Wirtschaft

Risikomanagement in der Ukraine Deutsche Firmen bereiten sich auf Einmarsch vor

238584402.jpg

Die Auftragsbücher deutscher Autozulieferer in der Ukraine, wie hier LEONI, sind aktuell gut gefüllt.

(Foto: picture alliance / Photoshot)

Noch ist unklar, ob Russland seine Drohkulisse tatsächlich umsetzt. Deutsche Unternehmen in der Ukraine müssen deshalb für alle Szenarien gewappnet sein. Der Chef der Außenhandelskammer glaubt nicht an einen Einmarsch. Doch Putin wolle die Ukraine in ihrer Entwicklung ausbremsen.

Die rund 2000 Unternehmen in der Ukraine mit deutscher Beteiligung bereiten sich in dem Konflikt mit Russland auf verschiedene Szenarien vor - auch auf einen Einmarsch. Das berichtet der Geschäftsführer der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer, Alexander Markus, ntv.de. Er gehe davon aus, dass das ein oder andere Unternehmen sich bereits nach Büros weiter im Westen der Ukraine umsieht. Im Falle eines Einmarsches würden zum Beispiel Händler Nutzfahrzeuge in Grenznähe zu anderen Ländern verlagern, um sie leichter außer Landes zu schaffen zu können.

"Das ist ganz normales Risikomanagement", erklärt Markus, der seit mehr als zehn Jahren in der Ukraine lebt. Der Außenhandelsexperte glaubt jedoch nicht an einen Einmarsch, sondern hofft, dass die russische Seite "nur" eine Drohkulisse geschaffen hat - die sie allerdings noch länger aufrechterhalten werde. Das Ziel: der Ukraine zu schaden.

In Markus' Augen fürchtet der russische Präsident Wladimir Putin, dass sich die Ukraine genauso gut entwickelt wie Polen vor rund 20 Jahren, und zwar Richtung Europa. Dann würde der Druck auf Putin seitens der russischen Bevölkerung wachsen, die eine ähnliche wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Entwicklung erwarten würde.

So viele Aufträge für Zulieferer wie nie

"Die Ukraine ist im geografischen Europa das größte Land - nur der europäische Landesteil Russlands ist größer - und hat mehr als 40 Millionen Einwohner", unterstreicht Markus. "Das Land hat eine starke Zivilgesellschaft, jeder kann zum Beispiel seine Meinung frei vertreten." Auch die Wirtschaft habe sich zuletzt gut entwickelt. "Das sind alles Dinge, die für die russischen Eliten eine Bedrohung darstellen können", sagt der Kammerchef.

foto_AM_Bayern.jpg

Alexander Markus

(Foto: AHK Ukraine)

Die Ukraine stand zwar 2014 kurz vor der Staatspleite. Nach einem erneuten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um gut 7 Prozent im Corona-Jahr 2020 wuchs das BIP im vergangenen Jahr aber wieder wie in den Jahren zuvor um gut 3 Prozent. "Die Autozulieferer in der Ukraine hatten zuletzt so viele Bestellungen wie nie zuvor", berichtet Markus. "Und noch nie gab es so viele Anfragen zu Standortverlagerungen in die Ukraine wie im vierten Quartal des vergangenen Jahres."

Doch schon die aktuelle Drohkulisse eines russischen Truppeneinmarsches schade der ukrainischen Wirtschaft, wenn auch noch nicht besonders stark, erläutert Markus. Dabei gehe es um die psychologische Wirkung; so würden etwa Pläne ausländischer Unternehmen, in der Ukraine zum ersten Mal aktiv zu werden, zurückgestellt. Auch geplante Investitionen oder Expansionen würden auf Eis gelegt.

Deutsche Manager verlassen das Land

Der Chef der deutsch-ukrainischen Kammer geht davon aus, dass Russland das Bedrohungsszenario nicht umsetzt, da er sich kein militärisches Ziel vorstellen könne. "Außer Angst und Schrecken zu verbreiten, um die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Ukraine einzuschränken."

Nach dem Aufruf der Bundesregierung an deutsche Staatsbürger, die Ukraine kurzfristig zu verlassen, müssen deutsche Führungskräfte allein schon aus Versicherungsgründen ausreisen. Nach zwei Jahren Pandemie samt Homeoffice stellt die Fortsetzung ihrer Arbeit an einem anderen Ort laut Markus aber keinen großen Unterschied dar. "Das heißt nicht, dass das Business aufhört." Viele Manager betreuen ohnehin Standorte in mehreren Ländern.

Deutsche Unternehmen haben nach Angaben der Kammer rund 50.000 Arbeitsplätze in der Ukraine geschaffen, doch die sind zum ganz überwiegenden Teil mit Ukrainern besetzt. Viele der Unternehmen hätten auch keine deutschen Geschäftsführer mehr. Deutsche Firmen sind vor Ort vor allem in den Branchen Automobil- und Elektronik-Zu­liefer­in­dus­trie, Landwirtschaft, Handel und IT vertreten.

Teils veraltete Produktionsanlagen

Die wichtigsten Wirtschafts­zweige der Ukraine sind die Chemie- und Metall­in­dus­trie, die Land- und Er­nährungs­wirt­schaft, der Maschinen­bau sowie zu­nehmend auch die In­for­ma­tions­technik und die Auto­mobil-Zu­liefer­in­dus­trie, wie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ausführt. Die Industrie sei allerdings inter­national kaum wett­be­werbs­fähig, weil Produktions­anlagen veraltet seien und zu viel Energie ver­brauchten. Es gebe aber auch einige hoch entwickelte industrielle Sektoren, etwa den Flug­zeug- und Raketen­bau.

In der Rangfolge der Handelspartner Deutschlands rangierte die Ukraine mit gut 7 Milliarden Euro Gesamtumsatz laut Statistischem Bundesamt 2020 gerade mal auf Platz 43. Deutschland exportierte Waren im Wert von knapp 4,6 Milliarden Euro in die Ukraine und importierte von dort für rund 2,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das Handelsvolumen mit Deutschlands wichtigstem Partner China betrug mehr als 213 Milliarden Euro, mit dem größten Importeur deutscher Waren USA gut 171 Milliarden. Russland lag mit einem Gesamtumsatz von fast 45 Milliarden Euro immerhin auf Rang 14.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen