Wirtschaft

Wirecards inhaftierter Ex-Chef Der neue Budenzauber des Dr. Braun

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Wird er tatsächlich Fragen zu Wirecard beantworten? Das weiß nur Markus Braun selbst.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der frühere Wirecard-Vorstandschef Braun hat vor einiger Zeit überraschend angekündigt, mit der Staatsanwaltschaft kooperieren zu wollen. Bis heute ist unklar, ob er es ernst meinte oder geflunkert hat. Ihm droht eine weitere Ladung in den Bundestag.

Als der Linke-Bundestagsabgeordnete Fabio De Masi über das Verhalten von Markus Braun endgültig genervt war, stellte er Fragen, die mit dem Wirecard-Skandal nichts zu tun haben. Er wollte von dem Zeugen wissen: "Wie lautet der Titel Ihrer Doktorarbeit?" Und ganz allgemein: "Haben Sie etwas aus ihrem Leben gemacht?" Doch der inhaftierte Ex-Vorstandschef des früheren Dax-Konzerns nutzte auch hier sein Recht zu schweigen. Es steht ihm zu, weil er das Risiko einer Selbstbelastung nicht einzugehen braucht.

Von den 83 Fragen, die Braun im Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal gestellt worden waren, ließ er 80 unbeantwortet. Aber eine seiner drei kurzen Einlassungen hatte es in sich. Nachdem der Österreicher überraschend coram publico verkündet hatte, er sei bereit, mit der gegen ihn ermittelnden Staatsanwaltschaft München zu kooperieren, hakte De Masi nach: Heiße das, dass er schon am nächsten Tag mit der Anklagebehörde sprechen würde. Braun erklärte kurz und schmerzlos: "Ja."

"Unter Druck ist der Möchtegern-Alpen-Steve-Jobs immerhin an der Stelle eingeknickt", sagte De Masi. "Ich konnte ihm entlocken, dass er ab sofort vor der Staatsanwaltschaft aussagen wolle." Dabei kennt der Linke-Politiker den Haken an der Ankündigung nur zu gut. Niemand weiß, was die Erklärung Brauns konkret bedeutete, ob er vor der Öffentlichkeit damit guten Willen bekunden oder vorgaukeln wollte, zur Aufarbeitung des größten Bilanzfälschungsskandals der Nachkriegszeit beitragen zu wollen. Der Zeuge machte klar: Erst rede er mit den Strafermittlern, dann vielleicht kommendes Jahr vor den parlamentarischen Aufklärern.

Drei Wochen ist das nun her. Seither herrscht großes Rätselraten. "Bisher ist öffentlich nicht bekannt, was er tut", erklärte De Masi. Es werde sich erweisen, ob der Untersuchungshäftling "erneut gelogen" habe. Falls er mit den Staatsanwälten spreche, sei die Frage, was genau. "Denn Braun sieht sich ja als Opfer von Betrug und hofft, nur wegen Marktmanipulation verurteilt zu werden. Seiner Ansicht nach sind Vorstand, Aufsichtsbehörden, Wirtschaftsprüfer und Politiker alle Opfer von Jan Marsalek", dem vermutlich nach Russland geflohenen, ehemaligen Wirecard-Vorstandsmitglied. "Das ist unglaubwürdig."

"Keinerlei Anzeichen, dass er auspackt"

Die Staatsanwaltschaft München teilte ntv.de auf Anfrage mit, sie stehe "hinsichtlich der angekündigten Bereitschaft", vor den Ermittlern auszusagen, "in enger Abstimmung mit den Verteidigern des Beschuldigten". Eine Sprecherin erklärte, es seien "Vernehmungen in Vorbereitung". Wie bisher würden aus ermittlungstaktischen Gründen keine konkreten Aussagen gemacht. "Den Umfang der von ihm (Braun) beabsichtigten Angaben können wir natürlich nicht vorhersehen, genauso wenig, ob damit eine vollumfängliche Kooperation einhergeht." Alfred Dierlamm, Strafverteidiger des Beschuldigten, wollte sich nicht äußern. Er bat in einer Antwortmail lediglich darum, die Unschuldsvermutung zu beachten.

Mehrere Ausschussmitglieder, mit denen ntv.de zu dem Thema gesprochen hat, erwarten keinen signifikanten Beitrag zur Aufklärung des Wirecard-Debakels oder gar ein Geständnis - falls Braun überhaupt mit den Staatsanwälten spricht. Abgeordnete bestätigten, dass die Staatsanwaltschaft jüngst mitgeteilt habe, dass sich der Beschuldigte bisher nicht eingelassen habe. "Noch ist nichts passiert", sagte Hans Michelbach, der die CSU in dem Ausschuss vertritt. Sein SPD-Pendant Jens Zimmermann erklärte: "Es gibt keinerlei Anzeichen, dass er auspackt. Brauns dünne Aussage gehörte wohl zu seiner Strategie, sich als geschädigtes Opfer zu sehen."

Tatsächlich ließ der gescheiterte Manager durch sein kurzes Eingangsstatement vor den Aufklärern erahnen, wie seine Verteidigungsstrategie in einem etwaigen Prozess aussehen könnte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen bandenmäßigen Betrugs. Der Ex-Wirecard-Chef hatte erklärt, er habe "zu keiner Zeit Feststellungen getroffen oder Hinweise erhalten, dass sich Behörden, Aufsichtsstellen oder Politiker nicht korrekt, pflichtwidrig oder in irgendeiner Form unlauter verhalten hätten". Das gelte auch für den "massiv getäuschten" Aufsichtsrat und die Wirtschaftsprüfer. Das "Manager Magazin" kommentierte: "Jetzt wissen wir, wie Markus Braun seinen Kopf retten will."

Der Untersuchungsausschuss will Braun nicht so einfach davonkommen lassen. Nach Worten seines Vorsitzenden Kay Gottschalk von der AfD hatte das Gremium die Staatsanwaltschaft um eine Stellungnahme gebeten, ob der Österreicher zumindest die Fragen beantworten müsse, die mit seinem Verfahren nichts zu tun hätten. "Wir hatten auf die Antwort aus München gehofft: 'Na klar, kann der Braun aussagen, das wird ihm sogar positiv angerechnet.' Aber die Anklagebehörde wollte sich dazu aus nachvollziehbaren Gründen nicht äußern." Mit anderen Worten: Die Strafermittler wollten sich nicht in das Berliner Geschehen reinhängen.

Neuer Auftritt im U-Ausschuss fraglich

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Diese Woche läuft laut Gottschalk die Frist des Untersuchungshäftlings ab, in der er sich "glaubhaft" zu jeder einzelnen im Ausschuss gestellten Frage äußern sollte, warum er sie nicht beantworten wollte. "Danach befinden wir, ob wir ihn noch einmal laden werden. Sollten seine Gründe nicht ausreichen, verweise ich auf das alte Sprichwort: Wiedersehen macht Freude." Die Entscheidung fällt der Ausschuss wahrscheinlich kommenden Donnerstag.

"Ich glaube nicht, dass wir von Herrn Braun noch einmal etwas hören und sehen werden", sagte Zimmermann. Michelbach ist da nicht so sicher: "Wir warten noch ab, ob er die Öffentlichkeit abermals hinter die Fichte geführt hat." Nach Angaben des CSU-Abgeordneten soll sich Braun bis zum nächsten Donnerstag erklären, "ob er aussagen wird oder nicht". Wenn nicht, werde er nochmals nach Berlin geladen. Lasse er sich vollumfänglich bei der Staatsanwaltschaft ein, habe er keinen Grund mehr, im Ausschuss zu schweigen. "Wir lassen uns ungerne anlügen."

Quelle: ntv.de