Wirtschaft

Risiken bleiben Der Höhepunkt der Inflation ist in Sicht

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Während die Energiepreise auf Erzeugerebene bereits deutlich sinken, zeichnet sich bei den Lebensmitteln noch keine Entspannung ab.

(Foto: IMAGO/Martin Wagner)

Die Inflationsrate kennt seit Monaten nur eine Richtung: nach oben. Die Verbraucherpreise steigen immer schneller, im Oktober um 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Eine so hohe Inflationsrate hatte Deutschland seit mehr als 70 Jahren nicht mehr verzeichnet. Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass der Höhepunkt der Inflationsdynamik, wenn auch noch nicht erreicht, aber zumindest in Sicht ist. Ein Überblick:

Der Ölpreis fällt

Die Haupttreiber der Preise in diesem Jahr waren die hohen Energiekosten. Öl als wichtigster Energieträger weltweit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Seit einigen Monaten nun schon fällt der Weltmarktpreis für Rohöl und liegt inzwischen wieder unter dem Niveau vom Zeitpunkt des russischen Überfalls auf die Ukraine. Auch die Großhandelspreise für Gas sind seit den Rekordhochs im Sommer um rund zwei Drittel eingebrochen.

Der Euro stabilisiert sich

Auch die Schwäche der europäischen Währung hat zu den hohen Preissteigerungen beigetragen. Sie hat etwa mit dafür gesorgt, dass die Spritpreise in Deutschland noch stärker gestiegen sind, als die in US-Dollar notierten Ölpreise. Nachdem der Euro von etwa 1,13 US-Dollar zu Jahresbeginn auf einen Tiefststand von unter 96 US-Cent im September gefallen war und Importe damit deutlich verteuert hatte, hat sich die Gemeinschaftswährung inzwischen wieder leicht erholt, eingeführte Waren werden dadurch tendenziell wieder günstiger.

Normalisierung auf den Weltmeeren

Viele Konsumgüter von Elektrogeräten bis hin zu Blumentöpfen und Fahrrädern, aber auch Vorprodukte für die deutsche Industrie hatten sich auch deswegen verteuert, weil sie plötzlich knapp wurden. Denn der Schiffstransport vor allem aus Asien war zeitweise nahezu kollabiert. Die Preise für teils monatelang verspätete Container hatten sich vervielfacht. Die Situation auf den Weltmeeren und in den meisten Häfen hat sich inzwischen allerdings weitgehend normalisiert. Laut dem Institut für Weltwirtschaft stecken erstmals seit über einem Jahr weniger als zehn Prozent der global auf Handelswegen befindlichen Güter im Stau, das heißt auf Schiffen, die nicht weiterfahren können, etwa weil kein Platz im Zielhafen frei ist. Die Kosten für den Containertransport sind von ihrem Höchststand wieder um mehr als 80 Prozent eingebrochen.

Erzeugerpreise sinken

Während die Inflation, die die Steigerung bei den Verbraucherpreisen misst, bis zuletzt noch stark zugelegt hat, sind die Preise, die die Produzenten für ihre Erzeugnisse "ab Fabriktor" aufrufen, im Oktober im Vergleich zum September sogar bereits gefallen. Das wird sich noch nicht unmittelbar in sinkenden Verbraucherpreisen niederschlagen. Bislang hatten viele Erzeuger und Händler ihre gestiegenen Kosten noch gar nicht vollständig an die Endverbraucher weitergegeben. Deshalb planen viele von ihnen Preiserhöhungen in den kommenden Monaten. Aufgrund der sinkenden Erzeugerpreise könnten diese noch anstehenden Erhöhungen - und damit die Inflationsrate - geringer ausfallen als in den vergangenen Monaten. Zwar sind nicht alle Erzeugerpreise gesunken. Insbesondere bei Lebensmitteln gab es bis zuletzt deutliche Anstiege. Da diese in dem Warenkorb, der der Inflationsmessung zugrunde liegt, einen kleineren Anteil haben als etwa Energiekosten, dürfte die Entwicklung im Saldo entlastend wirken.

Entlastungsmaßnahmen kommen

Laut den derzeitigen Plänen der Ampel-Koalition sollen Betriebe und Verbraucher im kommenden Jahr durch Gas-, Fernwärme- und Strompreisbremse unterstützt werden. Während die Deckelung der Preise für 80 Prozent ihres Verbrauchs Privathaushalte ab März (dann rückwirkend auch für Januar und Februar) entlastet werden, bekommt die Industrie die finanziellen Hilfen bereits ab Januar. Das könnte wiederum die Erzeugerpreise und damit mittelbar die Verbraucherpreise senken. Insgesamt gehen Ökonomen davon aus, dass das Entlastungspaket der Bundesregierung - je nach Ausgestaltung einiger noch offener Details - die Inflationsrate um mehrere Prozentpunkte drücken könnte.

Lohnpreisspirale bleibt aus

Zuletzt haben die Tarifparteien in einigen Branchen im Vergleich zu den vergangenen Jahren kräftige Lohnerhöhungen ausgehandelt. Bislang blieben die meisten Gehaltssteigerungen jedoch hinter der Inflationsrate zurück. Auch die Vereinbarung von teilweise steuerbegünstigten Einmalzahlungen anstatt dauerhafter Lohnerhöhungen, führt dazu, dass sich Unternehmen nicht dauerhaft steigenden Kosten gegenübersehen. Die befürchtete Spirale aus steigenden Lohnkosten, die Unternehmen veranlassen, die Preise zu erhöhen, weswegen wiederum Arbeitnehmer ihre Lohnforderungen hochschrauben würden. Ob und wie genau sich dieser Mechanismus in der Realität abspielt, ist unter Ökonomen umstritten. Klar ist jedoch, dass derzeit eine solche, befürchtete Lohnpreisspirale in Deutschland nicht zu beobachten ist.

Die EZB steuert - zu spät - um

Vor wenigen Monaten hat die Europäische Zentralbank ihre jahrelange Null- beziehungsweise Negativzinspolitik beendet. Die Erhöhung der Leitzinsen soll dazu beitragen, dass Banken ihre Zinsen bei der Kreditvergabe erhöhen, was Investitionen erschwert und die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen senkt. Weniger Nachfrage wiederum wirkt dämpfend auf die Preise. Allerdings führen Kritiker immer wieder an, dass die Inflation in Europa derzeit nicht auf eine überhitzte Nachfrage, sondern vor allem auf kriegs- und krisenbedingte Angebotseinschränkungen zurückzuführen ist. Darauf hat die Zentralbank mit ihren Instrumenten keinen direkten Einfluss. Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass sich Zinserhöhungen der Zentralbank erst nach mehreren Monaten bis zwei Jahren in der Inflationsrate niederschlagen. Das heißt, dass die aktuellen Entscheidungen der EZB sich im ungünstigsten Fall erst dann voll auswirken, wenn die Inflation aus anderen Gründen bereits gesunken ist und wieder eine lockere Geldpolitik angebracht wäre, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Chinas Lockdowns

Chinas drastische Corona-Maßnahmen haben die Preise in Deutschland auf mehreren Wegen beeinflusst. Einerseits haben die Lockdowns und Betriebsunterbrechungen sowohl in Fabriken als auch in wichtigen Häfen zu Engpässen und Preissteigerungen bei vielen Waren beigetragen. Da die Führung in Peking bis heute grundsätzlich an dieser Null-Covid-Politik festhält, ist dieser Effekt auch in Zukunft nicht auszuschließen. Auf der anderen Seite wurde durch diese Maßnahmen aber die chinesische Wirtschaft so stark geschwächt, dass die globale Nachfrage nach Energie und globalen Rohstoffen inklusive deren Preise stark gebremst wurde.

Risiken für Preissprünge

Bei einigen der beschriebenen Effekte ist zu erwarten, dass sie sich fortsetzen und die Inflation im kommenden Jahr dämpfen. Sicher ist das aber keineswegs. Insbesondere bei den Energiepreisen sind Überraschungen eher die Regel als die Ausnahme. Die europäische Gasversorgung, die derzeit gesichert scheint, hängt am seidenen Faden. Geringfügige Unterbrechungen der Gaslieferungen aus einem oder zwei Lieferländern könnten die Preise wieder nach oben schicken. Wenn Chinas zuletzt schwächelnde Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt, könnten mit steigender Nachfrage auch die Rohstoff- und Energiepreise wieder steigen.

Quelle: ntv.de

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