnach in der Regel auf einem leicht höheren Niveau weitgehend denen der männlichen Kollegen entsprechen.

Gibt es regionale Unterschiede?

Laut dem TK-Gesundheitsreport 2025 gibt es "traditionell bundeslandabhängig merkliche Unterschiede" bei den Krankheitsfällen. Die geringsten Krankschreibungshäufigkeiten wiesen 2024 Erwerbspersonen aus Baden-Württemberg und Bayern auf. Demgegenüber waren Erwerbspersonen aus Mecklenburg-Vorpommern um 37 Prozent häufiger krankgeschrieben. Während im Südwesten die versicherten Berufstätigen durchschnittlich 15,7 Tage krankgeschrieben waren, seien es im Nordosten 24,6 gemeldete krankheitsbedingte Fehltage. Warum das so ist, kann die Krankenkasse nicht sagen. "Befriedigende und empirisch belegte Erklärungen zu Ursachen für einzelne bundeslandspezifische Ergebniskonstellationen existieren in der Regel nicht", heißt es.

Welche Faktoren beeinflussen die Gesundheit?

Neben dem allgemeinen Gesundheitszustand des jeweiligen Menschen spielen natürlich auch die Arbeit als solche und andere externe Faktoren eine Rolle. Körperlich anspruchsvolle Berufe sind anders fordernd als Büroarbeiten. Fühlt sich ein Mitarbeiter wohl oder gibt es etwa Mobbing und eine hohe Arbeitsbelastung? Nach Ansicht des Wissenschaftlers Sell hat die Unternehmenskultur "einen wirklich starken Effekt auf den Krankenstand". Vor allem Kurzzeitausfälle, zu denen insbesondere jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer neigten, könnten durch gute Führung verhindert werden.

Auch das Alter als solches kann beeinflussen, wie lange eine Person krankgeschrieben ist. Die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung lag 2025 nach Angaben von DAK-Gesundheit bei knapp zehn Tagen. Bei den älteren Beschäftigten über 60 waren es dagegen rund 20 Tage. Das könne an der Schwere der Erkrankungen liegen, etwa wenn es um Krebs oder einen Herzinfarkt gehe, sagt Stefan Sell. Und für alle anderen gesundheitlichen Beschwerden gelte: Unternehmen sollten die gesundheitsgerechte Gestaltung der Arbeitsplätze im Blick behalten, "damit eben die älteren, erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch wirklich bis 67 durchhalten oder vielleicht noch ein Jahr dranhängen können", so Sell. Da sei bei einigen Firmen noch "viel Luft nach oben".

Seit einigen Jahren kommt zudem noch ein anderer entscheidender Aspekt dazu: der menschengemachte Klimawandel. In einer Umfrage der TK, die im September 2025 veröffentlicht wurde, gaben 60 Prozent der Befragten an, dass der Klimawandel ihren Arbeitsplatz und ihre Gesundheit bereits beeinflusst oder in den vergangenen Jahren beeinflusst hat. Beschäftigte, die überwiegend draußen arbeiteten, wie im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft, fühlten sich demnach deutlich mehr von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen (77 Prozent) als Erwerbstätige, die drinnen arbeiten (50 Prozent). Gleiches gelte für die Befragten, die schwer körperlich tätig sind, im Vergleich zu den Berufstätigen, die überwiegend am Schreibtisch sitzen, wie etwa in der Verwaltung (75 Prozent versus 39 Prozent).

Haben Merz & Co. also Unrecht und es gibt gar kein Problem?

Die Zahlen zeigen einen vergleichsweise hohen Krankenstand in Deutschland, der sich in den vergangenen Jahren jedoch nicht erheblich geändert hat. Ein europäischer Vergleich ist aufgrund der verschiedenen Meldeverfahren schwierig. Die Diskussion über Arbeitsmoral, festgemacht an der Krankschreibung, gebe es seit Jahrzehnten, sagt Stefan Sell zu ntv. Doch leider sei nicht festzumachen, wie hoch der Anteil derjenigen sei, die "blaumachen", sich also krankschreiben lassen, obwohl sie arbeitsfähig sind. Das könne man nur durch eine Befragung ermitteln. "Aber Sie können sich vorstellen, die Leute werden da sehr zurückhaltend sein bei den Antworten." Das bedeute, es sei sehr schwer, die Größenordnung herauszubekommen. "Aber was in der Diskussion oft völlig ausgeblendet wird, ist etwas, was wir schon seit vielen Jahren wissen und kennen, nämlich die hohe Zahl an Leuten, die, obwohl sie eigentlich arbeitsunfähig sind, trotzdem arbeiten gehen", sagt der Sozialwissenschaftler. "Wir nennen das hier tatsächlich Präsentismus bei der Arbeit." Diese Gruppe sei spiegelbildlich zu den Blaumachern "mindestens genauso groß". Sie dürfte in der Diskussion nicht vergessen werden.

Quelle: ntv.de

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