Wirtschaft

Zeuge verweigert jede Auskunft Dr. Braun in der Endlosschleife

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Ex-Wirecard-Chef Braun weigert sich konsequent, Fragen zu beantworten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Untersuchungsausschuss, der den Wirecard-Skandal aufdecken soll, hört den früheren Konzern-Chef Markus Braun als Zeugen. Die Aussage wird zur Farce. Der inhaftierte Ex-Manager wiederholt immer nur einen einzigen Satz und verärgert damit die Abgeordneten.

"Ich wohne derzeit in der JVA Augsburg", sagt Markus Braun, was ein bisschen nach Trübsal klingt. Allerdings erscheint der 51-Jährige nicht wie ein gebrochener Mann, als er am Donnerstag vor dem Untersuchungsausschuss zur Aufklärung des Wirecard-Skandals Rede und Antwort steht - oder besser gesagt: stehen soll. Denn der frühere Vorstandschef des einstigen Dax-Konzerns weigert sich konsequent, Fragen zu beantworten. Schon bald verfällt er in eine Endlosschleife aus dem immer gleichen Satz. "Diese Frage werde ich heute nicht beantworten."

Der Österreicher, der im Verdacht steht, den größten Bilanzbetrug der deutschen Nachkriegszeit maßgeblich mitzuverantworten, gibt zunächst eine nicht mal zehnminütige, persönliche Erklärung ab. Die Bundestagsabgeordneten lässt er wissen, er habe Vertrauen "in die Unabhängigkeit und Objektivität der Ermittlungsbehörden", insbesondere darauf, "dass die Staatsanwaltschaft München den Fall "umfassend aufklärt und damit meine ich auch den Verbleib der veruntreuten Unternehmensgelder". Verschwunden sein sollen mehr als drei Milliarden Euro. Wo das Geld ist, konnte bisher nicht geklärt werden.

"Habe der Staatsanwaltschaft Kooperation angeboten"

"Bislang" habe er sich nicht persönlich zu den Vorwürfen geäußert, erklärt Braun und hat dann eine für die Öffentlichkeit eher überraschende Mitteilung parat: Er habe der Anklagebehörde von Beginn an "meine Kooperation angeboten. Dazu stehe ich auch heute noch." Diese Offerte gelte indes "zunächst und vorrangig gegenüber der Staatsanwaltschaft München". Vor dem Ausschuss werde er sich jetzt "nicht zu den Sachverhalten" äußern. Eventuell im nächsten Jahr, ergänzt er später.

Ohne dabei auf seine eigene Rolle einzugehen, nimmt Braun andere Beteiligte des Skandals in Schutz. Er habe "zu keiner Zeit Feststellungen getroffen oder Hinweise erhalten, dass sich Behörden, Aufsichtsstellen oder Politiker nicht korrekt, pflichtwidrig oder in irgendeiner Form unlauter verhalten hätten", berichtet der frühere Wirecard-Chef. Das gelte auch für den "massiv getäuschten" Aufsichtsrat als Kontrollorgan und für die Wirtschaftsprüfer, wobei er den Namen Ernst & Young (EY) erst später nennt. "Am Ende werden unabhängige Richter entscheiden, wer die rechtliche Verantwortung für den Zusammenbruch des Unternehmens der Wirecard AG trägt."

Das klingt so, als hätte Braun erst im Zuge der Berichterstattung im Frühsommer 2020 mitbekommen, dass Wirecard seine Bilanz um 1,9 Milliarden Euro geschönt hätte. In einer E-Mail an den U-Ausschuss beschrieb die Münchner Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl den gescheiterten Top-Manager als Strategen eines hierarchischen Systems nach dem Prinzip "teile und herrsche".

Doch Braun hinterlässt am Donnerstag nicht den Eindruck eines dominanten Machtmenschen, als der er vielfach beschrieben worden ist. Er wirkt wie ein Gescheiterter, dem alle Felle längst davon geschwommen sind, und der sich ganz in die Hände seines Anwalts begeben hat. Dass Braun das Aussageverweigerungsrecht für sich in Anspruch nimmt, hatte der Ausschuss erwartet - denn ihm drohen viele Jahre Haft. Doch dass er derartig hart darauf besteht, sorgt in dem Gremium für Entsetzen und Wut.

"Ich beantworte Ihnen heute keine Fragen"

Braun sagt zu seinem umfassenden Aussageverweigerungsrecht: "Das bedeutet, dass ich ihnen heute keine weiteren Fragen beantworten werde." Von nun an macht der ehemalige Vorstandschef, dem bandenmäßiger Betrug zur Last gelegt wird, keine einzige Aussage mehr zu konkreten Sachverhalten, die der Ausschuss aufklären will. Bis auf wenige Ausnahmen sagt er permanent Sätze wie: "Ich werde mich heute nicht abweichend zu meinem Statement äußern."

Braun verweigert die Auskunft zu Wirecard, zu anderen Managern des Konzerns, zu Spekulationen über Geheimdienstkontakte, zu seinem flüchtigen Ex-Kollegen Jan Marsalek und zu seinen mutmaßlichen Beziehungen ins Kanzleramt und zu anderen aktiven oder früheren Politikern. "Sie sprechen lauter Sachverhalte an, die verfahrensrelevant sind", sagt er mit monotoner Stimme. Selbst auf die Frage des CDU-Abgeordneten Matthias Hauer, ob er "allgemein" erläutern wolle, wie bestimmte Finanzgeschäfte funktionierten und er zu Corporate Governance stehe, erklärt Braun: "Ich habe mein Statement abgegeben, ich werde bei dem Statement bleiben."

Appelle, Respekt vor dem Bundestag und der Öffentlichkeit zu zeigen, fruchten genauso wenig wie die Androhung eines Ordnungsgeldes oder die Ermahnung des CSU-Parlamentariers Hans Michelbach, doch das "Prinzip ehrbarer Kaufmann" zu beachten. So werde Braun seine "Glaubwürdigkeit nicht erhöhen". Im Interesse der Öffentlichkeit hätte der Ex-Wirecard-Chef aussagen sollen, "um Schaden von unserem Land abzuwehren". Braun meint dazu: "Ich werde mich heute nicht abweichend von meinem Statement äußern." Michaelbachs SPD-Kollegin Cansel Kiziltepe will von Braun wissen, ob ihm klar sei, dass er "unserem Wirtschafsstandort großen Schaden zugefügt" und "Vertrauen in Institutionen" zerstört habe. Der Zeuge wirft seine Platte abermals an: "Ich bleibe bei meinem Statement."

War Braun nun im Kanzleramt oder nicht?

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar, ein Rechtsanwalt, erklärt, warum der Ausschuss weiter bohren müsse, obwohl es als sinnlos erscheint. Der Fragenkatalog müsse abgearbeitet werden, "um an die nächsten Schritte anknüpfen zu können, mit denen Sie sicher rechnen können". Auch das perlt an Braun ab. Er hört stets aufmerksam zu. Manchmal belehrt er einen Parlamentarier: "Die Frage wurde schon gestellt."

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Der Linke-Abgeordnete Fabio De Masi zeigt sich schwer genervt und lässt das den Zeugen spüren wie kein anderer in dem Ausschuss. "Momentan ist das für seinen Anwalt leicht verdientes Geld", findet De Masi. Einmal fährt er Braun über den Mund und macht klar, in dem Gremium entschieden die Abgeordneten "und nicht jemand, der von der JVA übergestellt wurde".

Danyal Bayaz von den Grünen schafft das Kunststück, von Braun eine Auskunft zu erhalten. Ob der Zeuge schon einmal im Bundestag gewesen sei, fragt er. "Nein", sagt Braun. "Und im Kanzleramt?" Der Ex-Wirecard-Chef antwortet: "Ich verweise auf mein Statement." Bayaz stößt eine Art Jubelschrei aus. Der ist ironisch gemeint. Allerdings ist nun klar sein: Braun dürfte im Kanzleramt gewesen sein.

Quelle: ntv.de