Wirtschaft

Überraschung bei Wirecard Eine Entschuldigung live aus dem Knast

137467239.jpg

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun, derzeit wohnhaft in der JVA Stadelheim in München, Donnerstag vor dem Untersuchungsausschuss.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nachdem sich Ex-Wirecard-Chef Braun dem Untersuchungsausschuss fast völlig verweigert hatte, sorgte ein Zeuge für Staunen: Er bat um Vergebung. Das Gremium kann einen Erfolg verbuchen. Drei Beschuldigte kündigten öffentlich an, mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren.

Etwa 45 Minuten fehlen noch bis Mitternacht, da erscheint Oliver Bellenhaus auf dem Bildschirm einer Liveübertragung aus Bayern in ein Gebäude des Bundestages. Man sieht sofort, dass er aus einem Gefängnis zugeschaltet ist. Vor einem Fenster des sparsam eingerichteten Raums, in dem sich der 47-Jährige mit seinem Rechtsanwalt befindet, sind Gitter. Die triste Wandfarbe ist typisches Knast-Gelb. Bellenhaus sieht wie jemand aus, der psychischen Stress verarbeitet. Man ahnt nicht ansatzweise, dass er noch vor wenigen Monaten gut verdienender Topmanager eines Konzerns war, dem die Anleger zuflogen. Er wirkt abgemagert, trägt Dreitagebart, kurze Haare und ein schwarzes T-Shirt. Befragt nach seiner momentanen Meldeadresse, sagt er: "Derzeit wohnhaft in der JVA Stadelheim in München."

Der Inhaftierte war einst der Repräsentant von Wirecard in Dubai. Er hatte maßgeblichen Anteil an Gewinnen, die sich als Schein statt Sein herausstellten. Nach der Pleite des Konzerns stellte er sich im Juli den deutschen Ermittlern und legte ein umfassendes Geständnis ab. Seither wird er von der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge bezeichnet. Dass er es ernst meint, einen Beitrag zur Aufklärung des größten Bilanzbetrugs der deutschen Nachkriegszeit zu leisten, zeigt sich an einer Geste gleich zu Beginn einer kurzen persönlichen Erklärung als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss, der das Wirecard-Debakel aufarbeitet.

"Ein Riesendesaster, durch nichts zu beschönigen"

Bevor Bellenhaus ankündigt, als Beschuldigter von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch zu machen, und darum bittet, deshalb erst später von dem Ausschuss vernommen zu werden, bedankt er sich für die Möglichkeit eines Eingangsstatements. Er sagt: "Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich bei Ihnen als Vertreter der Öffentlichkeit als auch bei den Geschädigten zu entschuldigen." Die "zur Aufklärung anstehende Angelegenheit" nennt er "ein Riesendesaster, das sich durch nichts beschönigen lässt".

Damit ist der Zeuge der erste Wirecard-Topmanager, der den Ansehensverlust für den Wirtschaftsstandort Deutschland und die Milliardenverluste der Anleger vor Publikum bedauert. Abgeordnete von Koalition und Opposition rechnen ihm die Einlassung hoch an und entsprechen seinem Wunsch, erst die Vernehmungen mit der Staatsanwaltschaft zu beenden und dann dem Ausschuss Rede und Antwort zu stehen. Das dürfte auch im Interesse der Ermittler in München liegen, die sonst befürchten müssten, dass Äußerungen von Bellenhaus zu früh anderen Beschuldigten bekannt werden. Abgeordnete aller Fraktionen glauben der Zusage von Bellenhaus, nicht zu tricksen und tatsächlich Ende Januar in Berlin konkrete Angaben zu dem Skandal zu machen.

"Da können sich die Geschädigten nichts für kaufen", sagt Matthias Hauer von der CDU zu der Entschuldigung und fügt mit gekünstelter Strenge an: "Das führt auch nicht dazu, dass wir ihn nun anders behandeln. Aber so können wir Ende Januar mit substanzvolleren Aussagen rechnen als bei Herrn Dr. Braun." Tatsächlich könnte der Kontrast nicht größer gewesen sein zwischen den Statements von Bellenhaus und dem früheren Vorstandsvorsitzenden Markus Braun, der zu Beginn der Sitzung ab 13:30 Uhr als Zeuge vernommen worden war.

Braun verärgert die Parlamentarier

Braun berief sich ebenfalls darauf, als Beschuldigter eines Strafverfahrens, das mit zig Jahren Haft für ihn enden könnte, nichts sagen zu müssen, was ihn belasten könnte. Der 51-Jährige war vor dem Bundesgerichtshof mit dem Versuch gescheitert, seine Vernehmung in Berlin zu verbieten - er hatte das Ansinnen mit der Corona-Gefahr begründet. Eine kurze persönliche Erklärung entsprach seiner bisherigen Linie, alle Anschuldigungen zurückzuweisen und sich als Opfer darzustellen. Den Vorwurf des Betruges hält er offenbar generell für unbegründet. Er sprach von "veruntreuten Unternehmensgeldern". Darüber hinaus verweigerte er Antworten auf fast jede Frage, selbst zu seinem Doktortitel oder unternehmerischen Grundsätzen.

Es ist die Art und Weise gewesen, mit der Braun die Parlamentarier nachhaltig verärgerte, sodass klar ist, dass der Ausschuss juristische Mittel nutzen wird, den früheren Konzernchef zu Einlassungen zu zwingen. Nach der insgesamt 14-stündigen Sitzung äußert sich der Linke-Abgeordnete Fabio De Masi in einem Mix aus Mitleid und Geringschätzung. Unter Anspielung auf Brauns Herkunft aus Österreich meint er: "Das Häufchen Elend hat gezeigt, dass ein früherer Alpen-Steve-Jobs sehr schnell auf eine sehr bedauernswerte Figur schmelzen kann."

Bellenhaus versus Braun

Sein Grünen-Kollege Danyal Bayaz verweist auf den Unterschied der "Tonlage und im Habitus" zwischen Bellenhaus und Braun. "Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass wir Herrn Braun nochmals sehen werden." Florian Toncar, der für die FDP in dem Ausschuss und selbst Rechtsanwalt ist, betont, selbstverständlich habe der Zeuge das Recht, Aussagen zu verweigern, die ihn belasten könnten. "Er ist aber klar über die Grenzen des Zulässigen hinausgegangen" und hätte etwa über seine Kontakte in die Politik oder zu Regulierungs- und Aufsichtsbehörden sprechen können. Aus Sicht von Toncar zeigt Braun nur seinen Charakter: "Er fühlt sich nicht an Regeln gebunden oder glaubt, sie definieren zu können."

Mehr zum Thema

Ungeachtet der Empörung kann sich der Ausschuss - insbesondere die Opposition - allerdings auf die Fahnen schreiben, dass nun drei frühere Wirecard-Topmanager öffentlich erklärt haben, mit den strafrechtlichen Ermittlern zu kooperieren. Auch Braun kündigte dies zur Überraschung der Öffentlichkeit an, auf Nachfrage fügte er an: ab diesem Freitag sei dies denkbar. Ein dritter Zeuge, der das Gremium nach Angaben von De Masi "noch vergangene Woche verklagen wollte", gab ebenfalls bekannt, in Bälde vor der Staatsanwaltschaft aussagen und danach Ende Januar vor dem Bundestagsgremium erscheinen zu wollen.

"Dem Ausschuss wird man nicht mehr vorhalten können, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu behindern. Heute haben wir sie eher befördert", sagte De Masi. Bayaz glaubt gar, dass die Anklagebehörde durch die Arbeit der Abgeordneten "einen Schuss Motivation bekommen hat, schneller zu ermitteln".

Quelle: ntv.de