Wirtschaft

Kieler Institut senkt Prognosen Deutsche Wirtschaft strauchelt

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Die industrielle Auslastung soll laut IfW stark nachgeben.

(Foto: dpa)

Handelskonflikte und der Brexit sorgen für weltweite wirtschaftspolitische Unsicherheit. Das dürfte sich auch bei der deutschen Wirtschaft bemerkbar machen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft erwartet daher deutlich negativere Entwicklungen. Ein anderes Institut ist etwas optimistischer.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat Deutschland eine deutlich ungünstigere Entwicklung vorhergesagt als zuvor andere Forscher und seine Prognosen stark gesenkt. "Die deutsche Konjunktur kühlt sich deutlich ab, und die globale politische Unsicherheit setzt der deutschen Wirtschaft zu", erklärte das IfW. Dazu beigetragen haben dürfte nicht zuletzt die weltweit hohe wirtschaftspolitische Unsicherheit, bedingt etwa durch Handelskonflikte und den Brexit. Die Ökonomen senkten ihre Prognose für 2019 daher auf 0,6 Prozent und für 2020 auf 1,6 Prozent. Bisher hatten sie ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1,0 Prozent im laufenden und 1,8 Prozent im kommenden Jahr erwartet.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte hingegen am Morgen seine Wachstumsprognosen für dieses und nächstes Jahr nur leicht nach unten korrigiert. Das IfW erwartet nun ein Wachstum von 0,9 Prozent für dieses und 1,7 Prozent für kommendes Jahr und bescheinigte der deutschen Wirtschaft, weiter "gut aufgestellt" zu sein.

"Die Grundtendenz der Konjunktur hat sich deutlich abgeschwächt", erklärte hingegen das Kieler IfW. Der Anstieg des BIP im ersten Quartal um 0,4 Prozent sei vor allem Sonderfaktoren geschuldet wie Aufholeffekten in der Autoindustrie nach Problemen mit dem Prüfverfahren WLTP. Für das zweite Quartal zeichne sich sogar ein leichter BIP-Rückgang ab. Die gesamtwirtschaftliche Produktion dürfte danach zwar wieder zulegen, aber nur in moderatem Tempo. "Insgesamt nimmt die gesamtwirtschaftliche Auslastung ab", erklärten die Ökonomen. Die vergleichsweise starke Zuwachsrate für das kommende Jahr gehe zu 0,4 Prozentpunkten auf eine hohe Anzahl an Werktagen zurück.

Industrie schwächelt, privater Konsum könnte zulegen

Insgesamt sei das Konjunkturbild uneinheitlich. Während die industrielle Auslastung deutlich nachgebe und der Dienstleistungssektor nur moderat zulege, dauere der Bauboom an. Der private Konsum dürfte dank weiter kräftig steigender Einkommen mit Raten von 1,7 Prozent in diesem und 1,4 Prozent im nächsten Jahr wieder spürbar anziehen. Die Exporte werden zwar allmählich wieder Tritt fassen, aber mit Raten von 1,2 Prozent 2019 und 3,5 Prozent 2020 nur moderat steigen. Die Arbeitslosigkeit dürfte nach den Kieler Berechnungen kaum noch weiter sinken. Die Arbeitslosenquote soll nach der Prognose dieses Jahr bei 4,9 Prozent und nächstes Jahr bei 4,8 Prozent liegen.

IfW-Präsident Gabriel Felbermayr forderte eine Unternehmenssteuerreform und eine Abschaffung des Solidaritätszuschlages. "An der globalen politischen Unsicherheit, die die Unternehmen hierzulande belastet, kann die deutsche Politik wenig ändern", hob er hervor. "An der Standortqualität hingegen schon." IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths betonte, die deutsche Wirtschaft befinde sich im Abschwung, "nicht im Absturz". Ähnlich wie der langgezogene Aufschwung könnte nun auch die Entspannung nach dem Boom milder ausfallen als in früheren Zyklen. Eine steuerliche Entlastung der Unternehmen würde jetzt "besser in die konjunkturelle Landschaft passen".

Auch Prognosen der Bundesregierung gedämpft

Auch die Bundesregierung rechnet mit anhaltendem Gegenwind für die deutsche Wirtschaft. "Die Binnenkonjunktur ist weiter intakt, aber die exportorientierte Industrie durchlebt eine Durststrecke", heißt es in dem aktuellen Monatsbericht des Wirtschaftsministeriums. Nach dem deutlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal von 0,4 Prozent blieben die Aussichten für das zweite erst einmal gedämpft.

"Der spürbare Rückgang der Auftragseingänge in der Industrie seit Jahresbeginn sowie das sich bis Mai weiter eintrübende Geschäftsklima signalisieren ein Andauern der industriellen Schwächephase", betonte das Ministerium. Beschäftigung und Einkommen dürften aber nach wie vor spürbar zulegen, ebenso die Bauinvestitionen. "Am Arbeitsmarkt zeigen sich erste Bremsspuren", schreiben die Experten des Ministeriums. "Beim Zuwachs der Erwerbstätigkeit verfestigt sich die niedrigere Dynamik."

Die Arbeitslosigkeit habe im Mai nicht nur aufgrund von Sondereffekten zugenommen. Die Bundesagentur für Arbeit bereitet sich angesichts der abkühlenden Konjunktur bereits auf einen Anstieg der Kurzarbeit in Industriebranchen vor, wie Arbeitsagenturchef Detlef Scheele jüngst mitteilte. Die Bundesregierung rechnet in diesem Jahr wegen der Handelskonflikte und Risiken wie dem Brexit nur mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent. 2018 hatte es noch zu 1,4 Prozent gereicht.

Quelle: n-tv.de, aeh/DJ/rts

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