Wirtschaft

"Dreckschleuder" war gestern Deutsche sind verrückt nach SUVs

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Mainstream beim SUV ist nicht mehr das alte Dickschiff, sondern der Kompakt-SUV.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Klima- und Umweltdiskussionen hin oder her, Neuwagenkäufer in Deutschland entscheiden sich immer häufiger für größere Karossen. Bereits in fünf Jahren könnten fast die Hälfte aller Neuwagen SUVs sein, prognostiziert Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Keine Karosserieform ist so umstritten wie die der SUVs (kurz für: Sports Utility Vehicles). Wegen ihrer schlechten CO2-Bilanz werden sie als "Klimakiller" kritisiert und wegen ihrer Größe von anderen Verkehrsteilnehmern nicht selten als Gefahr im Straßenverkehr angesehen. Trotzdem wächst keine Fahrzeugvariante in Deutschland so dynamisch. Schon jetzt zeichnet sich für 2021 ein neuer Rekord ab.

Laut CAR-Institut sind in den ersten sechs Monaten auf Deutschlands Straßen 484.000 neue SUVs dazugekommen. Das ist ein Marktanteil von 34,8 Prozent. Im Jahr 2019 waren gut 31 Prozent der Neuwagen SUVs. "Die 35 Prozent fürs Gesamtjahr 2021 dürften sicher sein", sagt Institutsleiter Ferdinand Dudenhöffer ntv.de. Und nach Ansicht des Autoexperten gibt es in Deutschland "noch viel Luft nach oben".

Die Zahlen der vergangenen Jahrzehnte lassen es erahnen: Zwischen 2010 und 2020 wuchs der Markt jährlich um elf Prozent. In den vergangenen 25 Jahren ist er überhaupt nur in drei Einzeljahren gar nicht gewachsen. Auch das Angebot an Geländelimousinen oder Stadtgeländewagen, wie sie genannt werden, die optisch durch Höherlegung robusteren Geländewagen nacheifern, wächst kontinuierlich.

In Deutschland werden mehr als 120 SUV-Modelle angeboten. Allein 15 neue Modelle kamen in den vergangenen zwölf Monaten auf den Markt, davon sechs als vollelektrische Fahrzeuge, wie der Mustang Mach-E, Mercedes EQA und EQB, der VW ID.4 oder der Skoda Enyaq iV. "Jedes Angebot braucht eine Nachfrage, sonst läuft es sich tot. Hier haben sich zwei gefunden, die Freude aneinander haben", sagt Dudenhöffer.

Top-SUV-Verkäufer im CAR-Ranking ist im ersten Halbjahr 2021 Volkswagen. Insgesamt brachten die Wolfsburger knapp 93.000 SUVs an den Mann und die Frau. Das bedeutet, jedes dritte in Deutschland verkaufte Auto aus dem Konzern war ein SUV. Zweitgrößter Lieferant war BMW mit gut 42.000 Fahrzeugen. Bei den Münchenern sind es damit sogar 36 Prozent Anteil. Schlusslicht im Ranking ist Tesla - was sich mit dem neuen in Deutschland produzierten Model Y jedoch bald ändern dürfte.

"Der Diesel-SUV ist Geschichte"

In seiner Studie räumt Dudenhöffer mit althergebrachten Vorurteilen auf. Der Hang zur Größe bei den Neuwagenkäufern ist für ihn längst nicht mehr das Problem. Denn durchgesetzt haben sich nicht die altbekannten Straßenpanzer, "sondern die Jedermann-Autos". Mainstream beim SUV ist die Kompaktklasse.

Im ersten Halbjahr seien der Golf als SUV - sprich der VW Tiguan mit 36.500 Verkäufen - vor dem VW T-Roc - ein SUV mit VW-Polo-Maßen mit knapp 30.000 Verkäufen - die meistverkauften SUVs gewesen. "Dickschiffe wie ein BMW X7 oder Range Rover Velar wurden dagegen gerade mal 800 Mal in Deutschland zugelassen. Es gibt immer noch die Dickschiffe mit 600 PS und hohem Spritverbrauch, aber das ist wirklich die Nische in der Nische", so Dudenhöffer.

Ein kompakter SUV habe dem Autofahrer viel zu bieten, erklärt der Autoexperte: "Bessere Übersicht aufgrund hoher Fahrersitzposition und damit subjektiv mehr Sicherheit, den Rücken-geplagten Zivilisationsmenschen besseren und rückenschonendere Einstieg, ähnliche Praktikabilität wie der Kombi und dann sieht das ganze natürlich auch schick aus."

Auch die Tranformation zur E-Mobilität sei nicht spurlos an den "Straßenpanzern" vorbeigegangen. "Immer mehr SUVs kommen als vollelektrische Fahrzeuge und Plug-In-Hybride auf die Straße. Das Bild von der Dreckschleuder und vom Spritfresser hängt schief und ist mehr Vorurteil statt Realität", so Dudenhöffer. Die Richtung sei klar: "electric only". "In gut zehn Jahren werden die dicken Verbrenner-SUV das Schicksal der Dinosaurier teilen und aus dem Straßenbild verschwunden sein. Und gleichzeitig wird der SUV intelligent, sprich Software wird den SUV in Zukunft steuern. Damit werden unsere Städte ruhiger und unfallfreier."

Für Dudenhöffer ist Wachstum für die nächsten zehn Jahre so auf jeden Fall programmiert. "Wir sind derzeit bei knapp 35 Prozent Marktanteil. In USA haben die SUV gut 50 Prozent Marktanteil. Bei unseren Nachbarn in der Schweiz und Schweden, beides ja sehr umweltaffine Länder, liegen die Marktanteile bei 47 Prozent. Das gilt auch für China. Wenn man die USA als Maßstab nimmt - dort sind die SUV seit gut 40 Jahren Standard - dürfte es sich bei 50 Prozent einpendeln." Bis auf ein paar Hardliner hätten die Politiker der Grünen erkannt, "dass der Kampf gegen SUV ein Kampf gegen Windmühlen ist".

Quelle: ntv.de

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