Wirtschaft

Das lukrative Geschäft mit Müll Deutscher Plastikabfall verschmutzt Malaysia

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Berge aus Plastikmüll türmen sich vor einer illegalen Recycling-Anlage im malaysischen Jenjarom - darunter auch Abfall aus den USA, Großbritannien und Deutschland.

(Foto: REUTERS)

Der Apfelgriebsch kommt in die Biotonne, der Joghurtbecher in den Gelben Sack: Deutsche sind Recycling-Weltmeister. Doch Hunderttausende Tonnen Verpackungsmüll landen in Südostasien - nicht selten auf illegalen Deponien.

Deutschland ist Europameister im Wegwerfen. 220 Kilogramm Verpackungsmüll schmeißt jeder Deutsche jährlich in die Tonne. Ob aus schlechtem Gewissen oder Überzeugung, die meisten trennen emsig ihren Plastikmüll. Recycling ist nicht nur in, sondern schützt auch die Umwelt. Doch ein Drittel aller Verpackungen, die im Gelben Sack landen, gelten als nicht recyclingfähig. Sie sind entweder zu stark verschmutzt oder bestehen aus Verbundmaterial, das nur schwer voneinander zu trennen ist.

Was passiert also mit dem nur schwer wiederverwertbaren Rest? Der muss hierzulande verbrannt werden. Doch Verbrennungsanlagen sind rar und kosten Geld. Die lukrative Alternative lautet: Export. Somit wird ein Großteil des übrig gebliebenen Abfalls ins Ausland verschifft.

Über Jahrzehnte landete fast die Hälfte der globalen Kunststoffabfälle in China. Doch das Land will den Müll der Welt nicht mehr und hat den Import vergangenes Jahr gestoppt. Für Deutschland fiel damit der wichtigste Müllabnehmer weg. Die Entsorger standen vor der Wahl: Sollten sie viel Geld investieren und neue, modernere Recycling-Anlagen für den zusätzlichen Müll bauen? Oder einen neuen Abnehmer in Südostasien suchen, für den das Geschäft mit dem Abfall lukrativ ist? Sie entschieden sich für Letzteres.

100.000 Tonnen Plastikmüll haben deutsche Firmen 2018 nach Malaysia verschifft. Im Vorjahr landete nur etwa halb so viel in dem ostasiatischen Land. Und nicht nur Deutschland ist auf Malaysia ausgewichen. Auch andere Länder wie die USA, Japan und Saudi-Arabien verschiffen seit dem Importstopp Chinas Hunderttausende Tonnen zum Teil unsortierten Müll dorthin. Statt recycelt zu werden, landet dieser oft in illegalen Fabriken oder Deponien und belastet Mensch und Natur.

"Müllhalde der Welt"

Die ungebremste Einfuhr von Plastikmüll will Malaysia nun nicht länger hinnehmen und droht Tausende Tonnen unsortierter Abfälle wieder zurückzuschicken. "Malaysia wird nicht die Müllhalde der Welt sein", sagte Umweltministerin Yeo Bee Yin. Damit folgt sie dem Beispiel von den Philippinen. Nach monatelangen Querelen schickte die philippinische Regierung mehr als 1300 Tonnen Müll, also fast 33-LKW-Ladungen, nach Kanada zurück.

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Das könnte Deutschland auch blühen, sagt Thomas Fischer, Sprecher des Bundesverbands Sekundärstoffe und Entsorgung (bvse), n-tv.de mit Blick auf Malaysia. "Die Hersteller ließen sich allerdings zurückverfolgen und würden dann zur Verantwortung gezogen." Denn auch Haushalts- und Gewerbemüll aus Deutschland ist in Malaysia abgeladen worden, wie Recherchen der "Wirtschaftswoche" und des ZDFs ergaben.

Die Krise um den importierten Müll ist umso brisanter, als gerade die Länder Südostasiens kaum mit ihrem eigenen Abfall zurechtkommen. Jedes Jahr landen dort Hunderttausende Tonnen Müll im Ozean. Zusätzliche Abfallberge aus dem Ausland, die nicht richtig recycelt werden, verschärfen die Lage zusätzlich.

Deutschland recycelt zu wenig

Dass Malaysia sich nun gegen die Müllberge wehrt und Importlizenzen einführt, könnte ein Weckruf für die deutsche Industrie sein, ihre eigenen Kapazitäten doch noch auszubauen. Denn in Deutschland werde immer noch zu wenig recycelt, sagt Fischer. Gründe dafür gebe es viele. So sei der Bau von neuen Recycling-Anlagen mit großen Hürden verbunden. "Eine Standort-Genehmigung, beispielsweise für den Raum Berlin, dauert meist bis zu zwei Jahre", sagt der Recycling-Experte. Zudem sei der Export deutlich lukrativer.

Entsorgungsfirmen müssen im Schnitt 150 Euro pro Tonne bezahlen, wenn sie Müll in eine Verbrennungsanlage liefern. Mit dem Verschiffen nach Asien lässt sich dagegen sogar noch Geld verdienen. Dort kaufen Firmen nicht nur den Müll, sondern bezahlen oft auch den Transport mit dem Schiff. In Asien angekommen, sortieren dann Menschen für einen geringen Lohn den Müll per Hand. Sie verarbeiten so noch Plastik, an dem in Deutschland niemand mehr Interesse hätte. Den recycelten Abfall verkaufen sie dann als Rohstoff wieder zurück an die Industrie, zum Beispiel nach China.

Oft klinken sich aber auch Kriminelle in diese lange Handelskette ein. Auf illegalen Mülldeponien lassen sie den übriggebliebenen Abfall, den sie nicht verwerten konnten, einfach liegen. Da die ordnungsgemäße Entsorgung teuer ist, können sie so mehr Geld verdienen. In den letzten Monaten brannten in Malaysia mehrere dieser illegalen Müllhalden. Die Regierung vermutet Brandstiftung, um Spuren zu verwischen.

Es könne zwar sein, dass deutsche Unternehmen legal handelten, die Vertragspartner sich aber nicht an Vereinbarungen hielten, heißt es dazu aus dem Umweltministerium. Eine flächendeckende Kontrolle der Müllströme sei kaum möglich. Ziel müsse es sein, das Recycling-System in Deutschland zu stärken, sagt Fischer. Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft brauche es Investition in neue Recycling-Anlagen und Anreize für Hersteller, mehr wiederverwertbare Materialien einzusetzen.

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Quelle: n-tv.de

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